Start-up-Porträt 18.06.2010, 19:47 Uhr

„Wir können die Katastrophe stoppen“

Die Contros Systems & Solutions GmbH hat sich eigentlich auf die Ortung von Leckagen in Pipelines spezialisiert. Nach dem Unglück im Golf von Mexiko dachten die Kieler darüber nach, wie man das unkontrollierte Ausströmen von Öl beenden kann. Gemeinsam mit zwei weiteren deutschen Firmen erarbeiteten sie eine Lösung. Die Erfolgswahrscheinlichkeit beträgt nach eigenen Angaben rund 70 %.

Leider haben sich die Wege von BP-Boss Tony Hayward und Contros-Gründer Daniel Esser bis heute nicht gekreuzt. Das ist doppelt bedauerlich. „Mit unserer Technologie hätten wir die Katastrophe im Golf von Mexiko von vornherein verhindern können“, sagt der Deutsche. „Unser Monitoring-System hätte den unverhältnismäßig starken Gasaustritt, der das Unglück einleitete, sofort erkannt und Alarm geschlagen. Die Produktion hätte rechtzeitig eingestellt werden können.“

Nun aber ist das Kind in den Brunnen gefallen – bzw. die Bohrinsel im Meer versunken. Esser ist überzeugt, trotzdem noch helfen zu können. Gemeinsam mit dem Pumpenhersteller Bornemann aus dem niedersächsischen Obernkirchen und dem auf Unterwasser-Technologien spezialisierten Beratungsunternehmen CCS Consulting aus Hamburg will der Kieler einen Trichter über das Bohrloch stülpen, der das austretende Gemisch vollständig aufnimmt. „Nach ausführlichen Tests und Simulationen gehe ich davon aus, dass wir die Umweltkatastrophe stoppen können. Die Erfolgswahrscheinlichkeit beträgt rund 70 %.“

Innerhalb des Konsortiums ist die Contros GmbH für die Echtzeitanalyse des sprudelnden Ölstroms zuständig. „Das ist wichtig, um stets die richtige Menge MEG in den Trichter injizieren zu können“, erklärt Esser.

MEG steht für Monoethylenglykol. Dieser Stoff verhindert die Bildung von eisähnlichem Methanhydrat. Dessen Kristalle waren dafür verantwortlich, dass der erste Rettungsversuch von BP scheiterte. Sie hatten die Spitze der vom Ölgiganten konstruierten Kuppel verstopft und so ein Absaugen des Öls verhindert.

Zur Echtzeitanalyse des ausströmenden Gemischs nutzt Contros den sogenannten Sniffer. Das Gerät bildet bisher die wirtschaftliche Basis der jungen Firma. Es hat etwa die Größe einer handelsüblichen Wasserflasche.

Die Hülle besteht aus Titanium. An einem Ende ist eine molekülselektive Membran angebracht. Sie lässt lediglich CH4-Moleküle hindurch. „Das ist das kleinste Molekül innerhalb der Kohlenwasserstoffkette“, erklärt Esser. „Es tritt immer als erstes aus, wenn an Öl- oder Gas-Pipelines winzige Leckagen entstehen.“ Ein Infrarotsensor hinter der Membran schlage sofort Alarm, wenn die CH4-Konzentration im Wasser plötzlich ansteige.

Der Sniffer kann noch weitere Substanzen schnell identifizieren. Er verrät den Experten also stets, was gerade aus dem Bohrloch strömt bzw. wie sich das Gemisch innerhalb des Trichters unter dem Einfluss von Druck und Kälte verändert.

Das Knowhow darüber, wie der problematischen Hydratbildung vorgebeugt werden kann, bringt die CCS Consultants GmbH in das Konsortium ein. Die Hamburger sind Spezialisten auf dem Gebiet der CO2-Einlagerung am Meeresboden und von daher bestens vertraut mit den unwirtlichen Bedingungen im Reich der Tiefe.

Dritter im Bunde ist die Joh. Heinr. Bornemann GmbH. Der führende Pumpenhersteller will eine mindestens 1 MW starke Multiphasenpumpe zur Verfügung stellen. „Das Gerät könnte rund 6 Mio. l Gemisch am Tag auf ein Schiff pumpen. Es unterscheidet dabei nicht zwischen Öl, Salzwasser, Gas oder MEG. Die Pumpe fördert einfach alles“, schwärmt Esser.

Stellt sich die Frage, warum das deutsche Team nicht längst im Golf von Mexiko aushilft. Am Geld kann es kaum liegen. „Wir würden nur etwa 4 Mio. € für den Trichter, die Pumpe und alle angeschlossenen Systeme in Rechnung stellen“, so Esser. „Das ist vergleichsweise wenig, wenn man bedenkt, dass allein das täglich ausströmende Öl einen Wert von etwa 1,5 Mio. $ hat. Rechnet man die wachsenden Umwelt- und Imageschäden hinzu, hätte sich die Investition für BP wahrscheinlich innerhalb von zwei Tagen amortisiert.“

Esser und seine Partner warten dementsprechend auf einen Hilferuf von BP. Sie nutzen die Zeit bis dahin für Vorbereitungen, um ggf. schnell vor Ort sein zu können.

Der BP-Vorstand ist über die Offerte der Deutschen informiert. Das Konsortium der Nordlichter steht in engem Kontakt mit dem BP-Kontraktor Oceaneering International, Inc. aus Houston/Texas. „Mehr können wir im Moment nicht tun“, so Esser. „Wir wollen BP schließlich nicht bevormunden. Wir wollen auch in Zukunft noch auf vernünftiger Basis mit dem Konzern zusammenarbeiten können. Da die Führungsriege eher konservativ ist, muss man schon aufpassen, was man sagt. „

Die Zukunft der 2006 gegründeten Contros GmbH scheint aber auch ohne einen Marschbefehl aus den USA gesichert zu sein. Das Monitoring-System zur Leckage-Ortung erfreut sich am Markt wachsenden Zuspruchs. Die Umsatzprognose für 2010 lag ursprünglich bei 1,4 Mio. €. Davon ist aber bereits jetzt mehr als die Hälfte erreicht.

Finanziert hat sich Contros zunächst aus Eigenmitteln der Gründungsgesellschafter. Hinzu kamen 100 000 € von der Mittelständischen Beteiligungsgesellschaft Schleswig Holstein und ein 200 000 € Kredit von der Sparkasse Kiel. Später stiegen der Hightech-Gründerfonds, der Gründungsfinanzierer Maz Level One, ein Partner in Norwegen und die KfW ein. Ebenfalls an Bord sind inzwischen Ex-HDW-Vorstand Dirk Rathjens sowie der Business Angel Eckehard Wohlgehagen.

„Aktuell sind wir gut finanziert“, fasst Esser zusammen. „Wir überlegen allerdings gerade, ob wir unser aktuell 20-köpfiges Team noch einmal deutlich aufstocken wollen. Ein eventuell anspringender Leckage-Markt gäbe uns die Möglichkeit dazu. Dann würden wir weitere Anteile in Cash umwandeln“, so der Kaufmann. „Wenn wir allerdings das Problem am Golf lösen dürfen, könnten sich vielleicht auch ganz andere Finanzierungsmöglichkeiten auftun.“

STEFAN ASCHE

Von Stefan Asche
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