Schiffbau 29.09.2006, 19:24 Uhr

Deutscher Schiffbau erfolgreich  

VDI nachrichten, Hamburg, 29. 9. 06, wop – Als Stimmungsbarometer für den Weltschiffbau gilt die Internationale Schiffbaumesse „Shipbuilding, Machinery & Marine Technology“ (SMM), die diese Woche in Hamburg das Schaufenster der Branche für Technologie und Innovationen ist. Und die Stimmung ist prächtig bei Werften und Zulieferern sowie Klassifizierungsgesellschaften und Schiffsausrüstern. Der Weltschiffbau verzeichnet in diesem Jahr den höchsten Auftragsbestand aller Zeiten.

Die Werften freuten sich im ersten Halbjahr weltweit über einen Auftragseingang von fast 29 Mio. Neubautonnen (CGT). 2005 waren insgesamt Aufträge für knapp 40 Mio. CGT eingegangen. Der weltweite Auftragsbestand lastet die Werften bei den derzeitigen Produktionskapazitäten für die nächsten drei Jahre aus, erklärte Jürgen Kennemann, Vorsitzender des Verbandes für Schiffbau und Meerestechnik (VSM), anlässlich der Messe „Schiff, Maschine, Meerestechnik“, die vom 26. bis 29. September in Hamburg stattfindet.

Nutznießer des Booms seien vor allem die drei großen Schiffbaunationen in Fernost. Korea führe mit 42 % aller weltweiten Neubauaufträge die Liste an, gefolgt von Japan und China mit jeweils knapp 20 %. Insbesondere die Volksrepublik weite ihren Marktanteil mit aggressiven Niedrigpreisen ständig aus, die zum Teil unter denen Koreas lägen, so Kennemann. Er verwies vor der Presse darauf, dass es das erklärte Ziel Chinas sei, in den nächsten fünf bis zehn Jahren Korea als Weltmarktführer im Schiffbau abzulösen.

Trotz der Dominanz des fernöstlichen Schiffbaus gehe der Schiffbauboom aber keineswegs an Deutschland vorbei, erklärte der VSM-Vorsitzende. Zwar seien die Auftragseingänge für deutsche Werften im Vergleich zu den letzten drei Jahren deutlich zurückgegangen, aber der Auftragsbestand wäre jetzt schon höher als 2005.

Kennemann reicht das für eine zumindest mittelfristige Prognose: „Ich kann für die deutschen Schiffbauer keine goldenen Aussichten für die nächsten zehn Jahre erkennen, aber doch einen positiven Ausblick für die nächsten vier Jahre geben.“ Danach allerdings, sei mit den bekannten Zyklen im Schiffbau zu rechnen: weltweite Überkapazitäten und ein verschärfter Preiskampf.

Die deutschen Werften reagieren auf die Herausforderungen des Weltmarktes mit einer fortschreitenden Spezialisierung. Nicht zuletzt aufgrund der hohen Arbeitskosten können sie nicht beim Bau von großen Containerschiffen konkurrieren. Sie haben sich deshalb auf den Bau von kleinen Einheiten spezialisiert.

„Und das hat sich auch sehr gut bewährt“, betonte Kennemann, so gut, „dass wir bei den Schiffen mit 2000 TEU bis 2500 TEU einen Anteil am weltweiten Auftragsbestand von 40 % bis 45 % haben“. Als weitere Marktsegmente für den deutschen Schiffbau nannte Kennemann Spezialtanker für Chemikalien, Handelsschiffe für die Eisfahrt und Kreuzfahrtschiffe. ( TEU steht für Twenty-foot Equivalent Unit, der international standardisierten 20 Fuß langen Container im Warenverkehr.)

Ein wichtiges Marktsegment taucht in den Neubautonnage-Statistiken allerdings nicht auf, obwohl deren Bedeutung für den deutschen Schiffbau von Jahr zu Jahr wächst: „Superyachten“. Für diese Schiffe gelten deutsche Werften bei den Superreichen dieser Welt als eine Top-Adresse, insbesondere für die Megayachten ab 90 m Länge.

Diskretion herrscht im Geschäft mit Superyachten, über Zahlen schweigen sich die Hersteller aus. Experten schätzen den Auftragsbestand in den Orderbüchern deutscher Werften aber auf gut 2 Mrd. €. Die Spitzenstellung in Europa teilen sich in dem Segment die Deutschen mit Holländern und Italienern – die Europäer hätten weltweit etwa zwei Drittel aller neubestellten Großyachten für sich verbuchen können, so Insider. Die anspruchsvollen Eigner schätzen bei den europäischen Werften die Qualität, die Kompetenz für Hightech-Lösungen und den angebotenen weltweiten Service. Allerdings entstehen auch schon erste Luxusschiffe auf chinesischen Werften.

Geht es den Schiffbauern gut, profitieren auch die Schiffsausrüster, denn ihr Anteil macht 70 % der Neubaukosten eines Schiffes aus. Weltweit setzt die Branche über 70 Mrd. €, erklärte Pim van Gulpen, Präsident des Europäischen Verbandes der Schiffsausrüster (EMEC). Europas Ausrüster hielten weltweit einen Marktanteil von gut einem Drittel, wobei sie auf den Gebieten Antrieb, Kommunikation, Kargo-Handling und -Automation als Weltmarktführer gelten können.

Forschung und Innovation sind für van Gulpen und Kennemann die Voraussetzung, um den Marktanteil der europäischen Anbieter zu halten. Gefragt seien hier, so van Gulpen, zunehmend „integrierte Lösungen“, die die Zulieferer von der Planungsphase an in neue Projekte einbinden und zur weitgehenden Kooperation untereinander zwingen – ein Konzept, dass die Automobilindustrie erfolgreich seit Jahren praktiziert.

Allerdings seien in der Branche noch viele Widerstände zu überwinden, betonte van Gulpen: „Das ist gar nicht so einfach, weil die Unternehmen viel Vertrauen entwickeln müssen. Sie müssen bereit sein, die Kenntnisse auf einem bestimmten Gebiet in einer frühen Phase miteinander zu teilen und das ist etwas, was vielen sehr gefährlich scheint, weil man damit Know-how weggibt. Aber Know-how zu teilen, ist unvermeidbar, wenn es darum geht, innovativ zu sein.“ JÖRN IKEN/WOP

Von Jörn Iken/Wolfgang Pester

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