Kraftstoff 20.08.1999, 17:22 Uhr

Mineralölwirtschaft tritt auf die Bremse

Solange die Mineralölwirtschaft nicht genug schadstoffarme Kraftstoffe produziert, hat alle Diskussion um Öko-Sprit wenig Sinn. Die Umrüstung der Raffinerien, so die Betreiber, braucht aber seine Zeit.

Wer an Deutschlands Tankstellen Benzin oder Diesel tankt, tankt mit jedem Liter rund 0,4 g Schwefel und bis zu 37 g krebserregendes Benzol. Um die Schadstoffemissionen aus dem Verkehr zu senken, schreibt die EU ab 2005 Kraftstoffe vor, die weit weniger Schwefel und Benzol enthalten als heutiger Sprit.
Das ist sowohl Umweltverbänden als auch Automobilwirtschaft zu spät. Beide Seiten drücken mit ihrer Forderung nach früherer Einführung schadstoffärmerer Kraftstoffe ausnahmsweise gemeinsam auf die Tube: die Umweltschützer, um die Emissionen weiter zu reduzieren, die Autohersteller, um sicherzustellen, daß der Markt für Fahrzeuge mit neuen Abgasreinigungssystemen, die die Euro-4-Norm erfüllen, rechtzeitig neue Kraftstoffqualitäten bietet.
Schwefel ist in jedem Rohöl enthalten, er gelangt daher automatisch in den Raffinerieprozeß. Auch Benzol ist bereits im Erdöl vorhanden, die größere Menge aber entsteht als Nebenprodukt während der Reformierung des Öls. Sowohl Schwefel als auch Benzol sind im Kraftstoff überflüssig. Technisch ist die Herstellung von Kraftstoffen mit weniger Schwefel oder Benzol kein Problem, da moderne Raffinerietechnik in der Lage ist, benzol- und schwefelreiche von benzol- und schwefelarmen Fraktionen zu trennen.
Bereits ab kommendem Jahr senkt die EU den Benzolgrenzwert im Ottokraftstoff von 5 % auf unter 1 % – einen Wert, den heute zwar schon „Super Plus“ erfüllt, das wegen seines höheren Preises aber lediglich auf einen Marktanteil von maximal 5 % kommt. Viele der 14 deutschen Raffinerien müssen dafür umgerüstet werden. „Zur Senkung des Benzolgehalts sind verschiedene Verfahren denkbar“, erläutert Shell-Sprecher Dr. Hans Wenck. Beispielsweise kann die benzolreiche Fraktion abdestilliert und katalytisch hydriert werden. Aus dem Benzol entsteht dabei Cyclohexan, das dem Sprit wieder beigemischt wird.
Technisch weitaus aufwendiger ist die Herstellung von schwefelarmen Kraftstoffen. Bisher werden zu hohe Schwefelgehalte durch Hydrierung abgesenkt. Dabei entsteht aus dem Schwefel (S) Schwefelwasserstoffgas, das dann in elementaren Schwefel umgesetzt wird. Er ist für die Düngemittelindustrie, die daraus Sulfate produziert, ein wichtiger Ausgangsstoff.
Die Einhaltung des bisherigen S-Grenzwertes von 500 ppm hat für die Raffinerien keinen großen Aufwand bedeutet. Ab 2000 senkt die EU die zulässigen S-Gehalte im Diesel auf 350 ppm, im Benzin auf 150 ppm – Qualitäten, die viele Raffinerien heute schon liefern können, indem sie S-reiche Fraktionen aus den Kraftstoffströmen raushalten. Anders sieht das aus, wenn ab 2005 die S-Gehalte in alle Kraftstoffen auf 50 ppm gesenkt werden. Das bedeutet die Integration neuer Prozeßschritte und den Zubau neuer Anlagenteile. „Noch ist man außerdem auf der Suche nach den geeignetsten Verfahren“, so Brenck. Shell favorisiert ein dreistufiges Verfahren, bei dem der Schwefel zunächst mit Hilfe eines Cobalt-Katalysators in Natronlauge überführt, danach oxidiert und schließlich zu Schwefelwasserstoff hydriert wird. Mit diesem Verfahren sind Restgehalte von 30 ppm S zu erzielen, auch wenn es laut Brenck „noch nicht ganz ausgereift ist“. Bei noch niedrigeren S-Gehalten, betont der Shell-Sprecher, „wird es schwierig und richtig teuer“. Schwefelfreier Kraftstoff mit Restgehalten um 10 ppm, wie ihn Politiker und Umweltschützer fordern, lehnt die Branche daher ab. „Wir sollten uns an das halten, was auf EU-Ebene ausgehandelt wurde“, so Dr. Günter Alfke vom Mineralölwirtschaftsverband (MWV), Hamburg.
Über die Kosten für die Umrüstung schweigen sich sowohl der MWV wie auch die einzelnen Mineralölgesellschaften aus. Daß die Investitionen leicht in die Milliarden gehen könnten, darauf weist die Branche seit Jahren hin. So beläuft sich der Neubau einer Entschwefelungsanlage für Dieselkraftstoff in einer mittelgroßen Raffinerie mit 5000 t Kapazität pro Tag auf rund 100 Mio. DM. Bestimmte Anlagenteile für die neuen Prozeßschritte seien zudem Einzelanfertigungen und hätten eine Lieferzeit von zwei bis drei Jahren, betont Alfke.
Die Kosten für die Umrüstung der Raffinerien aber sind es nicht allein. warum der MWV auf die Bremse tritt. Daneben fürchtet die Branche Mehrkosten, wenn alle Raffinerien in Deutschland plötzlich großes Interesse an schwefelarmem, aber teurerem Rohöl zeigen. Nicht zuletzt wären preiswerte Importe, die immerhin rund 30 % des deutschen Bedarfs decken, dann wegen ihrer hohen Schadstoffgehalte nicht mehr so einfach möglich. C. FRIEDL
Die Betreiber der Raffinerie in Leuna haben sich auf die EU-Gesetzgebung ein- gestellt: Ab 2000 wird hier nur Benzin mit max. 150 ppm Schwefel produziert.

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