Schiffbau 17.03.2006, 18:43 Uhr

Schlicktown zu Boomtown  

VDI nachrichten, Wilhelmshaven, 17. 03. 06, moc – Explodierende Energiepreise, zweistellige Wachstumsraten im Welthandel und Expansionspläne internationaler Konzerne bescheren Wilhelmshaven Aussichten auf Milliarden-Investitionen. All das hängt an dem geplanten Tiefwasserhafen. Diese Woche bekam Eurogate den Zuschlag zum Betrieb des Hafens.

Das Watt vor dem Deich in Wilhelmshaven ist noch dunkler als der graue Himmel über der Stadt. „Schlicktown“ wird die 82 000-Einwohnerstadt an der Jademündung deshalb genannt.

Aber nicht nur deshalb: Nach Jahrzehnten des wirtschaftlichen Niedergangs gilt sie als Sinnbild der Tristesse im strukturschwachen Norden.

Doch wenn Wirtschaftsförderer Wolfgang Frank über den Deich am Voslapper Groden schaut, dann sieht er zwischen den tanzenden Schneeflocken auch einen breiten Silberstreif über dem dem 315 ha großen Brachland. Schon in drei Jahren sollen sich hier Container aus aller Welt türmen: Denn entsteht der JadeWeserPort, Deutschlands einziger Tiefwasserhafen.

Nur wenige Kilometer entfernt lassen sich schon die Silhouetten einer Raffinerie erkennen und eines neuen Flüssiggas-Terminals sowie die Anlagen einer neuen Chemiefabrik zur Herstellung von Chlor- und Vinylchlorid-Produkten.

„Das ist aber nur ein Teil dessen, was hier passieren wird“, sagt der Wirtschaftsförderer mit sichtlichem Enthusiasmus, „am Ende wird ein Drittel des gesamten Stadtgebietes mit neuen Firmen und neuen Arbeitsplätzen bebaut sein.“ Und alles nur wegen des neuen Tiefwasserhafens.

Kein Wunder, dass Politik und Wirtschaft in der Region jubeln. „Konzerne klotzen in Wilhelmshaven“, titelte die Zeitschrift der Oldenburgischen Industrie- und Handelskammer. Und die Geschäftsführerin des norddeutschen Verbandes der Chemischen Industrie, Birgit Schneider, schwärmt: „Dies ist ein Jahrhundertimpuls für die norddeutsche Chemieregion.“

Auch Wilhelmshavens Oberbürgermeister Eberhard Menzel (SPD) strahlt Zuversicht aus: „Wir haben seit den 80er Jahren rund 20 000 Arbeitsplätze in der Region verloren. Endlich tragen unsere Bemühungen um neue Beschäftigung Früchte.“

Wilhelmshaven profitiert von einer Politik, die vor einem Vierteljahrhundert noch als vergebliche Liebesmüh erschien. Nach dem Aus für das Schreibmaschinenwerk von AEG Olympia und weiteren wirtschaftspolitischen Rückschlägen träumte die Stadt von der Großindustrie, plante Chemiefabriken und Erdölraffinierien.

Doch die rechtskräftigen Flächennutzungs- und Bebauungspläne blieben in den Schubladen. „Solche Vorhaben waren damals nicht durchsetzbar“, erinnert sich Menzel. Umweltschutzdebatten hatten Anfang der achtziger Jahre Vorrang in Deutschland

Doch jetzt hat sich das Blatt gewendet und die Pläne wurden wieder aus den Schubladen geholt. „Weil unsere Planungen rechtsgültig sind“, so Menzel, „brauchen wir keine langwierige Diskussion um das Für und Wider zu fürchten.“

Gut 600 Mio. € wollen die Länder Niedersachsen und Bremen gemeinsam in den Bau des neuen Tiefwasser-Containerhafens JadeWeserPort stecken. Und das zum richtigen Moment: Der Hafen beschert der Stadt eine Investitionsflut, die Wirtschaftsförderer Frank auf 5 Mrd. € bis 6 Mrd. € schätzt. Grund dafür ist nicht zuletzt die Entwicklung der Weltmärkte.

So haben die explorierenden Energiepreise und die eigenen Expansionspläne das Augenmerk des e.on-Konzerns auf die Stadt gelenkt. Nicht zuletzt wegen des Streits zwischen Russland und der Ukraine um Gaslieferungen möchte e.on-Ruhrgas beim Einkauf der Rohware unabhängiger werden. Liquified Natural Gas (LNG), auf 162° C gekühltes und damit verflüssigtes Erdgas, scheint den Essener Energiespezialisten die Lösung. „Die Technik ist inzwischen so ausgereift, dass sich der Schiffstransport gegenüber der Pipeline-Lieferung lohnt“, so ein e.on-Sprecher.

Die neueste LNG-Technologie ermöglicht den weltweiten Einkauf von Gas, also erinnerten sich die Essener ihrer Beteiligung an der Deutschen Flüssiggas-Terminal-Gesellschaft (DFTG) in Wilhelmshaven und planen nun den Ausbau des Gasumschlages an der Jade. Geschätzte Investitionssumme: 600 Mio.€.

Ähnlich viel Geld will wohl auch ein Mitbewerber von e.on in der Region investieren. Der Energiekonzern Electrabel prüft neben anderen Städten an der Küste auch Wilhelmshaven als Standort für ein Kohlekraftwerk. Auslöser: Die Liberalisierung der europäischen Strommärkte. Die Belgier spekulieren dabei auf Großabnehmer vor Ort. Wilhelmshaven könnte ihnen gleich zwei namhafte Kunden bieten.

Zum Beispiel den britischen Chemiekonzern Ineos. Der betreibt in Wilhelmshaven ein Chlorgaswerk sowie eine Vinylchlorid-Produktion, deren Tageskapazität in den nächsten Jahren auf bis zu 600 t verdoppelt werden soll. Investitionsbedarf: 1,5 Mrd. €.

Noch prüft Ineos offiziellen Angaben zufolge die Machbarkeit – doch die niedersächsische Landesregierung und der Bund haben bereits ihre Unterstützung für die britischen Pläne bekundet.

Doch das ist nichts gegen die Pläne des amerikanischen Ölmultis ConocoPhillips. Conoco, weltweit die Nummer fünf der Ölindustrie und in Deutschland mit 540 Jet-Tankstellen vertreten, hat Ende Februar die Wilhelmshavener Raffinerie Gesellschaft (WRG) von ihrem britischen Eigentümer gekauft und will die WRG nun auf den neuesten Stand der Technik bringen.

Zugleich soll die Tageskapazität von zurzeit 235 000 Barrel ausgeweitet werden. 1,5 Mrd. € werde der Konzern im ersten Schritt investieren, hofft Wirtschaftsförderer Wolfgang Frank. Bis auf 20 Mrd. € könnte die Investitionssumme langfristig ansteigen, schätzen Brancheninsider.

Oberbürgermeister Menzel versucht trotz aller Euphorie, den Ball tief zu halten. „Großbetriebe lösen nicht die Zahl von Arbeitsplätzen aus, die man angesichts von fünf bis sechs Milliarden Euro erwarten könnte.“ Aber „im Umfeld“, so hofft er, „werden sich viele kleine Betriebe ansiedeln.“ Auch viele Wilhelmshavener möchten so ernsthaft vom Boomtown noch nichts wissen.

Das, so Frank, entspreche dem norddeutschen Temperament: „Wir jubeln erst, wenn der Bagger anrollt.“ Aber wenn Frank über den Deich wandert, dann sieht er sie schon, die Container und die Hafenanlagen.

WOLFGANG HEUMER

Von Wolfgang Heumer

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