Aquarien 02.09.2011, 12:08 Uhr

Ozeaneum Stralsund: „Eine einzigartige Maschinerie“

Der spektakuläre Stralsunder Aquarienkomplex, 2010 zu Europas Museum des Jahres gekürt, ist auch hinter den Kulissen ein Haus der Superlative. Seine Becken fassen 6 Mio. l Wasser und ganze Meersalzberge. Allein die Kühlung der 45 Becken braucht Energie wie eine Kleinstadt. Hunderte Messfühler überwachen den salzigen Mikrokosmos, der Heimat für 7000 Meeresbewohner ist. Die Ingenieure und Techniker simulieren aber auch Gezeiten oder Brandungswellen.

„Weiß Gott, das muss Vineta sein!“ Fasziniert machen die Augen, sobald sie sich an den schwirrenden Rhythmus der Wellen gewöhnt haben, Menschen in den Abgründen des Wassers aus. Verrückt, wie sie zwischen Meeraalen, Rochen und Seehechten wandeln, als seien sie selbst Fische.

Doch natürlich ist es nicht die sagenhafte versunkene Ostseestadt, die sich von der Wartungsbrücke über dem Helgoland-Becken zwei Etagen tiefer erkennen lässt. Die Zweibeiner auf dem Meeresgrund durchqueren lediglich in einem Acrylglastunnel eine Unterwasserwelt, die der um die Hochseeinsel authentisch nachgestaltet ist.

Was sie nicht sehen, ist der technische Aufwand der über ihnen betrieben wird, derweil sie staunend das schummrige Labyrinth aus Becken, Buchten und Bassins durchstreifen.

Allein diesen 5,6 m langen Tunnel nennt Andreas Tanschus ein „technisches Phänomen“. Der Technische Direktor des Stralsunder Ozeaneums und Vizechef der Stiftung Deutsches Meeresmuseum, zeigt hinab in die Tiefen des Beckens. Die Konstruktion des Tunnels, erläutert er, sei mit 15 cm Wandstärke „vergleichsweise dünn“. Doch durch geschicktes Austarieren der auf den Tunnelkörper drückenden Wassermassen entstehe eine Balance. „Wir müssen deshalb bei Reinigungs- oder Reparaturarbeiten, für die wir das Wasser im oberen Beckenbereich ablassen, den Tunnel mit Drucksteinen belasten, die diesen Druck ausgleichen“, so Tanschus. Andernfalls falte es ihn zusammen.

Das Ozeanum Stralsund ist „eine in Deutschland einzigartige Maschinerie“

Tanschus steht mehr oder weniger im Bauch des futuristischen Aquarienkomplexes des Stralsunder Ozeaneums – im Sockel unter dem Ostsee- und dem Nordseeaquarium. Das sind zwei der vier Baukörper des Ozeaneums, die sich wie übergroße geblähte Segel aus der Backsteingotik am Stralsunder Hafen recken – eine gewollte Anspielung auf das maritime Umfeld.

Jedes dieser „Segel“ besteht aus riesigen, bis 3 cm starken Stahlblechen. Ein Werftzulieferer aus Stralsund hatte sie ihnen passgerecht verformt und zugeschnitten.

Doch hier, im Kontrollbereich, um den sich die 39 Salzwasseraquarien gruppieren, zählt eher Funktionalität. Laut wirft der Beton die Geräusche der pausenlos arbeitenden Filter-, Lüftungs- und Wasseraufbereitungsanlagen zurück. „Eine in Deutschland bislang einzigartige Maschinerie“, so Tanschus, im Lärm kaum noch verständlich.

Der Maschinenbauingenieur war schon in die Planung des 60-Mio.-€-Projekts maßgeblich eingebunden. Die Versorgung des Ozeaneums von unten, erklärt er, vermeide weite Wege und gewährleiste schnellen und unkomplizierten Zugang. Von hier wird der gesamte Mikrokosmos von über 7000 Meeresbewohnern überwacht, gesteuert, gereinigt, versorgt. Ein leistungsfähiges Lüftungssystem sorgt für erträgliche Temperaturen.

Eine Stahltür führt zum Keller unter den Kontrollbereich. Hier unten glaubt man fast, dass das ganze Ozeaneum wie ein großes Schiff in einer einst künstlich aufgeschütteten Hafeninsel ankert: „Gegründet auf 692 Betonpfählen. Wir sind hier schon unter der Wasserlinie.“ Im Lärm der Lüfter, die stündlich 50 000 m³ kühlende Luft in den Bauch des Ozeaneums pumpen, ist Tanschus kaum noch zu verstehen.

Hier unten erinnert alles an Versorgungsschächte einer U-Bahn. Tanschus mag es maritimer: „Das ist hier praktisch ein Krakenrumpf, von dem sich zahlreiche Arme in alle Bereiche verzweigen.“ Und zu viel Wärme sei tödlich für die zumeist aus Nord- und Ostsee stammenden Aquarienbewohner: „In einigen Becken sind nur sechs Grad, mehr nicht!“ Permanent muss deshalb das Wasser in den Becken gekühlt werden.

Die beiden Kältemaschinen, die je 1 MW leisten, sind in einem backsteinernen Türmchen untergebracht. Für die gesamte Gebäudeleittechnik sind strenge Prioritäten festgelegt. „Sollte die Höchstlast erreicht sein, schalten sich zuerst einzelne Lichtszenen ab. So halten wir stets die Kühlung stabil“, ergänzt Nils Janzen, Chef der Gebäudetechnik, und weist auf ein Bedienpanel an der Wand.

Das Ozeanum Stralsund verbraucht so viel Strom wie 1000 Haushalte

Eine Energiesparbüchse ist das Ozeaneum nicht. Es braucht, grob geschätzt, den Strom von 1000 Haushalten. Drum setzt man auch viel auf Tageslicht, speist die Haustechnikpumpen mit Wasserkraftstrom, erklärt Janzen.

Derweil geht es treppauf ins nächste Geschoss – die Wasseraufbereitung. Hier bekommen die Meeresbecken den nötigen Geschmack, ganz wie es ihre Bewohner mögen. Eine Laufkatze an der Decke bugsiert gerade einen Bigbag über die Aufsalzungsanlage. Langsam rieselt eine Tonne Meersalz ins Wasser.

Das alles will penibel dosiert sein. Die Nordsee mit ihren 3,2 % Salzgehalt ist würziger als die Ostsee oder gar der flache, brackige Bodden. Aber Heringe legten nun mal bei zu viel Salz ihren Laich nicht ab – er verhärtet sich, wissen die Techniker von den Biologen des Hauses. Die Eier des Dorsches brauchen dagegen reichlich Salz im Wasser, um darin schweben zu können.

Die erste Befüllung für das gewaltige Schwarmfischbecken schipperte übrigens noch in Tanks aus der Ostsee an. Ein teurer Spaß. Darum mixe man das Meerwasser nun selbst, so Janzen. Billig werde aber auch das nicht: Ein Bigbag reicht gerade für 31 m³. Da alle Aquarien zusammen 6 Mio. l fassten, summiert sich das zu 150 000 t Salz. Eingerührt werde das „in normales Stralsunder Stadtwasser, das wir vorher enthärten und per Umkehrosmose reinigen“, so der Haustechnikchef.

Im Lift geht es zur nächsten Station. Hier, in der Quarantänestation, befinden sich wohl ebenso viele Aquarien wie im Schaubereich, wenn auch deutlich kleinere. Einige dienen der Nachzucht, in einem rekelt sich ein kleiner Krake. „Giftige Fische – nicht ins Wasser fassen!“, warnt ein Schild neben mehreren offenen Becken, die ein Netz abdeckt.

In einem großen runden Pool zieht ein einsamer Rochen seine Bahnen. Der hat sich beim Transport nach Stralsund verletzt, soll erst völlig gesunden, ehe er zu den Artgenossen ins große Nordseebecken darf.

In einem Bassin daneben schauen ein paar Zebrabrassen durch eine Art Bullauge. Auch sie sollen sich erst an das neue Milieu gewöhnen. Zudem will man ausschließen, dass sie Krankheiten einschleppen. „Darum besitzen auch alle Becken getrennte Wasserkreisläufe“, so Tanschus. Selbst die Luft riecht salzig.

Zwischen den Becken glänzen Rohre, Apparaturen, Stege, Roste. An den Gestängen, die zum Becken des Rochens führen, lässt sich gut erkennen, wie ein Filterkreislauf funktioniert: Permanent strömt Beckenwasser in einen selbstreinigenden Siebtrommelfilter, von hier weiter in eine Filterkammer, wird dann durch einen UV-Entkeimer gepumpt und passiert schließlich einen Eiweißabschäumer, wo Sauerstoffbläschen dem Wasser organische Schadstoffe entziehen.

„Im Prinzip läuft das in allen Becken so ab“, erklärt der Techniker, „bei den großen Aquarien nur eben in anderen Dimensionen.“ Da hat dann allein die Filterkammer die Dimension eines Zweimannzeltes. Allein das riesige Schwarmfischbecken braucht stolze 350 m³ Biofiltermaterial.

Was hier konkret Verwendung findet, zaubert Tanschus aus seiner Jackentasche: kleine poröse Kunststoffpellets. „Darin leben Mikroorganismen, die Fischgifte wie Ammoniak und Nitrit in ungefährliche Verbindungen zerlegen“, erläutert er. Eine optimale Wasserqualität sei Grundvoraussetzung dieser Meereswelt.

„An 15 000 Datenpunkten erfassen wir unablässig auch Redox- und pH-Werte, Temperatur und Fließgeschwindigkeit des Wassers“

Deshalb werden Durchfluss, Strömungsdruck sowie Ozonwerte ununterbrochen überwacht. Etwas abgetrennt in einem kleinen Nebenraum befindet sich eine kleine Schaltzentrale, in der diese Daten auflaufen. Über die Bildschirme flimmern Daten aus Hunderten von Messfühlern, die sich im gesamten Ozeaneum befinden. „An 15 000 Datenpunkten erfassen wir unablässig auch Redox- und pH-Werte, Temperatur und Fließgeschwindigkeit des Wassers“, so Janzen. Stimmen die Werte nicht, funkt das System selbst nachts sofort das Handy des diensthabenden Technikers an.

Ein Großteil der Technik soll indes vor allem eins: Illusionen erzeugen. Zahllose Feuchtraumleuchten, Hochdruckdampfstrahler und LED-Leuchten sorgen etwa für eindrucksvolle Unterwassereffekte. Andere simulieren Mondphasen oder den Lauf der Sonne. Nicht weniger raffiniert ist das Gezeitenbecken für Napfschnecken, Anemonen, Weichkorallen und Lippfische – auch wenn sich das hinter der Bühne überraschend simpel ausnimmt: Ein Pumpsystem wechselt alle zehn Minuten das Wasser zwischen zwei benachbarten Becken.

Selbst die schäumende Brandung, die sich alle ein bis zwei Minuten kraftvoll in ein Spezialbecken im Nordseekomplex ergießt, lässt sich „technisch unspektakulär bewerkstelligen“, sagt Tanschus und steigt im Obergeschoss des Kontrollbereichs einen schmalen Arbeitssteg hinauf. Unter diesem hängt eine exzentrisch gelagerte Kippwanne, die fortwährend mit Wasser gefüllt wird, bis sie die Balance verliert. Dann donnern 550 l in die Tiefe und das Ganze geht von vorn los.

Ein besonderes Highlight haben sich Janzen und Tanschus für“s Finale aufgehoben – das riesige Schwarmfischbecken im Nordseekomplex. Allein das 17 m lange Oval ist ein technisches Meisterwerk. Die 22 t schwere und 10 m breite Glasfront war seinerzeit per Helikopter durch das noch offene Dach eingeschwebt. Nicht weniger als 2,6 Mio. l Wasser drücken jetzt auf die 9 m hohe Front der gebogenen Panoramascheibe. Da würden selbst die massiven 31 cm des Acrylglases nicht halten, wäre die Scheibe nicht konkav gebogen.

Sieht man diese Wassermassen über sich, stellt sich schon mal ein etwas mulmigeres Gefühl ein. Dann wäre es gut, im „Geo“ zu sitzen, dem ersten bemannten deutschen Forschungs-U-Boot. Auch das ankert im Ozeaneum.

Von Harald Lachmann

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