Schiffbau 14.06.2002, 18:20 Uhr

Blauer Engel macht seeklar

Vom Klopapier bis zur Heizung – fast 4000 Produkte und Dienstleistungen tragen das Öko-Siegel Blauer Engel. Bald sollen auch umweltverträgliche Seeschiffe ausgezeichnet werden. Das wird aufwändig und teuer – einige Reeder sind skeptisch.

Auf den ersten Blick unterscheiden sich die Mehrzweckfrachter der Kollmarer Reederei Braren kaum von anderen Pötten ihrer Größenklasse. Doch unter ihrer daumendicken Stahlhaut verbirgt sich ökologisches Hightech. Mit SRC-Katalysator, schwefelarmen Treibstoffen und biozidfreien Anstrichen sind die Frachter Timbus, Forester und Cellus so etwas wie die grünen Aushängeschilder der deutschen Handelsschiffflotte. Sie erfüllen heute schon die Umweltvorschriften von morgen. Um solche Ansätze zu fördern, soll das Öko-Zertifikat Blauer Engel ab 2003 an Schiffe vergeben werden – genauer gesagt: für den umweltverträglichen Betrieb von Schiffen.
Tankerhavarien, Ölverklappung skrupeloser Kapitäne und giftige Schiffsanstriche sind nur wenige Stichworte – zu verbessern gibt es noch viel mehr, damit die Ozeanriesen ihr Öko-Image aufpolieren können. Doch anders als bei Tapeten, Laserdruckern oder Holzschutzmitteln nehmen die Gutachter der Jury Umweltzeichen nicht nur das Material der Schiffe unter die Lupe.
Bewertet wird das Gesamtsystem – von der Planung am Reißbrett bis zur Abwrackung nach der letzten Fahrt. „Wir prüfen, wie die Ausbildung der Crew ist, ob sich die Seeleute an Bord verständigen können“, sagt Andrea Schäfer, die beim Umweltbundesamt für den Blauen Engel zuständig ist, „und beurteilen auch das Qualitätsmanagement der Reederei.“
Die Ozeanriesen und ihre Betreiber müssen 13 Kriterien erfüllen – zehn davon sind Pflicht, drei dürfen sie unter dreißig frei wählen. Welche Voraussetzungen ein Engel-Kandidat erfüllen muss, haben die Reeder, Klassifikationsgesellschaften und See-Gewerkschaftler unter Obhut der Gesellschaft für angewandten Umweltschutz und Sicherheit im Seeverkehr (GAUSS) in Bremen ausgewertet.
Zum Standard gehören das Qualitätsmanagement nach ISO 9001 und eine so genannte Blue Card der Weltseeleutegewerkschaft. Diese bescheinigt den Schiffen gute Personalpraxis, worunter Bezahlung nach Tarif sowie hohe Ausbildungsstandards zu verstehen sind. „Dahinter steckt die Erkenntnis, dass motivierte Seeleute entscheidend dafür sind, wie sicher ein Schiff ist“, sagt Bahlke. Besser noch macht sich ein ISO-14000-Zertifikat für aktives Umweltmanagement, das nur Firmen erhalten, die sich ökologische Geschäftsziele auf die Fahne geschrieben haben und bilanzieren.
Engel-Schiffe müssen künftig außerdem ein Notschleppgeschirr für die Bergung auf hoher See dabeihaben, Materialverstärkungen an allen Ecken und Kanten aufweisen sowie Sensoren, die die Belastung des Rumpfs überwachen. Zur Ausrüstung der Öko-Flotte gehören auch Antriebsmaschinen oder „Power-take-Home-Aggregate“, die das Schiff selbst dann manövrierfähig halten, wenn die Hauptmaschine ausfällt.
Bei Emissionen erwarten die Kandidaten strenge Grenzwerte. So muss der Stickoxidausstoß der großen Motoren durch Katalysatoren oder modifizierte Einspritztechnik um mindestens 20 % reduziert werden. Getankt werden darf nur Brennstoff mit einem Schwefelanteil von maximal 1,5 % – zurzeit enthalten die schweren Bunkeröle weltweit rund 3 % Schwefel.
„Die Hürden sind hoch“, urteilt Bahlke. „Mal eben von heute auf morgen kann sich keiner für den Blauen Engel qualifizieren.“ Teuer werden die erforderlichen Entsorgungseinrichtungen. Große Passagier- und Kreuzfahrtschiffe beispielsweise sollten über Müllverbrennungsanlagen verfügen, damit kein Haushaltsmüll über Bord geht oder in Entwicklungsländern gedumpt wird. Das Abwasser muss an Bord so aufbereitet werden, dass internationale Grenzwerte um 50 % unterschritten werden.
Die strengen Kriterien hat die Jury Umweltzeichen, ein unabhängiges Beschlussgremium von Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, vergangenen Donnerstag in Bremerhaven erstmals diskutiert. Geht alles glatt, könnte sie die Vergabegrundlage schon bei ihrer nächsten Sitzung im November verabschieden.
Beim Verband Deutscher Reeder in Hamburg hält sich die Vorfreude in Grenzen. Umweltreferent Hans-Jürgen Golchert befürchtet, dass Unternehmen, die den hohen Anforderungen des Blauen Engels nicht gerecht werden, künftig als „minder gut“ abgestempelt werden, obwohl sie die gängigen internationalen Vorschriften erfüllen. „Ich befürchte, dass hier ein Nebenkriegsschauplatz eröffnet wird“, so Golchert. „Die Spielregeln sollten grundsätzlich im Rahmen der UNO-Seeschifffahrtsorganisation international festgelegt werden.“
Problematisch findet der Verbandsfunktionär außerdem, dass der Blaue Engel im Ausland kaum bekannt ist und den Reedern keine finanziellen Vorteile bringt.
Doch das könnte sich künftig ändern. GAUSS-Mitarbeiter Christian Bahlke geht davon aus, dass Schiffe mit dem Blauem Engel über kurz oder lang Rabatte bei Hafen- und anderen Schifffahrtsgebühren bekommen werden. Schon heute gibt es in Rotterdam, Hamburg und in schwedischen Häfen Öko-Vergünstigungen.
Auf Vergünstigungen hofft auch Reeder Rörd Braren, der als erster Unternehmer den Öko-Engel für ein Schiff seiner Flotte beantragt hat. Seine Carrier müssen schon heute den harten Auflagen des Zertifikats genügen, weil seine Kundschaft das so will. Skandinavische Forstunternehmen, die die deutschen Frachter für den Transport von Papierprodukten chartern, verlangen, dass ihre Transportkette die proklamierten Umweltziele widerspiegelt. „Mir bleibt keine andere Wahl, wenn ich weiter für sie transportieren will“, meint Braren. Seine Ausgaben honorieren die Skandinavier mit einer überdurchschnittlichen Charterrate.
Möglicherweise werden sie dem „Blue Angel“ an der Pier bald von Angesicht zu Angesicht gegenüber stehen. Denn sollte der Engel für umweltverträglichen Schiffsbetrieb Wirklichkeit werden, möchte Braren das Symbol groß und auffällig auf die Deckaufbauten seiner Schiffe pinseln.
MICHAEL HOLLMANN

Von Michael Hollmann

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