Simulation 16.04.2010, 19:46 Uhr

„Nach ein paar Minuten geht man voll in der Geschichte auf“

Gut 70 000 Schiffe sind derzeit auf den Ozeanen dieser Welt unterwegs, jährlich werden um die 2000 neue gebaut. Auf bestimmten Schifffahrtsrouten und vor vielen großen Häfen wird es schon heute eng. Deshalb schulen immer mehr Reedereien ihre Offiziere und Ingenieure mit hoch entwickelten Simulationssystemen. Eines der modernsten Europas steht in Schenefeld bei Hamburg. Nahezu alle Knotenpunkte der Schifffahrt lassen sich auf diesem System simulieren. Und wer hier übt, gerät schnell ins Schwitzen.

Auf der Brücke der „St. Petersburg“ herrscht routinierte Ruhe. Im regelmäßigen Rhythmus lässt der wachhabende Offizier den Blick über die Instrumente vor sich und durch die Fensterscheiben des Brückenhauses wandern. Vor ihm leuchtet der Hafen von Singapur, die Skyline der Stadt ist deutlich zu erkennen.

Auf dem Radar taucht plötzlich aus dem Schatten einer kleinen Insel ein Fischerboot auf, das auf das 150 m lange Containerschiff zuzufahren scheint. Mit schnellen Schritten geht der Erste Offizier vom Steuerstand zum gut 5 m entfernten Seitenfenster der Brücke, um sich davon zu überzeugen, ob hinter der kleinen Insel nicht noch weitere Fischer lauern.

Doch die Darstellung auf der elektronischen Seekarte, die auf drei 19-Zoll-Monitoren flimmert und in die die Radarechos eingespielt werden, ist korrekt: Mehr als ein Fischerboot ist nicht zu sehen, die Kollisionsgefahr gebannt.

Doch mit einem Schlag ändert sich die Situation. Ein lauter Warnton, dazu rote Lampen im Motoren-Kontrollfeld des Steuerstandes und das hektische Klingeln des Bordtelefons durchbrechen die Routine: „Temperaturanstieg am zweiten Zylinder“, meldet der Maschinenraum, „wir müssen den Motor runterfahren.“

Zum Glück ereignet sich die geschilderte Szene nicht in den viel befahrenen und engen Gewässern vor Singapur, die vor den Fenstern des Brückenhauses leuchten, sondern auf dem Trockenen, in Schenefeld bei Hamburg. Dort betreibt die Interschalt Maritime Systems AG das „Maritime Education and Training (MET)“-Zentrum, einen der modernsten Schiffssimulatoren Europas. „Auf vier vollwertig ausgerüsteten Schiffsbrücken und einem kompletten Maschinenleitstand können wir komplexe Situationen auf praktisch allen Wasserstraßen der Welt simulieren“, sagt MET-Leiter Pawel Bednarz.

Der Bedarf, die Schiffsbesatzungen realitätsnah auf die wachsenden Anforderungen des Schiffsbetriebes zu trainieren, steigt stetig. „Das System Schiff wird immer komplexer und komplizierter der Druck auf die Besatzungen wächst und in den aus vielen Nationen zusammengewürfelten Besatzungen wird eine funktionierende Kommunikation immer wichtiger“, erläutert Bednarz. Dazu kommt: Auch wenn die aktuelle Wirtschaftsflaute das Tempo ein wenig drosselt, transportieren immer mehr Schiffe immer mehr Ladung auf den Weltmeeren.

Dabei wird es an neuralgischen Punkten wie der Straße von Singapur, deren simulierte Wellen sich vor dem Fenster der Brücke brechen, oder etwa der Deutschen Bucht mittlerweile eng angesichts von rund 100 000 Schiffen, die jährlich die Elbmündung ansteuern, grenzt es an ein Wunder, dass es noch nicht zu spektakulären Unfällen gekommen ist.

Im Jahr 2007 hat Interschalt darauf reagiert und sein Simulationszentrum eröffnet. Das eigentliche Geschäft des Unternehmens ist die Ausrüstung von Schiffen jeder Größe mit der kompletten Hard- und Software für Brücken und Maschinenleitstände.

Das hier gewonnene Know-how floss in die Simulatoren ein. Jede der vier virtuellen Brücken ist technisch mit modernsten Geräten ausgestattet, von denen aus die Kapitäne und Offiziere ihr „Schiff“ durch elektronische 3-D-Simulationen real existierender Wasserstraßen bewegen. „Wir können jedes Revier nachbilden“, so Bednarz.

Selbst der Sprechfunkkontakt zu anderen Schiffen oder zu Institutionen an Land hört sich an wie auf hoher See. Tatsächlich aber kommen die Funksprüche aus dem Instruktorraum, kaum größer als eine Besenkammer, zwischen den vier Brückensimulatoren. Von dort werden die virtuellen Hafeneinfahrten oder Meerengen gesteuert.

Für die heutige Übung sind die Brücke und der Maschinenleitstand des virtuellen Containerschiffes „St. Petersburg“ besetzt, ein weiteres Team trainiert auf einem zweiten Simulator: „Um die Realitätsnähe zu erhöhen, könnten wir die beiden virtuellen Schiffe in dasselbe Szenario integrieren und so auch die Kommunikation von Schiff zu Schiff üben“, erläutert Bednarz.

Aber die Besatzung der „St. Petersburg“ ist seit dem ersten Ton der Alarmsirene hinreichend mit sich selbst beschäftigt. Aufgeregt sucht der Chefingenieur nach der Ursache für den Maschinenausfall, dann ist klar: Eine Ölleitung ist gebrochen. Jetzt muss der Kapitän reagieren: Schlepperhilfe rufen oder den Anker fallen lassen, bevor das Schiff ins Hauptfahrwasser driftet. Mitten in dieser angespannten Situation klingelt auch noch das Handy des 1. Offiziers, ausgerechnet jetzt will der Agent der Reederei wissen, ob die „St. Petersburg“ im übernächsten Hafen auf einen bestimmten Container warten kann.

Kurzfristig herrscht bestürztes Schweigen, als über den Lautsprecher des Funkgerätes dann auch noch eine Sturmwarnung kommt.

Pawel Bednarz und seine Kollegen brauchen nicht viel Fantasie, um sich solche Szenarien auszudenken. Sie sind selbst als Kapitäne oder Ingenieure zur See gefahren und wissen, was in der Praxis passieren kann. Über die Monitore und Lautsprecher im winzigen Instruktorraum verfolgen sie, wie die Besatzungsmitglieder auf der Brücke und im Maschinenraum versuchen, mit den Problemen fertig zu werden.

Und es wird deutlich, dass sie schnell das Gefühl entwickelt haben, tatsächlich an Bord eines großen Schiffes zu sein. Hektisch springt der Chefingenieur jetzt hin und her, statt seine Mitarbeiter gezielt einzusetzen, will alles selbst machen, kommt aber zu nichts, weil er ständig von der Brücke ans Telefon gerufen wird. Dort oben geht es zwar etwas ruhiger, aber beileibe nicht entspannt zu. Ununterbrochen versucht der Kapitän, Telefonkontakt zu seiner Reederei zu bekommen denn die kostenträchtige Entscheidung über die Annahme einer Schlepperhilfe kann und will er nicht allein treffen aber die Zeit drängt, denn inzwischen ist die „St. Petersburg“ im dichten Schiffsverkehr vor Singapur gefährlich ins Treiben geraten.

Die extreme Übung auf der „St. Petersburg“ gehört zu den komplexesten Trainingseinheiten am MET. „Wir möchten den Teilnehmern damit helfen, die eigenen Möglichkeiten und Grenzen besser einzuschätzen“, so Bednarz.

Bevor die Situation auf der „St. Petersburg“ weiter eskaliert, entschließt sich Bednarz zum Abbruch. In der anschließenden folgenden Manöverkritik brauchen die MET-Instruktoren gar nicht viel zu sagen – den meisten Teilnehmern ist selbst aufgefallen, wo ihre Schwachstellen liegen und an welchen Stellen sie Fehler gemacht haben. Die Videoaufzeichnung der gesamten Übung macht außerdem klar, wo Verbesserungspotenziale liegen.

Was selbst erfahrene Seeleute verblüfft, ist die Realitätsnähe der Simulation. „Anfangs habe ich das ja nicht ganz ernst genommen. Aber schon nach ein paar Minuten geht man voll in der Geschichte auf“, sagt einer von ihnen, sichtlich erschöpft. Diesen Effekt bestätigt auch Bednarz: „Die Realitätsnähe ist schon verblüffend.“ Bei simulierten Sturmfahrten sind einzelne Teilnehmer sogar schon seekrank geworden. WOLFGANG HEUMER

Von Wolfgang Heumer

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