Erdölförderung 07.05.2010, 19:46 Uhr

Houston, wir haben wieder ein Problem

DerBP-Konzern hat in Houston einen Stab an Ingenieuren zusammengezogen, der fieberhaft daran arbeitet, die Ölquelle der versunkenen Deepwater Horizon in 1500 m Tiefe abzudichten. Dabei zeichnet sich ab, dass es vor allem an der Erfahrung mit Katastrophen in derartigen Tiefen mangelt.

Die US-Medien vergleichen inzwischen die Ölkatastrophe im Golf mit der Pech-und-Pannen-Mission Apollo 13. Denn daran erinnert nicht nur, dass der technische Krisenstab wieder in Houston angesiedelt ist, sondern auch, dass die äußeren und technischen Rahmenbedingen mit diesem abenteuerlichen Mondflug vergleichbar sind.

„Das Bohrloch ist zwar nur eine Meile weit weg, aber da unten etwas zu bearbeiten ist so, als wäre es auf der Rückseite vom Mond“, meint Doug Suttles, Chief Operating Officer von BP, der in Houston ein Team von 400 Experten aus den unterschiedlichsten Disziplinen zusammengestellt hat. In 12-Stunden-Schichten arbeitet sein Team rund um die Uhr, um das Ölloch am Meeresboden abzudichten – bislang aber ohne Erfolg.

Dabei sind Unfälle bei den Ölförderungen auf See nichts Neues. Meistens enden sie ohne Notiz der Öffentlichkeit, weil das Bohrloch sofort abgeschlossen werden kann und nur sehr wenig Öl ausgetreten ist. Dieses Abdichten erfolgt durch ein auf dem Bohrloch aufsitzendes Aggregat, dem sogenannten „Blowout Preventer“, kurz BOP.

Der BOP kann von der Bohrinsel aus getriggert werden oder er löst sich selbst aus, sobald er eine Gefahrensituation erkennt. Verschiedene Länder – aber nicht die USA – verlangen sogar, dass der BOP auch durch Ultraschall von einer Rettungsinsel aus gestartet werden kann.

Als die Bohrinsel Deepwater Horizon (DWH) explodierte, hat die Besatzung sofort den Schließmechanismus ausgelöst, doch das Aggregat konnte das Loch nicht verschließen. Inzwischen umkreisten ein halbes Dutzend Unterwasserroboter den DWH-BOP – ohne daran etwas ändern zu können. Dabei haben diese Roboter sogar Hydraulikadapter, mit denen sie sich in das Hydrauliksystem einklinken können, um es zu bedienen – doch nichts davon funktionierte bislang. Die Komponenten dieser BOPs sind zwar weitestgehend standardisiert, doch jeder BOP wird individuell für jede Bohrinsel und das entsprechende Einsatzumfeld konstruiert und zusammengestellt.

Der BOP von der DWH wurde von Cameron International geliefert. Er ist 12 m hoch, 450 t schwer und hat 5 hydraulische Kolben. Einige davon sind zum Zuquetschen gedacht, einer davon ist mit einem variablen Ring ausgestattet, sodass auch Rohre mit unterschiedlichen Durchmessern umfasst werden können. Am sichersten gilt bei diesen Systemen die „Shear-off-Komponente“, mit der das Bohrrohr abgetrennt und gleichzeitig abgeschlossen wird.

Inzwischen gibt es Bilder von dem BOP am Meeresgrund, denn im Gegensatz zu den ersten Befürchtungen ist das Wasser dort relativ klar. Das Öl tritt danach an drei Stellen aus dem abgerissenen Förderrohr aus, das jetzt im Zickzack am Meeresboden liegt. Den ersten Bildern nach zu urteilen hat der BOP reagiert, konnte aber das Rohr nicht komplett absperren. Die Spekulationen über die Ursachen dieses Versagens sind deshalb vielfältig.

Im Krisenstab in Houston geht man davon aus, dass das Förderrohr innerhalb des BOP verbogen, oder zumindest verspannt wurde, als dieses von der Meeresoberfläche hinabfiel. Dieses könnte dann unter dem immensen Wasserdruck in dieser Tiefe der Hydraulikkraft des BOP widerstehen.

Einige Experten meinen, dass das Problem im Zusammenhang mit dem kurz zuvor mit Beton abgedichteten Bohrlochkranz steht. Laut der ausführenden Baufirma Haliburton, soll es aber dabei keine Komplikationen gegeben haben und der Beton soll ordnungsgemäß abgebunden haben. Kritischere Stimmen gehen jedoch davon aus, dass dieser BOP gar nicht für den Einsatz in solchen Meerestiefen geeignet ist. Bislang ist ihre Funktion nur bei Unfällen in wesentlich flacheren Gewässern belegbar.

BP weist diesen Vorwurf entschieden zurück. „Der BOP an der DWH-Insel wurde zehn Tage vor dem Unfall überprüft, ohne dass es Beanstandungen gab“, hieß es in einer Pressekonferenz. Doch diese Tests werden von verschiedenen Experten angezweifelt, da sie nur Trockenübungen darstellen. „Es ist nicht sicher, dass die heutigen Scheren genügend Kraft haben, um die dickeren Tiefseerohre unter dem hohen Meerwasserdruck durchzutrennen“, heißt es in einem Untersuchungsbericht des US-Innenministeriums aus dem Jahr 2004. In dieser Untersuchung warnte das Ministerium bereits vor einer zu schnellen Entwicklung bei der Tiefseebohrung: „Die Kenntnisse und Erfahrungen auf diesem Gebiet sind noch sehr gering, und vieles aus den bisherigen Küstenbohrungen scheint nicht übertragbar.“

Unabhängig von der Situation an dem BOP der DWH-Insel verfolgt BP zwei weitere Aktivitäten um den Ausfluss zu kontrollieren: So wurde damit begonnen, 500 m neben dem jetzigen Bohrloch ein weiters Loch zur Öllagerstätte zu bohren.

In einer anspruchsvollen Aktion will man das Öl vor dem Eintritt in das abgerissene Rohr direkt im Ölfeld absaugen. Schon das Erreichen der Öllagerstätte würde eine Erleichterung bedeuten, da dadurch der Druck auf die Leckstellen verringert würde. Es wird aber noch Wochen dauern, bis man die Öllagerstätte erreicht hat.

Die zweite Maßnahme konzentriert sich auf die bislang drei gefunden Ölaustrittsstellen. Hier sollen bis zu 12 m hohe und 125 t schwere Stahlboxen wie eine Glocke darübergestülpt werden. Über eine Pipeline soll von dort aus das Öl-, Gas- und Wassergemisch in einen Tanker zur Entsorgung gepumpt werden. Falls die für Anfang kommender Woche geplanten Aktionen erfolgreich sind, könnte der größte Teil des austretenden Öls abgefangen werden.

Letztendlich wird man nach dem vorläufigen Abdichten und Absaugen die Quelle mit Beton versiegeln und auf jeden Fall den BOP bergen. Das ist wichtig, damit die genauen Ursachen der Fehlfunktion ermittelt werden können und das Erfahrungsspektrum erweitert wird. Nur so kann die Sicherheit der gesamten Offshore-Technologie entscheidend vorankommen. HARALD WEISS

Von Harald Weiss
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