Schiffbau 20.07.2001, 17:30 Uhr

Hightech unter alten Segelmasten

die Zeit.

Mit 43 Jahren eine Frischzellenkur? Der schlanken Lady ist das Alter nicht anzusehen. Die Haut makellos glatt, der Bundesadler am Bug glänzt in der Sonne: Die Gorch Fock, das wohl bekannteste Schiff der deutschen Marine, wird am Kai des Marinearsenals Wilhelmshaven für die nächsten 30 Jahre technisch aufgepäppelt.

Jürgen Emmerich steht an der Reeling und lässt seinen Blick zufrieden über das Schiff schweifen. „Das ist nur äußerlich“, winkte er ab, „aber innen, da wird es richtig interessant.“

Obwohl nur ein Jahr jünger als die Gorch Fock, zeigt Emmerich ungleich mehr Falten, und einige davon sind Sorgenfalten: Als Schiffstechnischer Bootsmann der Gorch Fock verantwortet Emmerich den technischen Teil am Umbau des Segelschulschiffs.

Und der war dringend erforderlich – nach 43 Jahren und 600 000 Seemeilen auf allen Meeren. Nun soll der 81 m lange Dreimaster für weitere 25 bis 30 Jahre fit gemacht werden.

Zehn Monate dauert das Unternehmen „Nutzungszeitverlängerung“, so der amtsdeutsche Begriff, schon. Vor wenigen Wochen lag das Schiff noch völlig entkernt in der Elsflether Werft bei Bremen, und bisweilen sah es nicht so aus, als würde es jemals wieder Wasser unter den Kiel bekommen. „Hinter den Verkleidungen war vieles rott“, räumt Emmerich ein.

Mittlerweile ist er wieder zuversichtlicher, während er durch Türen und Luken, über Treppen und Leitern tief in den Schiffsbauch steigt. Und man sieht auch, warum: Die Marine hat an nichts gespart. Emmerichs Augen strahlen um die Wette mit den insgesamt 9 km langen Rohrleitungen tief unten im Schiff: „Kunife“, brummt er, „hochlegierter Edelstahl aus Kupfer, Nickel und Eisen – ein enormer Kostenfaktor.“

Der ganze Stolz des Schiffstechnischen Bootsmanns aber ist das Abwassersystem. Die Gorch Fock ist das erste Marineschiff, das mit einer solchen Membranfilter-Biokläranlage ausgerüstet wird. Dabei wird das Schmutzwasser durch Membranen mit 0,2 µm bis 0,4 µm kleinen Poren geleitet im Gegensatz zu herkömmlichen Bordkläranlagen fließt anschließend so gut wie kein Dreck mehr ins Meer.

Schon der Einbau des 25 m3 fassenden Stahltanks war ein Abenteuer für sich: Um das Monstrum ins enge Vorschiff – hier unten kann nicht einmal der kleinste Matrose aufrecht gehen – wuchten zu können, musste ein Loch in die Außenhaut geschnitten werden.

„Moment mal“, unterbricht Emmerich da seine Erklärungen und fachsimpelt mit zwei Abwasser-Experten, die die neue Anlage begutachten wollen.

„Moment mal“ – an Stelle der seemännischen Kommandos ist dies zurzeit das geflügelte Wort auf der Gorch Fock, und meistens trifft es Emmerich. Jetzt sind es die Mechaniker an der Kläranlage im engen Vorschiff, die Probleme bei der Installation der Nassmüll-Zerkleinerungsanlage haben und Emmerich zu Rate ziehen.

Hier, tief unten im Schiff, wird der gesamte Abfall aus der Kombüse zu handlichen Paketen gepresst und dann bei 8o gelagert. Damit kann die Gorch Fock 30 Tage auf See bleiben, bevor sie den nächsten Müllcontainer an Land anlaufen muss.

„Moment mal“ auch im benachbarten Maschinenraum: Ein Mitglied der Stammbesatzung hat Fragen zur elektronischen Steuerung der drei Acht-Zylinder-Stromaggregate, ebenfalls ein Novum auf dem Traditionssegler. Auch der neue Ölabscheider, der das Bilgenwasser im Kiel des Bootes reinigt und wieder ins Meer pumpt, ist technisch das Beste, was es gibt: „Das Wasser, das dort herauskommt, kann man trinken.“

In der normalen Berufsschifffahrt sind derartige Umweltschutztechnologien kaum zu finden, schon lange nicht in dieser geballten Form. Die Marine ist sich ihres Vorbildcharakters bewusst und will selbst die zu erwartenden internationalen Umweltauflagen bereits im Vorfeld weit übertreffen. Die Gorch Fock ist dabei ein besonders wichtiges Prestigeobjekt: „Dieses Schiff ist schließlich ein Schulschiff“, so Emmerich. Der Offiziersnachwuchs soll eben nicht nur das seemännische Handwerk, sondern in jeder Beziehung verantwortungsvolles Handeln lernen.

Rund 120 Kadetten erwartet auf den mehrmals im Jahr stattfindenden Törns ein starkes Kontrastprogramm auf der neuen Gorch Fock. Zwar sind noch immer sechs Marinesoldaten erforderlich, um über drei Steuerräder und eine Schraubenspindel das Ruderblatt zu bewegen. Aber wenn es schnell um die Ecke gehen soll, hilft neuerdings ein Bugstrahlruder: Hier die traditionsreiche Welt der Segel, Rahen, Wanten, Fallen, Brassen und wie die jahrhundertealten Fachbegriffe noch heißen mögen – dort modernste Elektronik.

Besonders deutlich wird dieser Kontrast, als Emmerich die Tür zum Navigationsraum auf dem Achterschiff aufstößt, den er nur „Nav-Bude“ nennt. Draußen die Takelage, die sich auch heute nur mit Muskelkraft bedienen lässt, drinnen zwei Radargeräte der jüngsten Generation, Computer mit elektronischer Seekarte und Verbindung zum GPS-Navigationssystem. „Allerneuester Stand der Technik“, schwärmt Emmerich, „das gibt es auf keinem anderen Marineschiff“.

Einen etwas deprimierteren Eindruck machen da schon die drei zivilen Techniker in der engen „Nav-Bude“: Der neue Wettercomputer will einfach nicht funktionieren. „So ist das eben mit Elektronik“, zuckt der Schiffstechnische Bootsmann die Schultern. Echte Segler können eben auch ohne.

Doch nicht nur bei der Elektronik hakt es. Auch jetzt, zwei Wochen vor der immer wieder verschobenen Ablieferung der Gorch Fock, ist ein Ende der Arbeiten nicht abzusehen. Werftarbeiter wuseln durcheinander, Schweißgeräte zischen, Planken werden gehobelt und lackiert.

Zwei Decks tiefer sieht es aus wie im Möbellager. Blechschränke, Holzbänke und Tische stehen in Planen verpackt herum. In wenigen Tagen soll alles montiert sein, mehr Platz wird es in den Kojen dennoch kaum geben. 2 m lang, 60 cm breit, drei Betten übereinander, 24 Kojen in einem Raum – das ist das Reich der Stammbesatzung.

Für die Offiziere gibt es Zweier-Kabinen im Achterdeck. Die sind zwar schon fertig, aber Emmerich blickt dennoch ein wenig wehmütig auf das helle Kirschbaumfurnier: „Das alte Teak war schöner.“ Doch die Seefahrer-Romantik aus Massivholz musste den Brandschutzvorschriften der Seeberufsgenossenschaft weichen. Und noch eins wird Emmerich vermissen – den Mief in den engen Mannschaftsunterkünften: Bei ihrer Frischzellenkur wurde die Gorch Fock nicht nur geliftet, sondern auch gelüftet: „Wir haben jetzt sogar “ne Klimaanlage an Bord“. WOLFGANG HEUMER

Von Wolfgang Heumer

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