Kraftstoff 24.06.2005, 18:39 Uhr

Pack Gutes aus Korn in den Benzintank  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 24. 6. 05 – Bioethanol als Kraftstoff kann helfen, den Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) zu senken. Nordrhein-Westfalen plant einen Flottenversuch, um „Ethanol-85“ den Markteintritt zu erleichtern. Doch in Deutschland bietet derzeit nur Ford mit dem Focus 1.6 FFV ein dafür ausgerüstetes „Flexible Fuel Vehicles“ (FFV) an.

Pflanzliche Kraftstoffe drängen auf den Markt. Nach Rapsmethylester (RME), landläufig Biodiesel benannt, soll nun auch Bioethanol an die Tankstellen kommen. Das Produktionsvolumen für biogene Kraftstoffe liegt hierzulande über Plan einer EU-Richtlinie, die dieses Jahr 2 % des europäischen Kraftstoffbedarfs mit pflanzlichen Kraftstoffen gedeckt sehen will. 2010 sollen biogene Kraftstoffe 5,75 % des Bedarfs decken, 2020 ein Zehntel.

Das sei erst der Anfang, rechnet Helmut Lamp, CDU-Bundestagsabgeordneter und Vorsitzender des Bundesverbandes Bioenergie, im aktuellen Jahrbuch Nachwachsende Rohstoffe vor. In einem Jahrzehnt ständen in der erweiterten EU 196 Mio. ha Agrarfläche für 485 Mio. Bürger zur Verfügung. „Das sind 50 Mio. ha mehr, als zur Nahrungsmittelproduktion benötigt werden. Würden wir darauf Bioenergie erzeugen, ließen sich damit ca. 40 % des EU-Kraftstoffbedarfs decken“, so Lamp.

Das Szenario verspricht mehr Unabhängigkeit vom Erdöl, und zugleich ließe sich der Kohlendioxid(CO2)-Ausstoß des Verkehrs deutlich senken. „Gerade moderne Produktionsanlagen für Bioethanol weisen deutlich verbesserte Energie- und CO2-Bilanzen auf“, hat Norbert Schmitz vom Kölner meó-Consulting Team jetzt in einer groß angelegten Studie für die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe ermittelt.

Analysen neun unterschiedlicher Anlagenkonzepte zeigten, dass der Nettoenergiegewinn von 7 MJ/l in Altanlagen auf Werte zwischen 15,7 MJ/l und 21,3 MJ/l steigen könnte. Je nach Produktionsverfahren ließen sich je 1 l Bioethanol 1,1 kg bis 1,8 kg CO2-Äquivalent einsparen. Möglich würde dies durch besseres Energiemanagement und Koppelprodukte wie Biogas und Tierfutter. „Zwar gibt es im stationären Bereich Optionen mit geringeren CO2-Vermeidungskosten“, bilanzierte Schmitz, „doch wenn wir es mit Klimaschutz im Verkehr ernst meinen, dann ist Bioethanol das geeignete Mittel“.

Auch aus motorischer Sicht bekommt der Pflanzensprit gute Zeugnisse. So bescheinigt Cornel Stan, Professor für Technische Thermodynamik, Verbrennungsmotoren und alternative Antriebskonzepte an Hochschulen in Paris, Pisa, Perugia, Berkeley und Zwickau, Bioethanol „beste Verbrennungseigenschaften – gerade bei Direkteinspritzung“. Es sei auch in variablen Mischungsverhältnissen mit Benzin ein zukunftsfähiger Kraftstoff.

Einzig die EU-Kraftstoffrichtlinien lassen die variable Beimischung von Bioethanol bisher nicht zu. Deshalb plant das Landesumweltministerium Nordrhein-Westfalen nun einen Modellversuch, um dem so genannten Ethanol-85 (E-85), eine Mischung aus 15 % Benzin und 85 % Bioethanol, in Deutschland einen Weg an die Zapfsäule zu bahnen.

In Brasilien, Schweden und in den USA gibt es schon länger Kraftstoffe mit hohen Ethanolanteilen, für die allerdings speziell ausgerüstete „Flexible Fuel Vehicles“ (FFV) nötig sind. Die Fahrzeuge können wahlweise auch normales Benzin tanken und sind deshalb unabhängig von E-85-Tankstellen.

FFV haben einen speziellen Kraftstoffsensor, der das jeweilige Mischungsverhältnis von Ethanol und Benzin ermittelt. Seine Daten nutzt das Motormanagement, um den Motorbetrieb an den Kraftstoff anzupassen. Außerdem sind Einlassventile, Einspritzsystem, Tank und Kraftstoffleitungen der FFV auf den Ethanolbetrieb abgestimmt. Vor allem in den USA erfreuen sich diese Fahrzeuge ständig wachsender Beliebtheit inzwischen sind dort mehr als 3 Mio. Ethanolfahrzeuge zugelassen.

Im NRW-Modellversuch wird voraussichtlich nur der Ford Focus 1,6 l FFV zum Einsatz kommen. Er ist bisher das einzig verfügbare FFV-Modell auf dem europäischen Markt. Allerdings wollen Volvo und Saab dieses Jahr mit je einem Fahrzeugtyp nachziehen. Die Hersteller planen die Einführung ohne Aufpreis, was die FFV-Technik gerade für Flottenbetreiber interessant macht. Denn weil die Mineralölsteuer für den Ethanolanteil entfällt, kostet E-85 nur 65 ct/l bis 70 ct/l.

Das Angebot stoße bei den angesprochenen Kommunen auf reges Interesse, war von Schmitz zu hören, der an der Planung des Flottenversuchs beteiligt ist. Allerdings soll der Versuch zunächst auf wenige große Kommunen begrenzt bleiben, um dort ein vernünftiges Angebot an E-85-Zapfsäulen mit entsprechenden Umsätzen einzurichten. Das ist vor allem wichtig, weil E-85 nur drei Monate lagerbar ist. Das Land will bis zu 70 % der Kosten für die Tankstelleninfrastruktur übernehmen und technische Beratungen zu 80 % fördern. Insgesamt stünden 2 Mio. € Fördermittel bereit, heißt es.

Schmitz rechnet dennoch damit, dass E-85 in Deutschland ein Nischenprodukt bleiben wird. „Es ist aber jedoch richtig, diesen Kraftstoff anzubieten. Denn Autofahrer können damit einen bewussten Beitrag zum Klimaschutz leisten“, erklärt er. Im Vergleich zum reinen Benzinbetrieb fielen mit E-85 bis zu 80 % weniger CO2-Emissionen an, ohne dass Autofahrer auf Fahrleistung verzichten müssten. Im Gegenteil: Wegen der hohen Oktanzahl von Bioethanol stiege laut Schmitz die Motorleistung um 5 %. Mit E-85 leistet der Ford Focus 1.6 FFV über 77 kW, im Benzinbetrieb sind es rund 3,7 kW weniger. P. TRECHOW/WOP

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