Öl 29.11.2002, 18:22 Uhr

Schwarzes Galizien

Nicht die Technik hat bei der Bewältigung des Tanker- Unglücks vor der galizischen Küste versagt, sondern der eitle Mensch. Zu spät hat die spanische Regierung fremde Hilfe wie das deutsche Spezialschiff Neuwerk zugelassen.

Auch im Sonnenland Spanien ist der November ein dunkler Monat – in diesem Jahr besonders. Die galizische Costa da Morte, die 200 km lange Todesküste, gibt ein schauerliches Bild ab. Eigentlich zählt dieser Atlantik-Abschnitt zu den schönsten Flecken des Landes, jetzt schmücken statt weißer Möwen und feinen Sands vielerorts bis zu 14 cm dicke Ölteppiche und schwarz glitzernde Felsen die zahlreichen kleinen Buchten.
Überall stinkt es nach Diesel. Auf frische Meeresluft werden die Galizier in der nächsten Zeit wohl verzichten müssen. Und ganz Europa für die nächsten Monate auf die Meeresfrüchte, die in hier gewöhnlich gefischt werden. Die Fischerboote dürfen vor einer 500 km langen Küstenlinie nicht auslaufen. Aber die Galizier sind Kummer gewöhnt. Die größte Fischfangregion Europas ist zugleich eine der ärmsten. Zum zweiten Mal in zehn Jahren wurde sie von einem Tankerunglück getroffen.
Am 3. Dezember 1992 leckte die Mar Egeo vor La Coruña, am 13. November 2002 die Prestige, ein unter bahamaischer Flagge fahrendes, veraltetes Einwand-Schiff, das bisher schätzungsweise 20 000 t Schweröl ungefähr 140 km vor der spanischen Küste verloren hat. Schlepperboote der holländischen Spezialfirma Smit Salvage zogen die Prestige im Auftrag des griechischen Reeders daraufhin weiter gen Portugal.
Nicht nur für die Umweltorganisation Greenpeace eine fatale Entscheidung: „Besser wäre ein Umladen der Fracht in niedrigeren Gewässern gewesen“, sagt der spanische Sprecher Sebastian Losada. So aber brach die 26 Jahre alte Prestige am 19. November vor dem galizischen Cap Finisterre auseinander, sank 3600 m auf den Meeresgrund, von wo aus – zur Erleichterung der spanischen Regierung – eine Bergung technisch unmöglich und der verbleibende Öl-Rest begraben scheint.
Denn auch wenn das Schweröl wegen des hohen Schwefelgehalts von 2,58 % – mehr als doppelt so viel wie bei Rohöl – für die Biosphäre äußerst giftig ist, glauben viele Experten, dass es wegen der niedrigen Wassertemperatur und des hohen Drucks auf dem Grund schnell hart werde und damit nicht an die Oberfläche gelangen könne. Wie sich das Schweröl in solchen Tiefen verhält, ist jedoch nicht sicher.
Ulf Bustorff, Leiter der Sonderstelle des Bundes zur Bekämpfung von Meeresverschmutzung in Cuxhaven, hat eine andere Theorie. Er rechnet damit, dass noch weitere Tanks der gesunkenen Prestige durch den Druck platzen und der Inhalt, „wenn auch erst nach Wochen, an die Oberfläche gelangen wird“. Damit wäre die Prestige eine Zeitbombe. Mischt sich das schwefelhaltige Öl mit dem Wasser, sind die Auswirkungen seiner Meinung nach noch gefährlicher als bei den auf der Oberfläche schwimmenden Teppichen. Die bedrohen wegen des starken Nordwinds jetzt ebenfalls die benachbarten Regionen Asturien, Kantabrien und die französische Atlantikküste. Hier verdunsten die leichter löslichen Bestandteile des Öls, und die Asphaltene sinken als Teerbrocken zu Boden, wobei sich vielerlei Krebs erregende Stoffe lösen – fatal für die Tier- und Pflanzenwelt.
Am meisten sorgt sich der Mensch jedoch um den Menschen: In Galizien sind bereits knapp 200 Strände von der schwarzen Pest betroffen. Auch das malerische Muxía, ein Ort, der hauptsächlich von Fischfang und Tourismus lebt. Selbst die Strandpromenade mit ihren Laternen wurde von der stinkigen und klebrigen Masse eingeschwärzt. Nur mit Hochdruck-Wasserschläuchen ist dieser Film wieder abzubekommen. „Aber wer stört sich schon daran, wenn die Gemeinde noch nicht einmal in der Lage ist, vernünftiges Material für die gröbsten Aufräumarbeiten zur Verfügung zu stellen“, sagt Lola. Er ist einer der vielen Freiwilligen, die mit Eimern, Schaufeln oder Mistgabeln versuchen, die dicken Ölbrocken in riesige Plastiksäcke zu schaffen.
Trotz umfangreicher Erfahrung mit Tanker-Unglücken versagte die spanische Politik erneut. Statt sofort zu agieren, schob Ministerpräsident José María Aznar zunächst die Verantwortung von sich, suchte finanzielle Hilfe in Brüssel, worauf er sich bestens versteht. Nicht umsonst ist sein Land der größte Nettoempfänger der EU. Bereits 100 Mio.€ wurden zugesagt, der spanische Staat steuert bisher um die 23 Mio.€ bei.
Obwohl Spanien zu den größten Fischernationen der Welt zählt, hat es – anders als zum Beispiel Deutschland – immer noch kein mobiles Katastrophen-Einsatz-Kommando. Und das, obwohl täglich um die 600 Öl-Riesen die Costa da Morte passieren, die von vielen mit der Madrider Stadtautobahn verglichen wird.
Nachbar Frankreich hingegen hat von den vergangenen Unglücken gelernt und seine Häfen mit Antikontaminationsbooten und speziell ausgebildetem Personal ausgestattet. Viele helfen jetzt in Spanien. Zudem sind zwei französische Spezialschiffe im Einsatz, die sich auf den Ölfleck schieben, die klebrige Masse absaugen und das Öl vom Meereswasser filtern. Angesichts der Bedrohung für die französische Küste wurden bereits vor Tagen Vorsichtsmaßnahmen getroffen.
In Spanien hingegen wird der Unmut immer lauter. Vor allem die rund 7000 betroffenen Fischer halten mit ihrer Kritik nicht zurück. Ihr Land, das laut Aznar im EU-Vergleich überdurchschnittlich wächst und schon seit Jahren einen ausgeglichenen Haushalt vorweist, falle wieder in alte Klischees zurück. „Wir sind ineffizient und unorganisiert“, sagt Barbesitzer Antonio Garcia aus Camariñas.
Warum gab es zu wenig Schwimm-Barrieren, um gleich zu Beginn die Küste und die Rias Baixas, die fjordartigen Flussunterläufe, zu schützen? Wieso wurden die Hilfsangebote französischer, holländischer und deutscher Ölbekämpfungsschiffe erst Tage nach der Katastrophe akzeptiert? Und das obwohl man selber nur über ein einziges Absaugschiff verfügt. Erst Anfang dieser Woche konnte etwa die deutsche Neuwerk ihre Arbeit aufnehmen.
„Fast 500 km Küste sind betroffen, und die Regierung schafft es innerhalb von zehn Tagen gerade mal, 26 km mit Schwimmbarrieren abzusichern“, schimpft auch Sebastian Losada von Greenpeace. Diese Strategie hätte es ermöglicht, das Öl in den niedrigeren Gewässern mit Sieben vom Wasser zu filtern. Die Methode sei zwar nur zu einem Bruchteil effizient, doch hätte damit das Unheil verringert werden können. Noch besser wäre es nach Ansicht der Naturschutzorganisation WWF gewesen, wenn Spanien über die in Norwegen und Holland üblichen höheren Barrikaden verfügt hätte, mit denen auch im offenen Meer Ölflecken eingegrenzt werden können.
Den Galiziern bleibt nur noch das Jammern. „Dann verkaufe ich halt demnächst Taschentücher, vielleicht kann man zumindest damit Geld verdienen“, sagt einer der Fischer in Muxía, der die täglich 40 € Entschädigung, die er seit kurzem vom Staat erhält, eher für einen Stimmenkauf der regierenden Partido Popular hält.
Wie viele seiner Kollegen hofft er immer noch auf ein Wunder in Gestalt der ausländischen Ölabsaugboote wie der Neuwerk, zu der auch ein technischer Spezialtrupp gehört. Das Schiff soll drei bis vier Wochen auf dem Meer Aufräumarbeiten leisten.
Aber nicht nur Greenpeace zweifelt, ob die Neuwerk und die anderen Schiffe es schaffen, alle Ölteppiche vor der Küste aufzusaugen, bevor sie weitere Strände erreichen. Sebastian Losada: „Durch den hohen Schwefelgehalt liegt das Öl als zähe Masse auf der Oberfläche.“
Der starke Sturm, der seit Wochen über das Land fegt, macht die Aktionen nicht einfacher. So konnten etwa die Holländer mit ihrer Rijndelta bisher erst 1500 t aus dem Haupt-Ölteppich absaugen 3000 t fasst die Rijndelta. Ein Schiff, das auch bei meterhohen Wellen Öl abschöpfen kann, wurde gerade von der TU Berlin entwickelt, ist aber noch nicht im Einsatz.
Das Ökosystem ist ohnehin nach Ansicht des Meeresökologen Carlo van Bernem auf Jahre hin verseucht. Vor allem die tiefschwarzen Felsen werden in den kommenden Jahren an das Unglück erinnern. Deren Öl-Farbe kann man nur mit einem Hochdruck-Wasserstrahl beseitigen – und würde dabei aber auch gleichzeitig alle Mikroorganismen abtöten, die das Öl auf natürlich Weise zersetzen.
Nach Meinung von van Bernem werden sich die verschmutzten Strände durch die explosionsartige Vermehrung der Alge Enteromorpha, die sich von der zähen Schwefel-Masse ernährt, mit der Zeit grün färben. Barbesitzer Garcia bleibt da nur noch die Flucht in den Zynismus: „Dann können wir ja demnächst statt Strandurlaub grünen Tourismus propagieren.“
STEFANIE MÜLLER

Bis zu 320 m3 Öl-Wasser-Gemisch kann das deutsche Spezialschiff Neuwerk in einer Stunde aufsaugen. An Bord wird das Gemenge durch Filtern getrennt.
Deutsche sind Spezialisten für Ölbekämpfung
Deutschland verfügt über eines der modernsten Havarie-Kommandos. Der Unfall des Tankers Pallas 1998 vor Amrun, bei dem 15 t Öl ausliefen, hatte den Ausschlag gegeben. In den Einsatztrupp sind Wasserschutzpolizei, Feuerwehr und Schifffahrtsverwaltung der Küstenregionen integriert. Insgesamt stehen 23 Ölbekämpfungsschiffe bereit. Zu den modernsten zählt die 1998 konstruierte 79 m lange Neuwerk aus Cuxhaven. Das 15-Knoten-Spezialschiff kann Brände löschen, abschleppen, sondieren, Eis brechen und Öl absaugen. Für die Arbeit in Galizien ist wichtig, dass das Boot in einer Stunde 320 m3 Öl-Wasser-Gemisch aufsaugen kann. Nach der Filterung können über 1000 m3 Öl gelagert werden. Bei hohem Wellengang aber kann auch die Neuwerk, in spanischen Medien als „Wunderboot“ bezeichnet, wenig ausrichten. Anders der von der TU Berlin entwickelte Skimmer, der auch noch bei 2 m hohen Wellen einsatzfähig ist. Der Ölschöpfer wird von einem Katamaran-ähnlichen Trägerschiff aus bedient. Während die Neuwerk die giftige Masse von der Oberfläche abzieht, drückt der Skimmer das Wasser-Öl-Gemisch unter den Rumpf, wo es von einer Separatorenklinge in seine zwei Bestandteile getrennt wird. Der Rumpf folgt dem Seegang, so dass keine Verwirbelungen oder Querwellen die Ölaufnahme stören. An der Abrisskante entsteht zudem ein stationärer Wirbel, der das Öl nach oben in den Tank zieht. scm

  • Stefanie Müller

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