Kohle 23.02.2001, 17:28 Uhr

Giganten auf großer Fahrt

eine Werbeaktion, wie sie besser nicht sein könnte.

Cool“, sagt der zwölfjährige Matthias und stemmt seine Fäuste noch tiefer in die Taschen des Parkas, „echt cool“. Sein Kumpel neben ihm drängelt nach vorne, um einen möglichst guten Blick auf das Stück Autobahn vor ihm zu erhaschen. Was er sagt, ist nicht mehr zu verstehen, denn in diesem Moment geht das Getöse los. Vier Caterpillar beginnen, von beiden Seiten 2500 m3 Erde und Sand über die Fahrbahn zu schieben. Kamerateams hetzen von hier nach da, Rheinbraun-Mitarbeiter schreien in ihre Funkgeräte, Schaulustige drängen an der Absperrung und drohen das weißrote Plastikband zu sprengen.
In erstaunlich kurzer Zeit verschwinden 70 m der A 61 unter einer meterdicken, festen Schicht, die die Straßendecke vor Schäden schützt, wenn in dieser Samstagnacht „288“ und „259“, zwei der weltweit größen Schaufelradbagger, hier die Autobahn von Venlo nach Koblenz überqueren.
Seit Anfang Februar sind die beiden Bagger auf Tour durchs rheinische Kohlerevier. Heute Nacht ist Treffen der Giganten, deren Routen sich exakt an der A 61 kreuzen. Links und rechts der Fahrbahn warten sie: 96 m und 70 m hoch, 240 m und 210 m lang, 12 840 t und 7800 t schwer – Kolosse mit stählerner Symbolkraft für die umstrittene Zukunft der deutschen Kohle.
Wenn man Rheinbraun fragt, ist die Braunkohle auch in Zukunft unverzichtbar: 15 % der deutschen Stromversorgung kommen aus dem rheinischen Revier zwischen Mönchengladbach, Aachen und Köln. Hier fördert RWE Rheinbraun jährlich rund 100 Mio. t Braunkohle. Fünf Kraftwerke der RWE erzeugen mit fast 10 000 MW Leistung jährlich 70 Mrd. kWh Strom. „Zur Zeit ist die Nachfrage nach Kohlestrom groß“, weiß Unternehmens-Sprecher Guido Steffen. Also wird Bagger „288“ vom Tagebau Hambach nach Garzweiler verlegt, wo er die Kohleförderung steigern soll. Seine Arbeit in Hambach erledigt künftig Bagger „259“, der im so gut wie ausgekohlten Tagebau Bergheim nicht mehr gebraucht wird.
„Bleiben Sie bitte hinter der Absperrung!“ Die rund 40 Mitarbeiter, die die Tour ständig begleiten, haben alle Hände voll zu tun, um die rund 10 000 Schaulustigen in dieser Nacht im Zaum zu halten. Von weit her sind viele angereist, manche harren seit Stunden in der Kälte aus. Junge Väter erklären ihren Söhnchen, warum die Bagger so groß sind, vereinzelt haben besonders Mutige die kahlen Pappeln besetzt, Schülercliquen veranstalten Sit-ins, die Rentnerin aus Bergheim hat ihren Klappsessel mitgebracht, „weil man ja nicht weiß, wie lange es dauert“.
Um 0.24 Uhr ist es soweit. Begleitet von Applaus und Hurra-Rufen setzt sich Bagger „288“ in Bewegung. Seine vorderen acht Raupenfahrwerke donnern mit einer Geschwindigkeit von 4 m pro Minute über die aufgeschüttete Rampe. Der Boden bebt, Michael Hamacher dagegen bleibt ruhig. „So was hab ich schon öfters erlebt“, sagt der Mann vom Werkschutz. Was ihn weit mehr beunruhigt, sind die Schaulustigen, die immer wieder versuchen, die Absperrungen zu unterlaufen, um näher an die Bagger ranzukommen.
Wer kann schon der Faszination dieser Stahlriesen, die alle Kirchtürme der Umgebung um ein Vielfaches überragen, widerstehen? In einer Zeit, in der die Technik immer kleiner, unauffälliger und unverständlicher wird, erscheinen die Bagger wie ein Relikt aus der guten alten Zeit – einer Zeit, in der die Technik noch lärmte, rauchte und ihre Kraft stolz zur Schau stellte.
Nach gut 20 Minuten ist alles vorbei. „288“ ist über die Autobahn und nimmt Aufstellung zu einer leichten Kurve über die angrenzenden Felder. In einer halben Stunde wird „259“ die A 61 in Gegenrichtung passieren. Die meisten Zuschauer sind dann aber schon auf den Heimweg.
Was nur die wenigsten wissen: Der logistische Aufwand, der hinter den Kulissen für einen reibungslosen Baggertransport sorgt, ist beispiellos. Rund 70 Rheinbraun-Leute waren eineinhalb Jahre mit der Vorbereitung beschäftigt. Insgesamt müssen fast 200 000 m3 Kies und Erdreich angeliefert, verteilt und wieder abtransportiert werden. Gleich nach der Passage der Bagger beginnen die Arbeiten für die Wiederherstellung der Äcker und Straßen.
Wie schnell die Bagger vorankommen, bestimmt auch die Stromversorgung der zwölf Elektromotoren mit je 200 kW. Dafür muss ein armdickes 25 000-Volt-Kabel unterwegs immer wieder an andere Einspeisepunkte angeschlossen werden. Der Kabelwagen ist daher das einzige Fahrzeug ohne Raupenfahrwerk, das ständig die Bagger begleitet. Sein Fahrwerk wurde aufwendig umgebaut, damit keine tiefen Furchen entstehen.
Nahezu die gesamte Strecke – für „288“ 22 km, für „259“ 20 km – führt über private Äcker. Umfangreiche Bodenuntersuchungen waren notwendig, um die Tagfähigkeit der Trasse zu prüfen, und viele Bauern haben frühzeitig Gras eingesät, um die Flächen zu stabilisieren. Widerstände? „Natürlich gab es die“, sagt Steffen. Letztendlich aber gaben alle rund 100 betroffenen Landwirte ihr Okay, denn Rheinbraun entschädigt großzügig für eventuell in der kommenden Saison entstehende Ernteverluste. Steffen: „Die Bauern verdienen mehr durch die Entschädigung als mit Weizen und Rüben.“
Die Autobahn ist nicht das einzige Hindernis für die Stahlkolosse. Auf ihrer Tour überqueren sie zwei Bundesstraßen, eine Bahnlinie und die Erft. Eine direkte Verbindung zwischen den Tagebauen kam nicht in Frage, da die Bagger nur geringe Steigungen oder Gefälle überwinden können und für Richtungsänderungen weite Kurvenbögen brauchen. Für die Überquerung der Erft musste das Wasser über einen Bypass aus Stahlrohren umgeleitet und das Flussbett selbst mit großen Steinen verfüllt werden. Und warum das Ganze? „Ein Abbau der Bagger und ihr Transport in Einzelteilen wären teurer und zeitaufwendiger als die Fahrt über Land“ gewesen, so Steffen. Allein die Montage von „288“ hätte zweieinhalb Jahre gedauert.
Dass dann doch nicht alles nach Plan läuft, scheint fast unausweichlich. Dauerregen und Schnee weichten die Trasse zwischen Paffendorf und Glesch so auf, dass sich „259“ festfuhr. Bei den Versuchen, das Ungetüm wieder flottzukriegen, wurden die Getriebe zweier Raupenfahrwerke so stark beschädigt, dass sie ausgetauscht werden mussten.
Wenn „288“ voraussichtlich am 4. März sein Ziel erreicht, hat Rheinbraun eine bisher einmalige Aktion hinter sich gebracht – einmalig auch hinsichtlich deren Imagewirkung. „So einfach bekommen wir nie mehr so viele Leute auf unsere Seite“, sagt Betriebsdirektor Helmut Beißner. Auch Matthias und sein Freund werden noch lange an diese Bagger-Nacht denken. „Das war gar nicht mal so schlecht“, urteilt der Schüler, bevor er auf seinem Mountainbike über die Äcker davonradelt. Dem ist nichts hinzuzufügen. C. FRIEDL

Ausstellungen zur Braunkohle

Wie die Kohle in die Jahre kam

Wer sich nicht nur für den Transport der beiden Schaufelradbagger, sondern auch für die Entstehung der Braunkohle und deren heutige Bedeutung interessiert, sollte das Schloss Paffendorf bei Bergheim ansteuern. Im Forstlehrgarten des Schlossparks gedeihen u. a. Nachfahren jener urzeitlichen Pflanzenwelt, aus der vor 20 Millionen Jahre die Kohle entstand (Informationszentrum Schloss Paffendorf: 50126 Bergheim, Tel. 02271/75120043).

Ein Beitrag von:

  • Christa Friedl

    Redakteurin VDI nachrichten. Fachgebiet: Umweltpolitik, Umwelttechnologien.

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