Kraftstoff 19.10.2007, 19:30 Uhr

„Wir haben fünf Jahre Vorsprung“  

Biogenem Diesel, wie er von Choren Industries in Freiberg bald industriell erzeugt wird, könnte die Zukunft gehören. Vor wenigen Tagen sind VW und Daimler als Minderheitsgesellschafter in das kleine sächsische Unternehmen eingestiegen. Fragen an den Geschäftsführer des Unternehmens Tom Blades.

Blades: Technisch gesehen ist BTL – Biomass to Liquid – ein biosynthetischer Kraftstoff. Seine Erzeugung basiert auf einer bereits 1920 in Deutschland entwickelten Technologie, dem Fischer-Tropsch-Verfahren. Damals wurde aus Kohle Synthesegas gewonnen und dieses in flüssige Kohlenwasserstoffe umgewandelt, also auch in Kraftstoff. Das ist auch mit Biomasse möglich, da die Moleküle dieselben sind.

Mit unserem weltweit patentierten Carbo-V-Verfahren erzeugen wir ein absolut teerfreies Brenn- oder Synthesegas, das zu einem flüssigen Kraftstoff weiterverarbeitet wird, der sich sofort und ohne Umrüstung in jedem Dieselmotor verwenden lässt, selbst wenn er hundert Jahre alt ist.

VDI nachrichten: Sind dafür spezielle Zapfsäulen erforderlich?

Blades: Das ist nicht nötig, denn BTL lässt sich in jedem Verhältnis mit fossilem Diesel mischen. Denn er ist vollkommen frei von Aromaten, wie man sie bei herkömmlichem und bei Biodiesel hat. Er greift weder Dichtungen an, noch setzt er Partikelfilter zu. Die saubere Technologie und die besseren Verbrennungseigenschaften brachten den lang erhofften Durchbruch für Biomasse als Energieträger. Bei VW nennt man BTL „Kaviar für den Motor“. Ich denke, Shell als unser Hauptabnehmer mischt ihn später dem Premium-Diesel bei.

VDI nachrichten: Sundiesel und Sunfuel lauten die Markennamen, unter denen Ihre neuen Mitgesellschafter VW und Daimler den Kraftstoff führen. Er gilt als schadstoffarm und CO2-neutral. Ist er auch wirtschaftlich?

Blades: In wenigen Monaten geht in Freiberg unsere Beta-Anlage in Betrieb. Sie wird dann kommerziell betrieben und bringt jährlich eine Leistung von 18 Mio. l BTL-Kraftstoff, womit sich der Jahresbedarf von bis zu 15 000 Pkw decken lässt. Das ist zwar nur ein Klacks auf dem Dieselmarkt, aber für uns ein Beweis, dass die Technologie ausbaubar ist. Ich meine, wir haben damit heute fünf Jahre Vorsprung vor der Konkurrenz.

VDI nachrichten: Können Sie preislich mit fossilem Diesel konkurrieren?

Blades: Die Frage hat mehrere Dimensionen. Erstens ist die Beta-Anlage noch sehr klein, also von der Rentabilität nicht mit den riesigen Erdölraffinerien vergleichbar. Und selbst die Sigma-Anlagen, die wir nun planen, bringen es mit ihrer Jahreskapazität von 250 Mio. Liter auf gut ein Hundertstel solcher Komplexe. In der Beta-Anlage, die bald in Freiberg arbeitet, liegen die Kosten pro Liter bei 90 Cent bis 100 Cent. Für die Sigma-Anlagen avisieren wir 70 Cent. Da BTL mineralölsteuerbefreit ist, können wir damit schon gut mithalten. Und die Technologie ist ja auch noch ausbaubar.

VDI nachrichten: Schon im Frühjahr gab es Meldungen über eine noch deutlich größere Anlage von Ihnen an der Ostsee. Es scheint, das Projekt stagniert im Moment.

Blades: Ein größeres Team befasst sich mit dem nötigen Engineering. Denn wir wollen in Deutschland fünf solcher Sigma-Anlagen bauen. Ob die erste in Lubmin bei Greifswald entsteht oder im nordbrandenburgischen Schwedt, hängt von den Rahmenbedingungen und der Finanzierung ab.

VDI nachrichten: Worauf fußt die Finanzierung?

Blades: Die Projektkosten je Sigma-Anlage liegen bei über 800 Mio. €. Der Bau hängt auch davon ab, wie schnell wir sie finanziert bekommen. Wichtig sind Fördermittel und eventuell auch Bürgschaften, etwa vom Bund.

VDI nachrichten: Und wer stemmt die Hauptlast der Kosten?

Blades: Wir selbst. Choren gehört neun privaten Gesellschaftern, darunter ich, und nunmehr auch drei industriellen Investoren – neben Shell seit kurzen eben auch Daimler und VW. Der größte Aktionär aber bleibt Michael Saalfeld, ein Hamburger Kaufmann, der sich schon lange auf dem Feld erneuerbarer Energien engagiert.

Die Beteiligung der beiden Automobilkonzerne an Choren ist ein weiterer Meilenstein. Sie wird eine breite Markteinführung des klimafreundlichen synthetischen Biokraftstoffs der zweiten Generation in jedem Fall beschleunigen.

VDI nachrichten: Warum sind Sie sich so sicher, dass sich Sonnendiesel tatsächlich durchsetzen wird?

Blades: Wir sind fest überzeugt, dass wir die Technologie weiter ausbauen können und dass die Welt das auch braucht. Sowohl in Sachen CO2 als auch bei der Energiesicherheit kommt man mit den heutigen biogenen Kraftstoffen nicht viel weiter. Deshalb setzen wir auch auf die Unterstützung in der Gesetzgebung. Wenn die Politik CO2-Verminderung belohnt, wollen wir, dass unsere sauberen Produkte anerkannt werden.

VDI nachrichten: Kann BTL eines Tages fossile Kraftstoffe ersetzen?

Blades: Wohl kaum. Aber der Anteil biogener Kraftstoffe wird über die Jahre steigen. Es gibt Prognosen von Shell, wonach in 50 Jahren die Hälfte im dann verwendeten Kraftstoffmix synthetisch erzeugt wird – aus Gas, Kohle oder Biomasse.

Über den Anteil an BTL mag ich nicht spekulieren. Die Fachagentur für Nachwachsende Rohstoffe (FNR) geht davon aus, dass Deutschland 2020 mit Technologien der zweiten Generation 25 % des Kraftstoffbedarfs aus heimischen Quellen decken könnte.

VDI nachrichten: Machen Sie nicht die Rechnung ohne den Wirt, sprich: Ist überhaupt genug Agrarfläche, genug Biomasse im Lande vorhanden?

Blades: Ich meine, dass die prognostizierten 25 % machbar sind. Man sieht uns dabei nicht in Konkurrenz zu Ackerfrüchten für Lebensmittel. Wir nehmen das, was andere nicht haben oder brauchen: Abfallprodukte aus der Agrarwelt, Altholz, Sägerestholz, minderwertiges Waldholz wie Zweige und Kronen. Hinzu kommen schnellwachsende Holzsorten auf Feldern, die bisher ohnehin stillgelegt sind.

VDI nachrichten: Setzt man im Jahre 2050 überhaupt noch auf Flüssigkraftstoffe? Vielleicht ist dann die Brennstoffzelle Ihre große Konkurrenz?

Blades: Auf einer OECD-Konferenz in Paris sagte kürzlich ein Professor: Wasserstoff ist der Kraftstoff der Zukunft – und wird es auch immer sein¿

VDI nachrichten: Wachsende Nachfrage nach Agrarprodukten erhöht vermutlich die Preise selbst für Sägerest- oder minderwertiges Waldholz. Es bleiben also Risiken!

Blades: Sicher, zumal die Hälfte der Produktkosten aus der Biomasse kommt. Momentan brauchen wir 4,9 mal so viel Rohstoff, wie anschließend an BTL erzeugt wird. Den Engpass bildet der Wasserstoff, den Biomasse zu wenig enthält. Das Syntheseverfahren basiert auf dem Vorhandensein von ausreichend Kohlenstoff und Wasserstoff. Kann man dem System zusätzlich Wasserstoff, der CO2-neutral erzeugt wurde, hinzufügen, lässt sich die Ausbeute an Kraftstoff verdoppeln. Oder anders gesagt, es ist nur noch die 2,2-fache Menge an Biomasse notwenig. Eine Alternative wäre es auch, in Ländern zu produzieren, in denen sich Biomasse günstiger einkaufen lässt.

VDI nachrichten: Wo konkret?

Blades: Zum Beispiel in den USA. Hier baut man Häuser traditionell aus Holz. Damit fallen jährlich 60 Mio. t Altholz an.

VDI nachrichten: Planen Sie bereits Anlagen in den USA?

Blades: Ja, die Amerikaner zerren schon sehr lange an uns. Gerade haben wir ein Büro in Houston gegründet. Ich war dieses Jahr schon mit Bundesaußenminister Steinmeier bei Condoleezza Rice. Wir haben lange diskutiert, wie wir deutsche Technologien in die USA bringen können. Nun haben wir für eine erste Anlage in Amerika auch beim Department of Energy eine Bundesbürgschaft beantragt. Das sieht sehr günstig aus. Von 143 Bewerbern wurden 16 Finalisten ausgewählt – und wir sind dabei. Anders leider in Deutschland. So stehen die Zeichen nicht schlecht, dass unsere erste Sigma-Anlage nicht in Deutschland sondern in den USA startet.

VDI nachrichten: Wegen einer fehlenden deutschen Bürgschaft?

Blades: Womöglich. Um in Deutschland eine Bürgschaft des Staates zu erhalten, muss man sich schon sehr ins Zeug legen. Das dauert dann bis zu zwei Jahre, in denen sich bei einem Projekt wenig tut. Es läuft hier alles sehr reaktiv, in den USA dagegen proaktiv.

Eine Bürgschaft ist schon nötig. Dieses Projekt ist schließlich nicht ohne Risiko. Immerhin wäre es die erste dieser Anlagen weltweit. Und wenn der Staat uns puscht und ermutigt, es zu tun, muss er auch dahinterstehen. Schaffen wir doch pro Anlage um die 1000 Arbeitsplätze. Drei Viertel davon im Umfeld, also bei Landwirten, Verarbeitern, Logistikern.

VDI nachrichten: Choren hat 2007 kräftig eingestellt, darunter 80 Ingenieure. Finden Sie genug Personal?

Blades: Das ist schon eine Herausforderung, aber es zeigt sich, dass unser Thema so charmant ist, dass die Leute von allein kommen. Vor allem viele junge Leute sehen die Chance, sich verfahrenstechnisch in einer neuen Richtung auszutoben und zugleich ein wenig die Welt zu ändern. HARALD LACHMANN

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