Öl 25.02.2000, 17:24 Uhr

Wer liegt schon gern am verölten Strand?

An den Stränden der Süd-Bretagne wird immer neues Öl angeschwemmt. Die französische Regierung will ab Mai die Restfracht aus dem Wrack der „Erika“ abpumpen. Dabei kämpft sie gegen die Zeit, um wenigstens einen Teil der Saison noch zu retten.

Jean ist stinksauer: „Wer behauptet, dass die Ölpest zu Ende ist, der lügt.“ Lautstark schimpft er am Strand von Le Croisic nördlich von St. Nazaire über die französischen Behörden und den Ölkonzern TotalFinaElf. „Das Wrack der Erika leckt doch noch immer. Hier, sehen Sie selbst, ganz frisch“, sagt er und hebt mit der Maurerkelle die schwarzbraune Schmiere hoch, die sich mit dem Sand zwischen den Felsen vermischt hat. Dann lässt er die übel riechende Masse in einen verklebten Eimer plumpsen. Der Wind mit Stärke 6 zerzaust sein Haar. Auf dem grünen Meer tanzen die Schaumkronen in der Sonne. Es ist eiskalt.
Der 37-Jährige ist einer der Tausenden Freiwillligen, die seit Wochen an der französischen Atlantikküste jene Sysiphus-Arbeit verrichten, die ihnen der Tanker Erika beschert hat. Am 12. Dezember zerbrach der rostige Kahn aus Malta im Sturm. Doch noch immer schwappt seine Fracht, Schweröl Nr. 2, an die Strände.
Demonstrationen zeugen von der wachsenden Wut der Leute; einige Hundert Protestierer kamen auf der Ferien-Insel Belle Ile zusammen, rund 20 000 Menschen in der Großstadt Nantes. Eine Bürgerinitiative forderte die Freiwilligen an den Stränden gar schon zum Streik auf. Austern- und Muschelfischer aus der Bretagne sind nach Paris gefahren und haben ihre Banderolen vor dem Landwirtschaftsministerium entrollt. Sie dürfen nicht mehr ernten und erleiden Umsatzrückgänge bis 50 %. Die örtlichen Bürgermeister waren bei Premier Lionel Jospin, um sich zu beschweren, dass den vollmundigen Ankündigungen schneller und unbürokratischer Hilfe bislang kaum Taten gefolgt sind. Und die Tourismus-Manager der Bretagne befürchten, dass sie die Saison 2000 abschreiben müssen, und wollen deshalb noch schnell eine extra Werbekampagne starten.
Auch Fischer Jacques Noury aus Locmaria auf der wildromantischen Insel Belle-Ile-en-Mer hat Umsatzausfälle. Sein Fisch ist zwar nicht verschmutzt, er ist auf andere Fanggründe ausgewichen. „Aber die Leute im Binnenland essen nun weniger Fisch, deshalb sind die Preise um durchschnittlich eine Mark pro Kilo gesunken.“
Jacques ist verärgert über die Staatsbürokratie, die bei der Ölkatastrophe so stümperhaft reagiert hat: „Diese vielen Behörden, die sich alle im Wege stehen. Wir brauchen eine Küstenwache wie die Amerikaner.“ Ironie des Schicksals: Die drei Tankstellen auf seiner Insel werden von Total betrieben. Jacques nimmt es mit Galgenhumor: „Was sollen wir machen, die können wir ja nicht anzünden, da schaden wir uns nur selbst.“
Auf 400 km Ferien-Küste von Quimper bis La Rochelle verteilte sich der Ölteppich, den das Meer zuvor in viele Einzelteile zerrissen hatte. Und 400 km sind nur die Luftlinie, in Wirklichkeit ist die Küste der Süd-Bretagne zerklüftet von vielen Buchten und Felsvorsprüngen. Die grüne Umweltministerin Dominique Voynet, die zuvor das Ausmaß der Ölkatastrophe herunterspielt hatte, hat nun, nach zwei Monaten, eingeräumt, dass das Öl „höchstwahrscheinlich Krebs erregend“ ist.
Ein mulmiges Gefühl beschleicht Jean und seine Kollegen. Schaufeln und Kellen haben die Bulldozer abgelöst, die am Anfang bis zu 50 cm dicke Schweröl-Placken abräumten. Jetzt ist Kleinarbeit angesagt. Jean wurde von der Gemeinde mit grünen Gummistiefeln und roten Handschuhen sowie einem schneeweißen Overall ausgestattet, auf dem die Ölflecken besonders gut hervortreten. Zornig und verzweifelt ist er. Denn mit jeder Flut werden neue Ölflecken in Pizza-Größe auf die Felsen und Strände geworfen. „Abends ist alles sauber, morgens dann wieder dreckig.“
Der Wellengang schichtet den Sand auf das Öl, dann wieder Öl, dann wieder Sand. „Das ist wie Blätterteig. Wir tun was wir können, um zu verhindern, dass die Kinder im Sommer beim Buddeln am Strand auf unangenehme Überraschungen stoßen“, sagt der stellvertretende Bürgermeister von Le Croisic, Simon Le Cossec.
In Le Croisic vor dem Restaurant Le Neptune dröhnen die Dieselmotoren der roten Renault-Lastwagen der Feuerwehr. Sie pumpt aus einem Strandsee Süßwasser über 2 km bis ans Meer. Dann spritzen Männer vom Zivilschutz in knallgelben Anoraks die Felsen vorm Strand ab. Bei 6 bis 8 bar Druck löst sich die Pampe ab. Schaumstoffwülste halten die Öl-Wasser-Mischung zurück, bis sie abgepumpt wird.
Einige hundert Meter entfernt klettern Alpinisten an einem Felsen hinab, um ihn von schwarzen Flecken zu reinigen. An einen riesigen Autokran soll eine Kippmulde für den Müll gehängt werden. 120 000 t sind schon zusammengekommen. Mancherorts landete der Ölmüll erst einmal in den Dünen oder auf einem Boule-Platz, wie in dem Flecken mit dem lustigen Namen St. Michel-Chef-Chef, wo nicht einmal Plastikplanen druntergelegt wurden und ein Naturschutzgebiet sowie ein Flüsschen nebenan liegen. Diese wilden Kippen lässt Voynet nun endlich abräumen.
Sicher, die Ölmengen werden immer kleiner. Die 5 m hohe Uferpromenade an der Plage des Grandes Vallées bei Pornic ist nur noch gesprenkelt von schwarzen Flecken in der Größe eines Fünf-Mark-Stückes. Aber der Tourist ist eben ein scheues Reh, das Problemen lieber ausweicht. Die Angst wächst, dass die „Aktion Saubere Küste“ bis zum Beginn der Saison im Juni nicht abgeschlossen ist. Denn vom Tourismus leben hier fast alle. Fischerei, Muschelzucht und Austernfang sind auf den Rang eines willkommenen Zubrots abgesunken. Pornic mit seinen 12 000 Einwohnern im Winter bringt es im Sommer auf 50 000. Am Eingang zu seiner malerischen Bucht mit einem kleinen Schloss bietet ein neuer Sport-Hafen 1000 Yachten Platz.
„Zwei Drittel unserer Wirtschaft hängen vom Tourismus ab“, sagt Roger Reculeau, der Direktor des Fremdenverkehrsvereins. Entscheidend wird sein, ob es im Mai gelingt, das restliche Öl abzupumpen, das sich noch im Wrack befindet. Denn es wäre verheerend, wenn während der Saison aus dem gesunkenen Frachter Öl austritt. Bislang sind erst rund 15 000 t Schweröl aus den zerbrochenen Tanks geflossen. Weitere 15 000 t liegen noch in 120 m Tiefe rund 70 km südlich von Kap Penmarch.
Der Ölkonzern Total, dem die Fracht gehört, gibt dem öffentlichen Druck nach und will das Abpumpen bezahlen. Das allein wird 120 Mio. DM kosten, denn die Prozedur ist aufwendig. Schweröl ist bei normaler Temperatur so zäh wie Kaugummi. Deshalb muss es erhitzt werden, bevor es abgepumpt werden kann.
Die zuständige Meeres-Präfektur in Brest räumte am vergangenen Wochenende nun endlich nach langem Zögern ein, was Jean und die anderen Helfer längst wissen: Die Erika leckt noch immer. „Regenbogenstellen“ im Meer von mehreren Kilometern Länge und 100 m Breite wurden in Wracknähe ausgemacht. Drei der neuen Lecks konnten von einem Roboter gestopft werden. Aber das vierte ist bislang nicht zugänglich. Das bedeutet: Noch mehr Anlandungen stehen bevor. Jean und seine Freunde werden weiter gebraucht. Auch wenn sie ihre Maurerkellen lieber heute als morgen wegwerfen würden. HARALD SCHULTZ
Tausende von Freiwillligen kämpfen seit Wochen an der französischen Atlantikküste auf verlorenem Posten, denn jeden Tag schwimmt neues Öl an. Auch die Behörden haben jetzt eingeräumt, daß die gesunkene Erika immer noch leckt.
Demonstrationen zeugen von der wachsenden Wut der Bretonen, die sich gegen die Hinhaltetaktik von Behörden und TotalFina richtet.
Fischer Jacques Noury hat wie viele seiner Kollegen hohe Umsatzausfälle, denn die Fische weichen auf andere Fanggründe aus.
Schon bald nach der Havarie sollten Tauchroboter, ausgestattet mit Kameras und Sonar, das gesunkene Wrack untersuchen. Schwerer Seegang machte deren Einsatz aber wirkungslos.
Reinigung mit Hochdruck: Männer vom Zivilschutz spritzen die Felsen vorm Strand mit 6 bis 8 bar sauber.

Bergung des Schweröls

Wer pumpt das Wrack leer?
Was tun mit dem noch in dem Wrack der Erika vorhandenen Schweröl? Der französische Verkehrsminister Jean-Claude Gayssot entschied sich für ein Abpumpen der Ladung. Bereits 1980 hatten die Franzosen rund 5000 t Schweröl aus dem Wrack des Tankers “Tanio abgepumpt, der im Norden der Bretagne untergegangen war. Schweröl ist bei normaler Temperatur zäh unter Wasser muss es also erst erwärmt werden, damit es fließt. Beginnen soll die Operation Anfang Mai, wenn Temperaturen und Wetterverhältnisse eine solche Aktion zulassen. Das Ministerium hofft, dass die Erika bis September leer ist, das Abpumpen der Tanio hatte allerdings fast ein Jahr gedauert.
In den nächsten Tagen wird ein Lastenheft für die Ausschreibung erstellt. Bewerben um den Auftrag, der rund 120 Mio. DM kostet und von Total Fina bezahlt wird, können sich Unternehmen mit Erfahrung auf dem Gebiet. hs

Von Harald Schultz
Von Harald Schultz

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