Öl 26.11.2004, 18:35 Uhr

Steigender Ölpreis lässt die globalen Reserven wachsen

VDI nachrichten, Mannheim, 26. 11. 04 -Die Reichweite von fossilen Brennstoffen ist begrenzt. So trivial die Aussage sein mag, so wenig präzise sind die Daten. Reservemengen und Verbrauch unterliegen einer ständigen Dynamik. Der Ölpreis ist nur eines der wichtigen Stellglieder. Doch die Chemiebranche sieht gelassen in die Zukunft.

Das Bild von menschenleeren Autobahnen Mitte der siebziger Jahre ist noch hinlänglich in Erinnerung. Ölkrise, Ölschock, Ölpreisexplosion. Doch eine Verknappung hat es nie gegeben und die Tanks waren auch in dieser Krise immer randvoll. Dass ein schwankender Rohölpreis nichts mit tatsächlicher Verknappung zu tun hat, sondern nur ein Stimmungsbarometer der Börse ist, ist eine wichtige Erfahrung. Und dennoch: Jeder weiß, dass fossile Energievorräte wie Öl, Kohle und Gas begrenzt sind.
Seit 1973 ist der Verbrauch an Primärenergie um 55 % gestiegen und beträgt derzeit weltweit 14 Mrd. Tonnen Steinkohleeinheiten (t SKE). 90 % davon sind zurzeit fossilen Ursprungs. In 20 Jahren wird der Bedarf bei mindestens 16 Mrd. t SKE liegen. Wie viel wir in 20 Jahren noch zu verfeuern haben, hängt von mehreren Faktoren ab. Es gilt grundsätzlich, zwischen den Begriffen „Reserven“ und „Ressourcen“ zu unterscheiden. Während Reserven unter gegenwärtigen wirtschaftlichen Bedingungen förderbar sind, gehören zu den Ressourcen alle derzeit bekannten und auch unbekannten Mengen eines bestimmten Rohstoffes in der Erde.
Erschwert wird die Betrachtung dadurch, dass es nicht konventionelle Rohstoffreservoirs wie Erdgasspeicher in Aquiferen und Gashydraten gibt, deren Förderungsmöglichkeiten noch weit gehend unklar sind. Die statische Reichweite wird nach der Formel Reichweite ist Reserve geteilt durch die jährliche Fördermenge bzw. den Jahresverbrauch berechnet. Doch leider ist die Rechnung nicht ganz so einfach, wie Prof. Friedrich-Wilhelm Wellmer, Präsident der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR), in Hannover bei einem Gastvortrag bei der BASF vorrechnete. „Der Jahresverbrauch ist bei allen Schwankungen noch eine einfach zu berechnende Größe“, so Wellmer „doch die Reserven unterliegen einer erheblichen Dynamik.“ Und dies gleich aus mehreren Gründen.
Einmal sind die Reserven stark von den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen abhängig. So sind beispielsweise die deutschen Steinkohlereserven auf Grund der Konkurrenz durch billige Importkohle nicht mehr wirtschaftlich förderbar und somit aus dem Bereich der Reserven in den der Ressourcen gerutscht. Und politisch gewollte Preiserhöhungen beispielsweise von Erdöl, wie man es in jüngster Zeit erlebt, lassen Ressourcen, die bis vor kurzem wirtschaftlich völlig uninteressant waren, zu neuen Reserven werden.
„Insofern lässt ein steigender Ölpreis die Reserven wachsen“, meint der Präsident der BGR. Bei der BASF gewinnt man dem Preisanstieg noch weitere positive Seiten ab. „Wir können durchaus mit höheren Energiepreisen leben“, meint BASF-Forschungschef Stefan Marcinowski, „wenn sie die gesamtwirtschaftliche Wachstumskurve nicht abwürgen. Preiserhöhungen bieten immer Chancen für Innovationen.“ Sie seien in jedem Fall besser als einseitige, nationale Belastungen etwa durch die Ökosteuer, die die Wettbewerbsfähigkeit einseitig gefährdeten.
Den Ölpreiserhöhungen stehen andere Trends gegenüber. So konnten die Erdöl-Förderkosten im norwegischen Troll-Feld seit 1983 jedes Jahr um 10 % verringert werden – dank verbesserter Fördertechniken. Noch vor Jahren war die Ölförderung aus Tiefen unter 200 m undenkbar, heute sind Fördertiefen von mehr als 2000 m keine Seltenheit und moderne Bohrroboter schaffen problemlos horizontale Ablenkungen von 8 km und mehr. Auch die Entdeckung neuer Lagerstätten ist dank Satellitentechnik und dreidimensionaler seismischer Methoden sehr viel erfolgreicher als vor einigen Jahrzehnten.
So kam es, dass Prognosen von gestern nur wenig mit der heutigen Realität zu tun haben: Anfang der 50er Jahre betrug die damalige Reichweite der Erdölvorräte noch 20 Jahre, 1967 stieg der Wert auf 37 Jahre, heute sprechen wir von 43 Jahren bei Gas kann man von 67 Jahren ausgehen und Kohle dürfte noch fast 200 Jahre halten. An der Bundesanstalt wurde dazu ein so genannter Lebensdauer-Index ermittelt, quasi eine Momentaufnahme in einem dynamischen Prozess der ständigen Veränderungen von Reserven und Verbrauch. Dieser Index ist beispielsweise für Zink seit etwa 50 Jahren stabil, obwohl sich die Produktion inzwischen vervierfacht hat. Es ist offensichtlich gelungen, durch intensivere Exploration die steigende Nachfrage zu befriedigen.
Alle Rohstoffe unterliegen nun einer besonderen Gesetzmäßigkeit. Trägt man in einem Diagramm die Produktion bzw. Förderung über einer Zeitachse auf, so hat diese Lebenszykluskurve die Form einer Glocke. Während rein statische Reichweitenmodelle eine kontinuierliche Förderung mit einem plötzlichen Absinken auf nahe Null vermuten lassen, gibt die Glockenkurve – je nach Optimismus oder Pessimismus des Autors hinsichtlich der Reserven – ein realistischeres Bild der Zukunft wieder.
Nach einer Shell-Studie ist demnach in zehn bis zwanzig Jahren mit dem Erreichen des Maximums der Erdölförderung zu rechnen. Nimmt man die Kenntnis über die typischerweise vorliegende Tiefe von Ölfeldern von 1500 m bis 3500 m hinzu und berücksichtigt die Tatsache, dass große Ölfelder immer zuerst gefunden werden und bis auf einige Gebiet in Sibirien und in der Tiefsee alle Sedimentationsbecken ausreichend erforscht sind, kann man von einer Erdöl-Gesamt-Ressource von nur noch 230 Mrd. t ausgehen.
Die Begrenztheit der Vorräte wird noch deutlicher, wenn man den jährlichen Verbrauch von derzeit etwa 3,5 Mrd. t Erdöl den echten Neufunden von etwa 1,2 Mrd. t Öl gegenüberstellt. „Hier hat sich längst eine Schere geöffnet, und allmählich zeichnet sich ein Wandel vom Erdölzeitalter zum Erdgaszeitalter ab“, prognostiziert Friedrich-Wilhelm Wellmer. Daran würden verbesserte Explorations- und Fördermethoden zur Erhöhung der Reserven nichts ändern. Sicher würde das Erdöl weiter als die statische Grenze von 43 Jahren reichen, aber die Fördermengen werden stark zurückgehen.
MARTIN BOECKH

Von Martin Boeckh
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