Kohle 14.09.2007, 19:30 Uhr

Vorpommern streitet über Kohlenmeiler im Urlaubsparadies  

VDI nachrichten, Lubmin, 14. 9. 07, swe – Mecklenburg-Vorpommern hat der EU-Kommission den Greifswalder Bodden als Vogelschutz- und Fauna-Flora-Habitat(FFH)-Gebiet gemeldet. Zugleich treibt das Land im Seebad Lubmin, das am Bodden liegt, ein ehrgeiziges Industrie-Ansiedlungsprojekt. Nun läuft die Bevölkerung gegen Pläne Sturm, dort ein großes Steinkohlekraftwerk zu bauen.

Wenn ein Investor 1,8 Mrd. € in eine strukturschwache Region pumpen und dabei 140 Arbeitsplätze schaffen will, kann er normalerweise mit einem herzlichen Empfang rechnen. Peter Gedbjerg, Vice President der dänischen Dong Energy, schlug am Sonntag eisiges Schweigen entgegen, als er auf einer Podiumsdiskussion vor 300 Bürgern in Greifswald die Pläne seines Unternehmens erläuterte.

Der dänische Energieversorger möchte in Lubmin, am Greifswalder Bodden, ein Steinkohlekraftwerk bauen. Ab 2012 soll es in zwei Blöcken mit je 800 MW Leistung Steinkohle verstromen. Die will Gedbjerg per Schiff aus Südafrika und Südamerika angeliefert bekommen. Alternativ könne das Kraftwerk auch mit Öl, Gas, Holzpellets oder Stroh betrieben werden, erläuterte er. Der Wirkungsgrad werde bei 47 % liegen.

„Dann transportiert also künftig jedes zweite Ihrer Schiffe Steinkohle um den halben Globus, um den Bodden aufzuheizen“, kritisierte Regine Günther, Energieexpertin vom WWF. Das sei um so absurder, als das Land das Gewässer gerade als Vogelschutz- und Fauna-Flora-Habitat(FFH)-Gebiet an die EU-Kommission gemeldet habe.

Günther artikulierte Vorbehalte, die 80 % der Bevölkerung vor Ort teilen. Nur ein Fünftel sprach sich bei einer Befragung im Frühjahr für das Kraftwerk aus.

Viele Bodden-Gemeinden, darunter auch Lubmin, haben sich als Seebäder herausgeputzt und werben mit unberührter Natur, in der Kraniche, Störche, Reiher und Seeadler ein alltäglicher Anblick sind. Dieses Idyll sehen die Anwohner bedroht.

Eine Bürgerinitiative gegen das Kraftwerk führt Untersuchungen des Greifswalder Biologen Günther ins Feld, der vor massiven Veränderungen im Ökosystem des Boddens warnt. Das Einleiten von stündlich 325 000 t Kühlwasser drohe das flache Gewässer um bis zu 2°C zu erwärmen.

Eine Studie der TU Berlin warnt aufgrund der drohenden Umweltbelastungen für die direkt angrenzenden Schutzgebiete und die Urlaubsinseln Usedom und Rügen vor dem Bau des Kraftwerks.

In der SPD vor Ort regt sich ebenfalls Widerstand – gegen den Kurs der eigenen Landesregierung. Die hat den Ausbau des Energiestandorts Lubmin im Koalitionsvertrag mit der CDU festgeschrieben und treibt die Gewerbeansiedlung auf dem Gelände des früheren Kernkraftwerks Greifswald-Lubmin seit Jahren mit Macht voran.

Die Landesregierung Mecklenburg-Vorpommerns ließ den Kühlwasserkanal des KKW zum Industriehafen ausbauen und wies das Gelände als Sonderförderzone mit Höchstfördersätzen aus. Viele Investoren sind bereits an der Angel: die neue Ostsee-Pipeline aus Russland soll in Lubmin anlanden, was die Planung zweier Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerke von der Concord Power Lubmin und der Energie Baden-Württemberg zur Folge hat.

Industrieunternehmen, Biokraftstoffhersteller und Solarfirmen haben sich im Gewerbegebiet angekündigt. Darunter auch Choren Industries, die dort synthetischen Biokraftstoff aus Holz erzeugen möchte.

Trotz dieser Vorgeschichte sehen viele Genossen beim geplanten Steinkohlekraftwerk rot – wegen des Kühlwassereintrages und des zusätzlichen Schiffsverkehrs im Bodden. Außerdem passt es nicht in die Klimaschutzstrategie der Bundespartei.

Michael Müller, Staatssekretär im Bundesumweltministerium, war am Sonntag eigens nach Greifswald gereist, um den kritischen Parteifreunden vor Ort den Rücken zu stärken. „Wir brauchen mehr Wettbewerb im Strommarkt“, sagte er, „und zwar zwischen denen, die Kraftwerke bauen wollen und jenen, die sie verhindern.“

Die zukunftsfähigsten Kraftwerk seien die, die nicht gebaut würden. Wenn überhaupt, dürften hierzulande nur noch Kraftwerke mit Kraft-Wärme-Kopplung ans Netz gehen, stellte Müller klar, nachdem er in einem langen Referat eindringlich vor den Folgen des Klimawandels gewarnt hatte.

An Kraft-Wärme-Kopplung ist in den Planungen von Dong Energy nicht gedacht. Gedbjerg bekräftigte, sein Unternehmen rechne mit verstärktem Klimaschutz in Deutschland, dieser sei ja auch im Geschäftsmodell angelegt – schließlich plane man ein Kraftwerk für flexible Brennstoffe. Außerdem forsche sein Unternehmen intensiv an Möglichkeiten der CO2-Abscheidung.

Allzu großes Engagement für Umwelt und Klima wollte ihm weder das Publikum noch WWF-Expertin Günther abnehmen. „Wenn wir das Ziel ernst nehmen, unsere CO2-Emissionen bis 2050 um 80 % zu senken, dürfen wir keine weiteren Kohlekraftwerke bauen“, sagte sie.

Bis 2050 dürften dann nämlich nur noch 50 Mio. t CO2 aus der Kohleverstromung freigesetzt werden. Das geplante Kraftwerk würde ein Siebtel davon erzeugen, rechnete Günther vor.

Landesumweltminister Till Backhaus saß ebenfalls auf dem Podium und folgte der Debatte auffällig ruhig. Distanzieren mochte er sich in Anwesenheit des Investors nicht, Ministerpräsident Harald Ringstorff gilt als klarer Befürworter des Projekts. Zustimmen mochte er in Anwesenheit des Staatssekretärs und des klar positionierten Publikums auch nicht.

Backhaus verwies auf die begrenzte politische Einflussnahme: „Es handelt sich um einen rechtsstaatlichen Prozess, in dem drei Genehmigungsverfahren nach Immissionsschutz-Verordnung, Umwelt- und Wasserrecht durchlaufen werden müssen.“ Bisher lägen die vollständigen Antragsunterlagen noch nicht vor, eine fachliche Bewertung sei also gar nicht möglich.

Backhaus kündigte an, die möglichen Auswirkungen auf den Bodden sehr genau prüfen zu lassen. Das wird im Sinne des Publikum sein, das an die Landesregierung appellierte, das geschützte Biotop nicht für 140 Arbeitsplätze zu opfern. PETER TRECHOW

Von Peter Trechow Tags:

Stellenangebote im Bereich Kunststofftechnik

Bavaria Medizin Technologie GmbH-Firmenlogo
Bavaria Medizin Technologie GmbH Projektingenieur Entwicklung (m/w/d) Weßling
Dyneon GmbH-Firmenlogo
Dyneon GmbH Application Engineer – Fluoroplastic Solutions (m/w/d) Burgkirchen, Gendorf
ACTEGA DS GmbH-Firmenlogo
ACTEGA DS GmbH Ingenieur (m/w/d) als Leitung – Verfahrenstechnik Bremen
Universität Innsbruck-Firmenlogo
Universität Innsbruck Universitätsprofessorin / Universitätsprofessor für Stahl- und Verbundbautechnologien Innsbruck (Österreich)

Alle Kunststofftechnik Jobs

Top 5 Rohstoffe