Öl 12.01.2007, 19:26 Uhr

„Ölförderplattformen werden überflüssig“  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 12. 1. 07, ciu – Pumpen auf dem Tiefseegrund zu betreiben, ist für die Spezialisten des Maschinenbauunternehmens Bornemann so spannend wie die erste Mondlandung. Die Aggregate sollen Öl-Gas-Gemische künftig noch effizienter fördern. Darüber berichten die VDI nachrichten im ersten Teil der Serie über innovative Maschinenbauer.

Wenn man dem geschäftsführenden Gesellschafter der Bornemann GmbH mit Sitz im niedersächsischen Obernkirchen zuhört, könnte man meinen, er zitiert aus einem Science-Fiction-Roman. „Eine mannlose Fabrik auf dem Meeresboden in 1700 m Meerestiefe zu installieren“, das hört sich utopisch an. Ist aber bald Realität.

„Es ist fast wie die erste Mondlandung – nur gehen wir jetzt unter Wasser“, sagt Ingo Bretthauer, Chef des Weltmarktführer. Kommenden Sommer soll es so weit sein. Zusammen mit dem norwegischen Partner Kvaerner wird Bornemann für BP im Golf von Mexiko „Subsea“ installieren – drei Aggregate mit 6 MW. Bornemann baut den Pumpenanteil, Kvaerner den Systemanteil.

Die Anlage ist 30 t schwer und 5 m x 5 m groß. Sie wird auf den Meeresboden heruntergelassen und dort auf eine Andockstation aufgesetzt. „In dieser Wassertiefe kann man nichts mehr von Hand machen. Die ganze Mechanik muss automatisiert sein, so dass sie fast von selbst einrastet und nur noch mit ferngesteuerten U-Booten können letzte Feinheiten in dieser Tiefe erledigt werden“, berichtet Bretthauer. Kniffelig ist die elektrische Seite. „Wir haben dort einen Stecker, der mit dem Aggregat verbunden werden muss. Hier arbeiten wir mit einer kleinen Firma aus Neumünster zusammen, die diesen Stecker baut und garantiert, dass er beim Zusammenstecken in 1700 m Tiefe trocken bleibt.“

Die große Herausforderung für Bretthauer: „Noch nie hat einer weltweit Maschinen in dieser Leistungsklasse in diese Tiefe gepflanzt und betrieben.“ Drei Elektromotoren mit der entsprechenden Verkabelung, Steuerungs- und Regelungstechnik sind vorgesehen und müssen einen Außendruck von etwa 170 bar (17 000 kPa) aushalten. „Inzwischen arbeiten wir an Kundenwünschen, die bei 3000 m Wassertiefe liegen“, berichtet er stolz.

Bretthauer hat einen starken Willen und das Ziel, die Welt in einen besseren Lebensraum zu verwandeln. Multiphase Boosting wird mit dazu beitragen, denn diese Erfindung wird die Ölförderung revolutionieren, davon sind die Bornemänner überzeugt.

In den 1980er und 1990er Jahren hatten sich bei Bornemann die Ingenieure und Techniker unter der Führung des technischen Direktors Gerhard Rohlfing intensiv darüber Gedanken gemacht, wie man Öl und Gas gemeinsam verpumpen könnte. Noch heute wird das Öl aus dem Ölfeld in Tanks geleitet, dort setzt es sich ab. Das Gas wird meist abgefackelt und trägt zur Umweltverschmutzung bei. Dann wird das Öl heraussepariert, und am Schluss steht eine Flüssigkeitspumpe.

Dieser Prozess musste bisher immer in der Nähe der Bohrlöcher stattfinden, weil keine Maschine dieses Gemisch aus Öl, Gas, Wasser, Sand pumpen und weiter transportieren konnte. „Das können wir jetzt“, freut sich Bretthauer. Die gesamte Installation, die die Größe mehrerer Fußballfelder hat, werde somit durch ein kompaktes Modul ersetzt. „Dort wird dieses Gemisch, so wie es aus der Erde kommt, bis zu 100 km weiter transportiert. In einem Ölfeld mit unserer Technologie braucht man nicht ein Dutzend dezentrale Separatoren, sondern nur eine zentrale Separation“, erläutert er. „Das spart viel Geld und erhöht die Fördermenge, weil die Quelle aktiv gefördert wird.“

Wenn eine herkömmliche Plattform z. B. 800 Mio. € kostet, könnte dies laut Bretthauer mit dem Subsea-Aggregat für etwa 500 Mio. €€realisiert werden. Auch die laufenden Kosten sind gering, weil das Bedienpersonal an Land arbeiten kann. Für den Ingenieur steht fest: „Das wird die Offshore-Förderung revolutionieren – schon aus Umweltschutzgründen. Taifune, Hurrikane sind keine Gefahr mehr.“ Dabei müsse die Anlage nur alle drei Jahre gewartet werden und könne rund um die Uhr betrieben werden.

Noch glauben viele in der Ölförderbranche, „das geht nicht“, sagt Bretthauer. Aber aus den zwei Welten der Pumpen und der Kompressoren ist bei Bornemann eine Welt geworden. „Was aus der Erde kommt, ist eine lebende Quelle“, weiß der Experte. Mal liefere eine Quelle 100 % Gas, mal 100 % Flüssigkeit. „Wir leben mit dem, was die Natur bietet, und haben das erste Aggregat gebaut, das ein beliebiges Gas-Flüssigkeits-Gemisch auch in beliebiger Änderung fördert. “ Die erste Unterwasser-Anlage läuft bereits seit einigen Monaten vor Schottland in 200 m Tiefe.

Auch an Land ist die Mischung aus Pumpe und Kompressor einsetzbar. So hätte mitten in der Wüste von Saudi-Arabien eine Riesenanlage entstehen müssen, um die Öl- und Gasvorkommen dort zu separieren. „Jetzt steht dort nur ein kleines Häuschen. Das geförderte Öl und Gas fließt durch Rohre in die 80 km entfernte nächste Verarbeitungsstation und wird dort getrennt und verarbeitet“, so Firmenchef Bretthauer.

Erste Erfahrung auf dem Gebiet konnte die Firma Bornemann bereits vor über 150 Jahren sammeln, als in „Little Texas“, der Gegend um Hannover, fleißig Öl gefördert wurde. „So haben wir die Anforderungen für Multiphasenförderung schon lange gekannt“, sagt Bretthauer. „Wir als Mittelständler investieren manchmal in Träume, die sehr langfristig sind. Wir haben weniger Mittel als Großkonzerne, aber dafür die größere Ausdauer.“ Leider waren die deutschen Banken von dem Erfolg des Projektes nicht überzeugt, gaben kein Geld mehr . „Wir waren an einem Punkt angelangt, wo wir die Investitionen in die Forschung nicht mehr alleine finanzieren konnten. Doch wir hatten Glück und bekamen Unterstützung durch einen englischen Investor und vom Bundesforschungsministerium.“

Für den Spezialisten zahlte sich diese Beharrlichkeit aus, denn heute „brummt das Geschäft“. Das Unternehmen hält das Kernpatent für die Multiphasentechnik und hat weltweit bereits über 400 Aggregate laufen. Zudem ist damit zu rechnen, dass sich der Offshoremarkt in den nächsten Jahrzehnten weiterentwickelt.

Die Aussichten sind also gut für den Weltmarktführer aus Obernkirchen mit seinen 400 Mitarbeitern – davon 80 Ingenieure und Techniker. Die Ausbildungsquote liegt traditionell hoch – bei gut 10 %. „Wir brauchen hochqualifizierte Facharbeiter, denn hier handelt es sich um hochkomplizierte Einzelfertigung. Der gut ausgebildete Facharbeiter ist der zweite Garant für unseren Erfolg.“ Die Fluktuation bei Bornemann liegt bei nahe null. Der Umsatz hat sich in den letzten fünf Jahren verdoppelt, liegt heute bei rund 65 Mio. €. „Wir halten 70 % des Marktes in dieser Technologie“, berichtet Bretthauer.

Derzeit plant Bornemann einen Großauftrag im Süden des Sudans. Weltweit laufen zudem weitere Projekte, wie z. B. für die Förderung von Ölsand in Kanada. „Sehr spannend ist für uns Iran und Irak. Der Iran hat großes Interesse an unserer Technologie. Denn wir sind überall gefragt, wo schweres Öl gefördert werden soll.“ Wie in Libyen, wo alte Felder dank der Bornemann-Technologie wieder aufgemacht wurden.

Bretthauer und sein Team bei Bornemann würden gerne einen Beitrag dazu leisten, dass die Öl- und Gasförderung auch ökologischer möglich ist. „Ich habe drei Kinder, und ich sehe, dass durch die Weiterentwicklung auch die Förderung der fossilen Brennstoffe wesentlich umweltfreundlicher gestaltet werden kann. Bornemann-Technologie weltweit einzusetzen, das ist die größte Herausforderung für den Firmenchef – „denn die Ölförderplattformen – das sind die Kathedralen der Vergangenheit.“ M. SCHÄFER

In Teil 2 der Serie berichten wir kommende Woche über die Rohwedder AG und deren Chef.

Von M. Schäfer Tags:

Stellenangebote im Bereich Kunststofftechnik

Bavaria Medizin Technologie GmbH-Firmenlogo
Bavaria Medizin Technologie GmbH Projektingenieur Entwicklung (m/w/d) Weßling
Dyneon GmbH-Firmenlogo
Dyneon GmbH Application Engineer – Fluoroplastic Solutions (m/w/d) Burgkirchen, Gendorf
ACTEGA DS GmbH-Firmenlogo
ACTEGA DS GmbH Ingenieur (m/w/d) als Leitung – Verfahrenstechnik Bremen
Universität Innsbruck-Firmenlogo
Universität Innsbruck Universitätsprofessorin / Universitätsprofessor für Stahl- und Verbundbautechnologien Innsbruck (Österreich)

Alle Kunststofftechnik Jobs

Top 5 Rohstoffe