Biokraftstoffe 01.04.2011, 19:52 Uhr

Klimaschutzvorgaben für Biokraftstoffe ziehen Kreise in andere Branchen

Die Treibhausgasemissionen von Biokraftstoffen müssen gegenüber Benzin und Diesel etc. geringer sein – derzeit min. 35 % bis 2018 steigen diese auf 60 %. Nach Erkenntnissen des Deutschen Biomasseforschungszentrums (DBFZ) wirkt sich das auf die gesamte Prozesskette aus. Fakt ist: „Ansteigende Treibhausgasemissionen durch Biokraftstoffe sind kaum zu erwarten”, erklärte Stefan Majer vom DBFZ den VDI nachrichten.

Umweltorganisationen wie BUND, Greenpeace oder „Rettet den Regenwald” lassen kein gutes Haar an Biokraftstoffen. Für BUND-Chef Hubert Weiger gehören ihre „vorgeblichen Umweltvorteile” auf den Prüfstand. „Es existieren Berechnungen, wonach die EU-Ziele zur Ausweitung des Biospritanteils sogar zu steigenden Klimagasemissionen führen”, kritisiert er. Auch der Energieertrag sei dürftig. Laut einer US-Studie müsse man, so Weiger, „in Mais-Ethanol 10 Megajoule Energie hineinstecken, um 12 MJ herauszubekommen“.

Solche Zahlen kann Stefan Majer, Wissenschaftler am Deutschen Biomasseforschungszentrum Leipzig (DBFZ), nicht uneingeschränkt bestätigen. Sein Beruf ist es, Biokraftstoffe auf jenen Prüfstand zu stellen, den BUND-Chef Weiger einfordert. Und Majer ist beileibe in Deutschland nicht der einzige Forscher, der das tut. „Ansteigende Treibhausgasemissionen durch Biokraftstoffe sind kaum zu erwarten”, erklärte Majer.

Allerdings stellen Studien übereinstimmend fest, dass Biokraftstoffe nicht automatisch gut für Klima und Umwelt sind. „Es kommt auf den Herstellungsprozess an”, so Majer, der sich im Zuge der Nachhaltigkeitszertifizierung von Biokraftstoffen und Biomasse schwerpunktmäßig mit dem Thema befasst. Hintergrund: Seit 1. Januar 2011 verlangen EU und Bundesregierung solche Zertifikate, um die Umweltvorteile zu gewährleisten, die von Umweltverbänden angezweifelt werden.

Biokraftstoffe müssen laut Biokraftstoffquotengesetz in Deutschland 6,25 % des Kraftstoffbedarfs decken. Für die Anrechnung auf die Quote müssen Hersteller u. a. nachweisen, dass ihr Sprit über die Gesamtkette von Aussaat bis Auspuff min. 35 % Treibhausgase (THG) weniger emittiert als fossiler Kraftstoff. Bis 2018 steigt diese Vorgabe in zwei Stufen auf 60 % THG-Reduktion. Wobei der fossile Referenzwert (Benzin, Diesel etc.) bei 83,8 g CO2-Äquivalent je MJ festgelegt ist. „Dieser Wert ist bewusst niedrig angesetzt, um den Innovationsdruck auf Biokraftstoffe zu erhöhen”, so Majer.

Um die Biokraftstoffe in Relation zum fossilen Referenzwert zu setzen, nutzen die Forscher standardisierte Ökobilanzierung. Beginnend bei sämtlichen klimarelevanten Emissionen durch den Biomasseanbau samt Düngung, Pflanzenschutz, Kraftstoffverbrauch der Landmaschinen, über die Transporte der Biomasseernte sowie ihre etwaige Trocknung und Weitertransporte zur Verarbeitung bis hin zur Biokraftstoffproduktion und nicht zu vergessen die Distribution und Verbrennung der Kraftstoffe – alle Stoff- und Energieströme fließen in die Bilanz ein.

„Gerade in der landwirtschaftlichen Produktion ist der Aufwand hoch”, sagte Majer. Darum lägen hier Standardwerte zugrunde. Den Erzeugern ist freigestellt, diese zu nutzen oder nachzuweisen, dass sie die Standards unterbieten.

„Inzwischen sind wir in der Bilanzierung so routiniert, dass wir bestimmte Prozessketten binnen zwei bis drei Tagen durchrechnen können”, erklärt der Wissenschaftler. Grobe Abweichungen oder fehlerhafte Angaben fielen aufgrund der Erfahrungswerte sofort ins Auge. Bei den THG-Bilanzen kommen Majer und Kollegen zu Resultaten (s. Grafiken), die der Kritik der Umweltverbände klar widersprechen. Doch spätestens, wenn der Staat 2017 auf 50 % THG-Minderung gegenüber Benzin und Diesel besteht, muss die Branche ihre Herstellungsprozesse optimieren. Für Bioethanol auf Basis von Zuckerrüben oder Weizen wird es ebenso kritisch wie für Biodiesel aus Raps, Soja- oder Palmöl.

„Der Druck steigt zusätzlich, weil der Gesetzgeber 2015 von Beimischungsquoten auf ein System mit kontinuierlich steigenden TGH-Minderungszielen umstellt”, so Majer. Anfangs sollen Biokraftstoffe den THG-Gesamtausstoß der Kraftstoffverbrennung um 3 % mindern, ab 2017 um 4,5 % und 2020 um 7 %. „Hersteller werden in diesem Regime umso mehr Geld pro Tonne bekommen, je mehr THG ihr Produkt gegenüber der fossilen Konkurrenz einspart”, so der DBFZ-Wissenschaftler.

Die Kopplung zwischen Preis und THG-Bilanz ruft nach seiner Beobachtung die Kaufleute der Branche auf den Plan. Die Analysen, welche Minderungspotenziale zu welchen Kosten in den Prozessketten schlummern, hätten begonnen. „Und Stellschrauben gibt es fast überall – sei es bei der Art und dem Zeitpunkt der Düngung, den Fruchtfolgen, bei der Größe von Reaktoren oder Fermentern, der eingesetzten Prozessenergie oder der Verwendung von Nebenprodukten”, verdeutlichte Majer.

Allerdings sieht der Experte auch Probleme. „Solange die Zertifizierung auf Biokraftstoffe und energetisch genutzte Biomasse beschränkt ist, bleiben die Produktionsmethoden für Lebens- und Futtermittel oder für pflanzliche Rohstoffe der Kosmetikbranche und chemischen Industrie unberührt”, kritisiert er.

Das Ausnehmen der Rohstoffe für Kosmetik- und Chemieindustrie relativiere den Druck auf die Erzeuger und führe dazu, dass der Raubbau an der Natur neben dem nachhaltigem Anbau für Biokraftstoffe weitergehe.

Zudem prognostiziert Majer Probleme: „Wenn 2015 die Umstellung auf THG-Minderung mit 3 %-Ziel beginnt, wird vorübergehend die Biokraftstoffnachfrage einbrechen.“ Der mühsam aufgebaute Innovationsdruck entweiche. Dann drohe erneut eine Konsolidierungswelle, die vor allem innovationsfreudige Hersteller treffen dürfte. P. TRECHOW/WOP

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