Kraftstoff 01.07.2005, 18:39 Uhr

Zuckersüße Alternative

VDI nachrichten, Hamburg, 1. 7. 05 – In der EU soll Ethanol in den Tank, wenn auch vorerst nur als Beimischung. Ein Blick nach Brasilien zeigt, wie der Biosprit als Alternative zu fossilen Brennstoffen funktioniert. Auch hier war der umweltfreundliche Sprit aus Zuckerrohr lange ein Spielball der Preise für klassisches Benzin. Sein Ethanol will Brasilien jetzt in die Europäische Union exportieren.

Zurzeit ist die Nachfrage nach Ethanol als Treibstoff riesig.“ José Leda Neto, Direktor von USJ Acucar e Álcool in Sao Joao, rührt den dritten Löffel Zucker in seinen Kaffee. Brasilianer trinken ihren kleinen Schwarzen süß und sorgen auch dafür, dass der Nachschub nicht versiegt: Rund 4 Mio. t Zuckerrohr im Jahr verarbeitet USJ Acucar e Álcool.

Der Weg zum Werk im Bundesstaat Sao Paulo führt durch Zuckerrohrfelder, die bis zum Horizont reichen. Das grüne Meer wird nur von einzelnen Bäumen und der roten Erde der schmalen Wege unterbrochen, die sich durch die Felder ziehen. Lastwagen donnern vorbei, beladen mit dem Gestrüpp des dunklen Zuckerrohrs.

Im Werk pressen riesige Walzen den braunen Saft aus dem Zuckerrohr. Zur Gewinnung von Zucker wird der Saft erhitzt. Übrig bleibt eine dunkle Melasse, die zunächst gegoren und dann zu Ethanol in zwei unterschiedlichen Reinheitsgraden destilliert wird.

Alle der 300 Zuckermühlen im Staat Sao Paulo nutzen ihre Melasse auf diese Weise. Ethanol kann aber auch direkt aus dem Zuckersaft gewonnen werden. „Wir können in zwei Tagen unsere Produktion auf Ethanol allein umstellen „, erklärt José Leda Neto.

Ethanol als Treibstoff feiert in Brasilien derzeit ein Comeback. Über 3 Mio. Pkw fahren in Brasilien mit dem Pflanzensprit. Bei den Neuzulassungen sind es sogar zwei Drittel aller Wagen. Der Rest der 17 Mio. brasilianischen Pkw fährt mit Benzin, dem zwischen 20 % und 24 % Alkohol beigemischt wird. Alle Automotoren sollen das ohne Anpassungen schlucken.

Vor zwei Jahren hat Volkswagen Brasilien außerdem einen Wagen mit Flex-Fuel-Motor auf den Markt gebracht. Das Auto kann mit Benzin oder Ethanol betankt werden, eine Sonde erkennt den Kraftstoff und das Motormanagement stellt Zündung und Einspritzung entsprechend ein. Heute ist jeder vierte Neuwagen des Wolfsburger Ablegers mit dem Allesfresser ausgestattet.

Schon einmal hatte Ethanol in Brasilien fossile Treibstoffe für Pkw fast völlig verdrängt: 1984 liefen knapp 95 % aller in Brasilien produzierten Neuwagen mit einem Ethanolmotor – eine Folge der Erdölkrisen der 70er-Jahre.

Als die Erdölpreise in den 80er-Jahren wieder sanken, geriet die Produktion von Ethanol unter Druck. Gleichzeitig stiegen die Zuckerpreise und die brasilianischen Zuckermühlen stellten ihre Produktion wieder auf das weiße Gold um. Ethanol wurde knapp.

Ein Desaster für Autofahrer, die sich für ein Ethanol-Modell entschieden hatten. Erst die Einführung des Flex-Fuel-Motors löste das Problem.

Heute gibt es landesweit rund 25 000 Tankstellen, die Ethanol anbieten. In großen Städten und in weiten Teilen des Landes ist die Versorgung flächendeckend.

„Als das Auto mit dem neuen Motor auf den Markt kam, musste ich nicht lange überlegen.“ Moacyr Junior steuert seinen blitzblanken Wagen durch den dichten Verkehr von Sao Paulo. Auf sechs Spuren wälzt sich die Blechlawine über die Stadtautobahn aus der Megametropole hinaus.

Moacyr betreibt einen Fahrdienst¿ mit dem er vor allem Firmenkunden kutschiert. Sein Betriebskapital besteht aus einem Mobiltelefon, einem dunklen Anzug und einem ¿Meriva¿ von General Motors: „Ich spare fast die Hälfte an Treibstoffkosten, wenn ich Ethanol tanke – ohne darauf festgelegt zu sein.“ Erstens verbraucht der Motor bis zu 2 l weniger auf 100 km. Zweitens kostet der Liter Ethanol aus Zuckerrohr mit etwa 40 Eurocent über ein Drittel weniger als Benzin. Mit Ethanol betriebene Autos stoßen zudem bis zu 80 % weniger CO2 aus.

In Brasilien wird derzeit schon daran gearbeitet, die Ethanolgewinnung zu steigern, ohne mehr Zuckerrohr anbauen zu müssen. „Wir testen ein chemisches Verfahren, bei dem auch aus der Bagasse und dem Stroh des Zuckerrohrs Alkohol gewonnen wird“, sagt Rodrigo Santos vom brasilianischen Anlagenbauer Dedini.

Hinter ihm schweißen Arbeiter einen 30 m hohen Tank für eine Destillationsanlage zusammen. Dedini hat gut 700 Anlagen für Zuckermühlen in ganz Brasilien gebaut, die Auftragsbücher des Unternehmens sind voll. Bewährt sich das neue Verfahren, ließe sich der Ertrag verdoppeln.

Schon jetzt exportiert Brasilien einen Teil seines mischbaren Ethanols – vor allem nach China, Japan und in die USA. Immer lauter klopft das Land jetzt an die Türen der EU. Der europäische Markt ist attraktiv – spätestens seit die Zielmarke ausgegeben wurde, dass Biotreibstoffe bis 2010 einen Anteil von 5,75 % haben sollen.

Mit etwa 25 Eurocent pro Liter kostet brasilianisches Ethanol nur gut die Hälfte des europäischen Alkohols, bedingt durch das günstige Klima, billige Arbeitskräfte und langjährige Erfahrung.

Zurzeit wird über 1 Mio. t mischbares Ethanol diskutiert, das Brasilien in die EU exportieren will. Knackpunkt ist der EU-Importzoll von fast 20 Eurocent pro Liter – den möchte Brasilien möglichst weit senken. Eine Entscheidung wird für Mitte des Jahres erwartet.

Das wird auch Folgen für Deutschland haben. Hier ist „der Investitionsboom, der eigentlich aufgrund der Steuerbefreiung für biogene Kraftstoffe hätte erfolgen müssen, bislang ausgeblieben“, so Martin Tauschke vom Bundesverband Biogene Kraftstoffe.

Außer den drei bereits vor 2004 geplanten Werken in Zeitz, Zörbig und Schwedt wolle aufgrund der Unsicherheit zurzeit niemand in die Ethanolproduktion einsteigen.

Denn die 1 Mio. t Ethanol aus Brasilien plus die anvisierten 590 000 t aus den drei Werken reichen aus, um die Biotreibstoff-Quote in Deutschland zu erfüllen.

Um den deutschen Markt anzukurbeln, fordert der Bundesverband Biogene Kraftstoffe deshalb, Steuern auf brasilianisches Ethanol beizubehalten.

Als Moacyr Junior seinen Wagen wieder in Richtung Sao Paulo lenkt, ist es bereits dunkel. Erntemaschinen arbeiten auf den Zuckerrohrfeldern im Licht ihrer Scheinwerfer. Andere Felder werden abgebrannt, schwarzer Rauch steigt in den Himmel. Denn noch immer werden landesweit gut 80 % des Zuckerrohrs von Hand geerntet. Dabei werden die trockenen, scharfen Blätter vorher abgebrannt, das Rohr selbst wird dabei nicht beschädigt.

Doch die Brände belasten die Atmosphäre. Der Bundesstaat Sao Paulo versucht deshalb, die Handernte zurückzudrängen. Aber nicht alle Felder eignen sich für Erntemaschinen und die Landarbeiter fürchten um ihre Jobs. Jede Maschine soll zweihundert Erntehelfer ersetzen.

Vor Sao Paulo fährt Moacyr Juniors Wagen an einem Camp der Landlosen-Bewegung vorbei. Mit Transparenten weisen sie darauf hin, dass in Brasilien die meisten Landwirtschaftsflächen in der Hand von einigen wenigen Großgrundbesitzern sind. Die Öffnung des EU-Marktes für brasilianisches Ethanol würde ihnen viel bringen – nur den Landlosen nicht. KLAUS SIEG

Ethanol

– Mit 310 Mio. t Zuckerrohr pro Jahr ist Brasilien der größte Produzent der Welt.

– Daraus gewinnen Brasiliens Zuckermühlen 20 Mio. t Zucker und 12,5 Mrd. l Ethanol.

– Nach Angaben der UNICA, der Vereinigung der Zuckerrohrindustrie Sao Paulos, wird Zuckerrohr nur auf 1 % der Ackerflächen Brasiliens angebaut. Das entspricht mit 4,5 Mio. ha fast einem Fünftel der Fläche Großbritanniens.

– Im Bundesstaat Sao Paulo, wo über 60 % des brasilianischen Ethanols produziert werden, wird zum Teil fünfmal pro Jahr geerntet. Bei fünf Ernten wird ein Hektarertrag von 93 t erzielt. Daraus lassen sich bis zu 10.000 l Ethanol gewinnen.

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