Rohstoffe 27.08.2010, 19:48 Uhr

Weizenpreise: Spekulanten gießen Öl ins Feuer

Noch sind die letzten Feuer in Russland nicht gelöscht, da wird klar: Mindestens ein Fünftel der russischen Weizenernte ist ein Raub der Flammen geworden. Insgesamt stehen in diesem Jahr 15 % der Welternte auf dem Spiel. Die Folge: Die Preise für das Getreide sind an den internationalen Börsenplätzen so hoch wie seit 50 Jahren nicht mehr. Zur Freude vieler Spekulanten und Anleger.

Durch die brennenden Felder und Wälder droht der Getreideexport Russlands von 22 Mio. t im Jahr 2009 auf 8 Mio. t einzubrechen. Allein an der Warenterminbörse in Chicago, dem größten Handelsplatz für Nahrungsrohstoffe weltweit, stiegen die Notierungen von Weizen im vergangenen Monat um 42 %. Das ist der steilste und schnellste Anstieg seit einem halben Jahrhundert. Und auch die Future-Preise des weltweit wichtigsten Grundnahrungsmittels für September kletterten zuletzt auf 6,775 $ (umgerechnet 5,18 €) – auf den höchsten Wert seit zwei Jahren, dem Jahr der letzten großen Hungerrevolten.

Damals, im April 2008, standen verzweifelte Menschen vor ägyptischen Bäckereien Schlange, Horden von nigerianischen Kindern bettelten, weil sich ihre Eltern kein Brot mehr leisten konnten. Und auf Haiti plünderten Banden Geschäfte aus. Weltweit gab es Dutzende von Toten bei wütenden Protesten.

Ägypten, wo die Revolten am blutigsten verliefen, hat auf die jüngste Entwicklung in Russland sofort reagiert. Der größte Getreideimporteur der Welt kaufte eiligst 180 000 t nach, aus Angst, die Preise könnten weiter steigen und der wichtigste Lieferant Moskau einen Exportstopp verhängen. Inzwischen hat Ministerpräsident Wladimir Putin genau das getan, denn in Zeiten der Knappheit liegt es nahe, dass die russische Führung zuerst die eigene Bevölkerung mit Brot und die eigenen Bauern mit Futter für ihre Rinder versorgt.

Dabei macht zurzeit auch noch eine andere Weltgegend einige Sorgen: Australien, der viertgrößte Weizenexporteur, wird von einer Heuschreckenplage heimgesucht, und auch dort herrscht im fruchtbaren Westen des Landes seit Wochen Dürre. Für die Verbraucher könnte die derzeitige Weizenkrise deshalb kostspielig werden. „Das ist die rasanteste Weizenrallye seit 1972/73“, sagte etwa Gary Sharkey, Leiter des Weizeneinkaufs bei dem britischen Lebensmittelkonzern Premier Foods englischen Medien. „Die Industrie wird einen Anstieg des Weizenpreises von 50 % nicht ignorieren können.“ Die Märkte bleiben daher bis auf weiteres äußerst besorgt, weil das wahre Ausmaß der Ernteausfälle bis jetzt noch unklar ist.

Wo so viel Unsicherheit im Markt ist, sind auch Spekulanten nicht weit. Tatsächlich legen viele Zahlen den Schluss nahe, dass an den Rohstoffmärkten der Einfluss professioneller Investoren in den letzten Monaten deutlich zugenommen hat. So sind einer Untersuchung von Macquarie Research zufolge das Anlagevolumen in Rohstoffindexfonds zwischen 1998 und 2007 von 10 Mrd. $ auf 142 Mrd. $ gestiegen. Viel entscheidender aber ist: Allein in den ersten beiden Monaten dieses Jahres kamen weitere 30 Mrd. $ hinzu. Auch aus Deutschland gibt es Zahlen, die diesen Trend belegen. So wurden allein im Monat Februar 140 Zertifikate auf Rohstoffe aufgelegt – das waren doppelt so viele wie im Jahr zuvor. Hedgefonds-Manager setzen dabei vor allem auf Rohstoffe als Ausgleich gegenüber dem sinkenden Dollarkurs und der steigenden Inflation.

Aber es sind nicht nur die Hedgefonds, die im Moment die Preise treiben. Erst vor wenigen Tagen hat die Weltbank mit einer brisanten Studie über den historischen Boom der Nahrungsmittelpreise im Jahr 2008 enthüllt, wer hier am Kapitalmarkt noch eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt. Und das sind große Staatsfonds, Banken und vor allem Hunderte Millionen von Privatanlegern, die ihr Geld von Pensionskassen und Investmentfonds verwalten lassen. Auf der Suche nach neuen Asset-Klassen stießen sie Mitte des letzten Jahrzehnts auf den Markt der Nahrungsmittelrohstoffe und pumpten in dieses Segment mehr Geld, als ihm gut tat, weil wegen der weltweit niedrigen Zinsen viel Geld brachlag und Aktien und Anleihen nur schlechte Renditen abwarfen.

So ist es auch heute wieder. Die Überschwemmung des Rohstoffmarktes mit Geld von Anlegern hat in den vergangenen Jahren zu einem drastischen Wandel geführt. „Das Resultat ist, dass Investoren gerade dabei sind, die dominanten Spieler an den Rohstoffmärkten zu werden“, so Frédéric Lasserre, Chefanalyst für Rohstoffe bei der Société Générale. Sie kaufen an den Warenterminbörsen in New York und Chicago Kontrakte auf Weizen, Mais, Soja oder andere Rohstoffe. Heuschrecken und Feuersbrünste sind da nur äußere Anlässe, die zusätzliche Ängste und Befürchtungen beflügeln.

CHRISTOPH BIRNBAUM

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