Schiffbau 29.09.2006, 19:24 Uhr

Setzt das Segel!  

VDI nachrichten, Kiel, 29. 9. 06, sta – Stephan Wrage liebt steife Brisen. Er ist begeisterter Lenkdrachenflieger und Freizeitkapitän. Im Studium kam ihm die Idee, den Wind auch für größere Aufgaben zu nutzen. Warum sollte der Luftstrom nicht auch Container-Riesen über die Weltmeere ziehen? Anfangs wurde der Wirtschaftsingenieur für diese Vision belächelt. Jetzt tritt er als Gründer der SkySails GmbH & Co KG den Beweis an, dass die Zeit der Großsegler nicht vorbei ist.

Eine schnittige Schönheit ist sie nicht. Eher träge dümpelt die 800 t schwere „Beaufort“ im Kieler Hafen. Stolze 37 Jahre hat sie schon auf ihrem stählernen Buckel. Die vielen Farbschichten an der Bordwand können das kaum kaschieren. Trotzdem ist sie innovativ. Mehr noch: Sie ist die Mutter einer neuen Generation von Schiffen. Das jedenfalls behauptet Stephan Wrage. Zum Beweis bittet der 34-jährige Wirtschaftsingenieur an Bord.

Es geht hinaus auf die Ostsee. Zwei 640 kW starke Dieselmotoren machen Fahrt – nicht viel, aber laut. Nur langsam verschwindet das Marine-Ehrenmal von Laboe am Horizont. Erst als eine Position auf offener See erreicht ist, werden die Maschinen in den Leerlauf geschaltet. Die Vibrationen des Decks klingen ab.

Wrage gibt das Signal zum Segel setzen. Am Bug des ehemaligen Tonnenlegers schiebt sich ein fünfgliedriger Turm gen Himmel. Schnell erreicht die Spitze eine Höhe von 12 m. Daran befestigt ist eine Art Nylonsack. Je länger der Wind an ihm zerrt, desto stärker entfaltet er sich. In die nach vorne geöffneten Kammern strömt solange Luft, bis sie prall gefüllt sind. Die entstehende Spannung sorgt dafür, dass sich das Tuch in die beabsichtigte Form fügt. Nach nur wenigen Minuten hat sich ein 80 m2 großer Parafoil entpuppt.

Das Drachensegel tanzt nervös am Mast. Es scheint, als giere es nach Freiheit. Kapitän Michael Vahs gewährt ihm diesen Wunsch. In seinem Leitstand drückt er einen kleinen Knopf. Die Konsole „TRM/920“ leitet den empfangenen Befehl weiter an die Mastspitze. Dort löst sich eine Halterung. Das Segel macht einen kleinen Sprung, gewinnt dann sofort an Höhe.

Mit der Beaufort ist der Kite jetzt nur noch über ein Kunststoffseil verbunden. Die 24 mm starke Trosse lässt sich von der Kraft der Natur nichts anmerken – sie ist auf starke Belastungen ausgelegt. Sollte eine Böe das „Dyneema“-Hightech-Material trotzdem mal an seine Zerreißgrenze bringen, rettet eine Winde. Auf ihr ist die gelbe Faser aufgewickelt. Sie gibt im Extremfall einige Meter zusätzlich frei. Eine installierte Zugkraftmessung macht dies möglich. Sie sorgt auch dafür, dass das Segel bei einer Flaute nicht ins Wasser fällt. Dazu verkürzt sie die Drachenschur mit einer Geschwindigkeit von bis zu 2 m/s. Das erhöht den Druck auf das Segel und hält es am Himmel.

Heute ist die See ruhig. Der Wind streift mit einer Geschwindigkeit von nur knapp 10 m/s über ihre Oberfläche. „Windstärke 3“, erklärt Kapitän Vahs. Ein Blick auf seine Anzeigentafel verrät ihm, dass das Segel trotzdem mit einer Kraft von immerhin 2 t an der Beaufort zieht. „Damit machen wir drei bis vier Knoten Fahrt“, so der 43-Jährige. Für Nicht-Seebären ergänzt er: „Das sind etwa 1,8 m/s.“

Trotz des lauen Lüftchens schlägt das Segel aufgeregt Kapriolen. Mal fliegt es nach steuerbord, mal zieht es Richtung backbord. Ein Absturz droht aber nie. „Unser Autopilot hat alles im Griff“, beruhigt Martin Lohss, zweiter Geschäftsführer von SkySails. Dabei zeigt er stolz auf eine leuchtend orange Gondel unter dem Schirm. „Das System arbeitet wie ein Gleitschirmflieger. Ein Elektromotor verkürzt oder verlängert die Steuerleinen links und rechts und korrigiert damit die Flugbahn.“ Die eingesetzte Elektronik sei das Ergebnis höchster Ingenieurskunst. „Unsere Flugautomatik ist ähnlich komplex wie die des Airbus A 380.“

Sein Können demonstriert der Autopilot, in dem er den Schirm auf Befehl sogar Achten an den Himmel zeichnen lässt. „Das ist weit mehr als eine Spielerei“, so Wrage. „Die dynamische Flugbewegung erhöht die Windgeschwindigkeit am Kite. Das wiederum steigert die Zugkraft um fast das dreifache.“

Optimal funktioniert das Segel eigentlich erst ab Windstärke 4. Und eingeholt werden sollte es spätestens bei der doppelten Belastung. „In den Grenzbereichen sind aber noch Testfahrten nötig“, räumt der Firmengründer ein. Wirklich sturmerprobt seien die Segel bisher nur in der Theorie.

Aus dem Reich der Theorie entstammen bisher auch fast alle Leistungsversprechen von SkySails. Fest steht bisher nur: Das 80 m2 große Segel bringt es auf immerhin gut 80 kW – vorausgesetzt, es herrschen „Normbedingungen“. Was Normbedingungen sind, hat das Unternehmen klar definiert. So bläst der Wind beispielsweise mit 12,8 m/s aus einem Winkel von 130 °. Die Wellen sind nicht höher als 60 cm. Und das Schiff weist keinen strömungsbeeinflussenden Bewuchs auf.

Unter diesen Umständen – die nicht ungewöhnlich sind – kann ein 160 m2 großes Kite angeblich 160 PS leisten. Angeboten werden soll das entsprechende System noch in diesem Jahr. Für 2008 ist die Auslieferung von 320 m2-Segeln geplant. Sie ziehen laut Wrage schon mit stolzen 320 kW am Schiff.

Kapitäne von Container-Giganten können das neue Segelgefühl voraussichtlich erst in acht Jahren genießen. Dann sollen die ersten Riesensegel mit einer Fläche von 5000 m2 in den Himmel aufsteigen. Sie werden laut Hersteller eine Leistung von 6800 Pferdestärken (5000 kW) erbringen.

Dieser kraftvolle Aufgalopp hat natürlich seinen Preis. Kleinere Systeme schlagen schon mit 350 000 € zu Buche. Richtig teuer wird es aber erst in der Full-Size-Variante: Ein 5000 m2-Segel soll inklusive Mast und Steuerelektronik knapp 3 Mio. € kosten.

Trotzdem liegen dem 30-köpfigen Hersteller-Team schon Bestellungen vor. Die Bremer Beluga Group hat bereits im Januar ein System für ihr 140 m langes Frachtschiff „Beluga Skysails“ bestellt. Vor wenigen Wochen zog die Shipcom Bereederung GmbH aus Duisburg nach. Sie will ihr 95 m langes Feederschiff „Mosa“ mit einem Segel ausrüsten lassen. Selbst ein Hersteller von Superyachten ist bereits vom Potenzial der SkySails überzeugt: Die französische Werft „30 Metres Plus Yachts“ wird seinen Kunden ab 2008 die neue Antriebstechnik anbieten. Dabei fiel der offizielle Startschuss für den Vertrieb erst am Dienstag auf der Messe „Shipbuilding, Machinery & Marine Technology“ (SMM) in Hamburg.

Die Motivation der Käufer dürfte immer die gleiche sein: Sie wollen Treibstoff sparen. Laut SkySails dürfte ihnen das auch gelingen. „Je nach Schiff und Route sinkt der Verbrauch um 10 % bis 35 %. Im Idealfall sind sogar 50 % möglich“, so Wrage. Damit könne sich selbst das teuerste System schon innerhalb von gut drei Jahren amortisiert haben.

Entsprechend starken Auftrieb erwartet Wrage bei den Bestellzahlen. Potenzial sei reichlich vorhanden: „Allein in der Welthandelsflotte gibt es 40 000 Schiffe, die mit SkySails effizienter fahren könnten.“ Jährlich kämen 1250 dazu. „Unser Ziel ist es, bis 2015 etwa 3,5 % aller Container-Riesen mit Segeln auszustatten.“ Lohnend sei auch der Markt der Superyachten. „Davon pflügen derzeit etwa 7500 durch die Ozeane. Pro Jahr werden es 450 mehr. In zehn Jahren wollen wir mindestens 360 Stück modernisiert haben.“

Ein bisher gänzlich unbeackertes Feld sind Fischtrawler. Deren Ausrüstung mit SkySails-Systemen war ursprünglich gar nicht vorgesehen. „Inzwischen erreichen uns aber immer mehr Nachfragen“, so Wrage. Um auch diesen Markt bedienen zu können, hat das Unternehmen 5 Mio. € zusätzlich aufgenommen. Eingeworben wurde das Kapital von der Jan Luiken Oltmann Gruppe aus Leer/Ostfriesland. Der in der Branche als eher konservativ geltende Schiffsfinanzierer hat auch den Großteil der zuvor investierten 11 Mio. € am Kapitalmarkt platziert. Er ist sogar mit eigenen Mittel an Bord gegangen. Michael Schwarz, Referent des Geschäftsführers erklärt: „Unsere Experten kamen nach einer Analyse des Geschäftskonzepts zu der Erkenntnis: Die Idee ist krude, könnte aber funktionieren.“ Das Unternehmen rechnet damit, das SkySails in zehn Jahren einen Marktwert von über 1 Mrd. Euro haben wird.

Die Reduzierung des Diesel-Verbrauchs auf hoher See würde nicht nur die Reedereien freuen. Sie täte auch der Umwelt gut. Experten schätzen, dass der internationale Schiffsverkehr aktuell mehr als 7 % des weltweiten Schwefeldioxid-Ausstoßes verursacht – und damit zu den Hauptverursachern klimaschädlicher Gase gehört.

Sogar die Matrosen an Bord der neuen Segelschiffe hätten Vorteile durch den Einsatz der SkySails-Technik. „Aufgrund der Auftriebskräfte des Zugdrachens wirkt das System wie ein Schwingungsdämpfer“, so Wrage. „Seeschlags- und Torsionskräfte werden zum Wohl von Mensch und Material reduziert.“

Den Beweis dafür blieb das System am Tag der Demonstration glücklicherweise schuldig. Keine brachialen Wellen auf dem Wasser. Und kein Brechreiz an Bord. STEFAN ASCHE

www.skysails.de

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