Biopiraterie 19.11.2010, 19:50 Uhr

Gewinnbeteiligung an Naturschätzen

Auf der internationalen Artenschutzkonferenz Mitte Oktober im japanischen Nagoya wurde erstmals ein Abkommen gegen Biopiraterie beschlossen. Künftig muss die Industrie die Entwicklungsländer am Gewinn beteiligen, wenn sie Produkte aus deren Pflanzen, Tieren oder Mikroben ableitet. Betroffen davon sind Biotech-Firmen, Pestizid- und Pharmahersteller bis hin zu Lebensmittelfabrikanten.

Viele Innovationen – Arzneien ebenso wie Zierpflanzen – beruhen auf dem Artenreichtum der armen Länder. Knapp die Hälfte aller Krebsmittel und die meisten Antibiotika haben ihr Vorbild in der Natur. Oft werden sie in den Fabriken 1:1 oder nur leicht modifiziert nachgebaut. Deutschland ist weltweit Hauptimporteur von fremden Pflanzen.

Eine der meist verkauften Naturarzneien ist „Umckaloabo“ gegen Erkältungen, gewonnen aus südafrikanischen Geranien. Die südamerikanische Aloe vera steckt in Cremes und Shampoos. Kegelschnecken aus dem tropischen Meer standen Pate für eines der potentesten Schmerzmittel, das Ziconotid.

Den Gewinn aus solcher Bioprospektion streichen fast immer Firmen in den hoch entwickelten Ländern ein. Als ungerecht missbilligte das die Mehrzahl der Nationen schon in den 1990er-Jahren und schrieb im Artenschutzübereinkommen 1992 eine Art Schadenersatz vor. Doch wie dieser aussehen sollte und wie er geprüft wird, blieb offen. Dieser Beliebigkeit wird nun ein Ende gesetzt.

Mit dem neuen Abkommen werden Bedingungen für die Beteiligung der Herkunftsländer detailliert festgezurrt. Die Patentämter sollen bei der Überprüfung der Erfindungen die Herkunft der Arten abfragen. So soll die Gewinnbeteiligung des Ursprungslandes sichergestellt werden.

Die Umweltverbände feierten das als Meilenstein. Der internationale Pharmaverband begrüßt die gewonnene Rechtssicherheit.

Immer wieder wurden Firmen der Biopiraterie bezichtigt. Etwa im Fall der südafrikanischen Sukkulentenpflanze Hoodia. Traditionell kauen die Ureinwohner der Kalahari-Wüste, die San, diese Pflanze gegen Hunger und Durst. Ein südafrikanisches Forschungsinstitut entdeckte darin einen Appetitzügler und ließ ihn patentieren. Es verkaufte die Nutzungsrechte an die britische Firma Phytopharm, die diese für angeblich 20 Mio. $ an Pfizer abtrat. Die San gingen leer aus. Erst als ein Phytopharm-Sprecher die Buschmänner öffentlich für ausgestorben erklärte, gingen die Ureinwohner auf die Barrikaden.

Der gestohlene Kaktus – botanisch korrekt eine Sukkulente – wurde berühmt. Die San bekamen nachträglich einen Trostpreis von 0,03 % der Gewinnbeteiligung. 2003 erwarb Unilever die Lizenz von Phytopharm, um Diätlebensmittel à la Kalahari zu kreieren. 20 Mio. € flossen in die Forschung, bis das Projekt 2008 mangels Erfolg ad acta gelegt wurde.

Für Nichtregierungsorganisationen und Vertreter der indigenen Völker ist das Millionengeschachere auf der einen Seite und der mickrige Erlös auf der anderen Seite ein Präzedenzfall der Biopiraterie. Zum Eklat kam es trotz florierender Bioprospektion aber nur selten.

„Wir haben gute Erfahrungen gemacht“, so Frank Petersen, Leiter der Naturstoffabteilung bei Novartis in Basel. Regelmäßig fragen artenreiche Länder bei ihm wegen einer Zusammenarbeit an. Vor allem in Asien sucht das Unternehmen nach Substanzen für künftige Arzneien. „Die Institute dort müssen einen gewissen technischen und auch einen guten Ausbildungsstandard haben, damit die Kollaborationen rasch produktiv werden“, begründete Petersen die Länderwahl.

Im Jahr 2010 hat Novartis nach zehn Jahren die Zusammenarbeit mit einem chinesischen Institut abgeschlossen. Zahlreiche traditionelle Heilpflanzen wurden nach neuen Inhaltsstoffen durchforstet. Daraus könnten Arzneien gegen Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und neue Antibiotika hervorgehen.

Bei wichtigen Meilensteinen, etwa dem Beginn klinischer Studien an Menschen, fließen Zahlungen an die chinesischen Partner, so Petersen. Falls tatsächlich eine Arznei den Prüfmarathon besteht, wird das Institut finanziell beteiligt. Die Chancen dafür sind allerdings nicht sonderlich hoch, da von Tausenden Substanzen meist nur eine einzige den Sprung in die Apotheke schafft.

Wie hoch die Zahlungen sind, mag Petersen nicht sagen. Er versichert aber, dass bereits Gelder überwiesen wurden. Zudem wurden neue Geräte geliefert und in den letzten Jahren bis zu 20 Forscher aus China und Thailand in der Schweizer Niederlassung ausgebildet.

Novartis ist im Sekretariat der Biodiversitätskonvention dafür bekannt, dass es sich als eines der ersten Unternehmen weltweit Gedanken um eine Gewinnbeteiligung artenreicher Länder gemacht hat. Der Normalfall ist das nicht: „Viele Firmen und Forscher wissen überhaupt nicht, dass sie nicht einfach Pflanzen, Tiere und Erdproben von Fernreisen mitnehmen dürfen“, betont Karin Holm-Müller, Umweltökonomin an der Universität Bonn.

So entgehen den Ursprungsländern dringend benötigtes Geld und Technologietransfer. Was aber einmal außer Landes gebracht ist, kann nie wieder Unterstützung einbringen. Insofern ist es ein Wettlauf mit der Zeit.

Die Bioprospektion hat derweil ihren Zenit überschritten. Zahlreiche Unternehmen wie Pfizer, Monsanto und GlaxoSmithKline haben ihre Abteilungen für Naturstoffe geschlossen. „Weltweit ist die Nutzung von natürlichen Quellen für die Medikamentenentwicklung deutlich zurück gegangen“, so Petersen.

Von 181 zwischen 2004 und 2009 in Deutschland zugelassenen Arzneien beruht eines auf einer amerikanischen Eidechse, eines auf einem Manteltier, eines auf der tropischen Kegelschnecke und wenige auf Mikroben. „Naturstoffe sind von untergeordneter Bedeutung“, so Pressesprecher Rolf Hömke vom Verband forschender Arzneimittelhersteller in Berlin. Das Abkommen kommt so gesehen für artenreiche Länder reichlich spät. Die Forderung nach rückwirkenden Zahlungen schlugen die Industrienationen erfolgreich aus. S. DONNER

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