Port-Liner 18.10.2018, 12:55 Uhr

Neue Elektro-Binnenschiffe beliefern Rotterdam

Die Schifffahrt gilt als dreckiges Gewerbe, weil die meisten Schiffe mit Schweröl und ohne Abgastechnik verkehren und damit Luft und Wasser belasten. Die größten Häfen Europas setzen jetzt auf elektrische Binnenschiffe. Ein wichtiger Schritt hin zu umweltfreundlicheren Schiffen.

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Foto: Port-Liner

Mehr als 100 Millionen Euro hat die Entwicklung gekostet, jetzt verkehren in den Niederlanden die ersten beiden elektrischen Binnenschiffe von Port-Liner. Allein mit Strom liefern sie Waren aus den Produktionsfabriken im Hinterland an die Terminals von Rotterdam und Antwerpen. Mit einem Containerumschlag von rund 13,7 und 10,4 Milliarden Euro im Jahr 2017 beheimaten die beiden Städte die größten Häfen Europas. Ihr Vorgehen darf deshalb als Maßstab auch für andere Häfen und deren Logistik angesehen werden. Wir haben uns die ökofreundlichen Schiffe und ihr Zukunftspotenzial angesehen.

Umweltfreundliche Binnenschiffe mit viel Laderaum

Bis zu 280 Seefracht-Container, sogenannte ISO-Container, transportiert das 110 Meter lange und 11,45 Meter breite Schiff von Port-Liner durch die Gewässer der Benelux-Länder. Typische Binnenschiffe bringen bei dieser Schiffslänge 13 Containerreihen unter. Die von Port-Liner produzierten Frachtschiffe nehmen gleich 14 Reihen auf und transportieren damit 8% mehr Ladung als dieselgetriebene Schiffe. Gleichzeitig wird es so möglich, auch die doppelt so langen 40 Fuß langen Seecontainer aufzunehmen und rasch zwischen den Binnenhäfen zu verschiffen.

Damit das Elektroschiff auch vollbeladen unter den niedrigen Brücken hindurchkommt, kann der Kapitän die dafür vorgesehenen Wassertanks fluten. Ohne sie wäre die Strecke zwischen Amsterdam und Rotterdam für Frachtschiffe kaum passierbar.

Akkus und Aufladen der elektrischen Frachtschiffe

Neben den Container müssen auf einem Elektroschiff natürlich die großformatigen Batterien Platz finden. Port-Liner hat sie unter dem höhenverstellbaren Fahrerstand untergebracht. Im Hafen angedockt hebt sich der Fahrerstand so weit, dass die vier Powerboxen zugänglich werden. Der Ladekran entnimmt die Akku-Container und ersetzt sie durch neue, frisch aufgeladene. Alternativ lässt sich die Powerbox beim Anlegen an spezifische Ladestellen innerhalb von vier Stunden direkt an Bord neu aufladen.

Die Powerboxen bestehen aus dem Container im exakten Seefracht-Format und besitzen einen schockgesicherten Boden. Dieser absorbiert Belastungen von bis zu 50g, dem fünfzigfachen g-Kraft der Erdanziehung. Darauf sind mehrere Batteriemodule montiert, die bei Nachlassen der Leistung oder mit Fortschritt der Technik ersetzbar sind. Die derzeit verbauten Powerboxen verfügen über eine Kapazität von 7,2 Megawattstunden. Damit sind bis zu 35 Stunden Fahrtzeit gesichert, so gibt es der Hersteller Port-Liner an.

Wenn Schiffe Wasserstoff statt Diesel tanken

Auf der Suche nach innovativen Lösungen kooperiert Port-Liner mit der in München forschenden Firma H2-Industries. Sie ist Vorreiter in der Energiespeicherung mit dem flüssigen organischen Wasserstoffträger Liquid Organic Hydrogen Carrier, kurz LOHC.

LOHC erlaubt es, den auf regenerative Weise gewonnenen Wasserstoff zu speichern und vorzuhalten. Die ölartige Flüssigkeit besitzt eine sehr hohe Energiedichte, lässt sich tanken, einfach verwahren und kann mittels einer Brennstoffzelle jederzeit in sauberen Strom zurückgewandelt werden. Der Platzbedarf für diese Lösung ist minimal. Das gesamte LOHC-System passt in die gleichen vier Standard-Container, die derzeit als Batterieboxen an Bord der E-Frachter sind. Mit dem flüssigen Wasserstoff wird das Binnenschiff jedoch gleich mehrere Wochen unterwegs sein können ohne neu aufzuladen.
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Das niederländische Logistikunternehmen GVT ist der erste Kunde für die elektrischen Binnenfrachtschiffe. Derzeit hat es zwei Schiffe von Port-Liner gemietet. Die Schiffe sind allerdings nicht auf See, sondern im Binnenland unterwegs. Sie transportieren Waren und Güter von Rotterdam zum Industriegebiet in Tilburg, in dem auch der Elektroautobauer Tesla ansässig ist.

Die niederländische Presse nennt die elektrischen Frachtschiffe deshalb auch Tesla-Schiffe. Immerhin sind sowohl in den neuen Binnenschiffen als auch in den bekannten Models S, 3 und X leistungsstarke Elektromotoren im Einsatz. Mit der Entwicklung der elektrischen Frachtschiffe hat der US-amerikanische Autohersteller, der sich selbst als Softwareunternehmen bezeichnet, jedoch nichts zu tun.

Zukunftspläne von Port-Liner: Nachrüstung und autonome Schiffe

Alles an den neuen Elektro-Binnenschiffen ist auf die Zukunft ausgerichtet. Von der Möglichkeit, die auf Langstrecken oft eingesetzten, extralangen 40-Fuß-Container zu transportieren, über die Batterieboxen, die sich leicht mit neuer Technik upgraden lassen bis hin zu dem Plan, die Barken nach dem Testbetrieb autonom, also ohne Besatzung, fahren zu lassen. Neben den zwei schon jetzt in Betrieb befindlichen Schiffen plant Ton van Mengen, der Geschäftsführer von Port-Liner, in den nächsten zwei Jahren insgesamt 15 Schiffe zu bauen. Die EU unterstützt das Projekt und hat dem Unternehmen einen Infrastrukturzuschuss von 7 Millionen Euro gewährt.

Schon die ersten sechs Elektrofrachtschiffe werden den Niederlanden und der Umwelt im Jahresdurchschnitt die Fahrten von rund 23.000 LKW ersparen. Gut verständlich, das alle derzeit in Bau befindlichen Schiffe schon jetzt fest an ihre künftigen Besitzer vermietet sind. Damit nicht jeder der vielen Klein- und Kleinstunternehmer gleich ein neues Schiff kaufen muss, hält van Mengens Unternehmen ein System bereit, mit dem bestehende Dieselflotten auch nachträglich auf Strom umgerüstet werden können.

 

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