Rohstoffe 20.06.2008, 19:35 Uhr

Geochemischer Fingerabdruck gegen illegalen Erzabbau  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 20. 6. 08, swe – Transparenz und Nachhaltigkeit sind zentrale Forderungen an den Rohstoffsektor. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) erprobt im Kongo ein Konzept, das die Wege mineralischer Grundstoffe nachvollziehbar macht.

Blutdiamanten heißen meist illegal geschürfte Steine aus Bürgerkriegsregionen, mit deren Erlös die beteiligten Parteien ihre Kämpfer ausrüsten und finanzieren. Mehrere Diamanten produzierende Länder beschlossen daher im südafrikanischen Kimberley, die vier Kriterien der Diamantenbewertung – Carat, Clarity, Colour, Cut – um ein fünftes C zu ergänzen: Conflict. Seit 2003 ist der Kimberley-Prozess offiziell in Kraft es dürfen nur noch solche Diamanten gehandelt werden, für die Herkunftszertifikate des Förderlandes vorliegen.

Dagegen liegt der Ursprung vieler anderer Rohstoffe im Dunkel. Rohstoffe, die in den Endprodukten kaum sichtbar sind, schaffen es nicht über diese Aufmerksamkeitsschwelle – obwohl auch ihre Herkunft oft problembeladen ist, wie der Resource Conflict Monitor des Internationalen Konversionszentrums Bonn (BICC) zeigt.

Diese Verknüpfung von Rohstoffen und Gewalt hat die Politik auf den Plan gerufen. Während beim G8-Gipfel im letzten Jahr in Heiligendamm Einigkeit darüber herrschte, wie wichtig ein transparenter und nachhaltiger Rohstoffhandel ist, hatte das Bundeswirtschaftsministerium bereits die BGR mit der Entwicklung geeigneter Instrumente beauftragt. Ergebnis ist ein Konzept zur Zertifizierung von Hightech-Rohstoffen aus Krisenregionen, das auf zwei Säulen ruht: der Transparenz der Prozesskette und dem jedem Erz eigenen geochemischen Fingerabdruck (s. Tabelle).

Den Praxistest erlebt das Konzept gerade im Kongo. In den kommenden zwei Jahren soll in der Provinz Süd-Kivu ein Zertifizierungsschema für Coltan etabliert werden. Staat und Rohstoff (s. Kasten) sind ideal für das BGR-Konzept, das vor allem auf den meist völlig unregulierten Kleinbergbau zielt, den so genannten artisanalen Bergbau.

Der industrielle Bergbau, der weltweit rund 7 Mio. Menschen beschäftigt, arbeitet bereits überwiegend nach eigenen Umwelt- und Nachhaltigkeitsstandards. Im Kleinbergbau arbeiten weltweit rund 15 Mio. Menschen Wissenschaftler schätzen, dass sogar 100 Mio. Menschen davon abhängen.

Allein in der Demokratischen Republik Kongo soll es 2 Mio. handwerklich arbeitende Bergleute und rund 10 Mio. vom Kleinbergbau abhängige Menschen geben – rund ein Fünftel der Gesamtbevölkerung. Diese haben bisher je nach Rohstoff zwischen 80 % und 100 % der gesamten kongolesischen Produktion gefördert.

Während des Bürgerkrieges kontrollierten Milizen den Sektor, besonders beim lukrativen Coltan. Die UN forderte daraufhin einen Importstopp, erreichte aber vor allem eine Zunahme des Schmuggels – und dass Coltan aus ganz Afrika in Verruf geriet. Die deutsche Firma H.C. Starck beispielsweise, Weltmarktführer bei der Verarbeitung von Tantalerzen, stellte damals ihre Coltan-Einkäufe in Zentralafrika ein.

Eine Zertifizierung nach dem Modell der BGR erlaubt die Unterscheidung von legalem und illegalem Handel. Ein Auditor überprüft dafür den Rohstoffproduzenten und achtet auf die Einhaltung von Mindeststandards bei Gewinnung und Handel. Das BGR-Konzept umfasst auch technische Vorgaben an die Förderung.

„Ein artisanaler Bergbau, bei dem jeder allein vor sich hin gräbt, ist einfach nicht effizient und daher für industrielle Partner nicht interessant“, begründet Nicola Martin (BGR) diesen Ansatz. „Der Ausbringungsgrad ist zu schlecht, und zu manchen Lagerstätten wird unter Umständen der Zugang verbaut.“ Daher sollen die industriellen Abnehmer die Produzenten mit langfristigen Verträgen und Know-how-Transfer unterstützen.

Ziel ist eine Win-Win-Situation über den ethischen Aspekt hinaus: Für den Anbieter verbessern sich Marktzugang und Produktionsbedingungen. Die Abnehmer bekommen einen direkten Zugang zu einem bisher nicht legal erschlossenen Teil der Weltproduktion und verlässliche Lieferquellen in neuen Regionen. Der Staat profitiert, wenn sich der informelle Sektor ordnet und stabilisiert.

Bei Lieferungen fragwürdiger Herkunft kommt der geochemische Fingerabdruck ins Spiel. Bei Coltan sind die Experten sicher, dank verschiedener Parameter auch relativ kleinräumige Liefergebiete klar abgrenzen zu können. Routineüberprüfungen der Frachten sind zu aufwändig und zu teuer, aber, so Nicola Martin, „als forensisches Instrument ist das Laborverfahren ideal“.

Die Industrie steht dem BGR-Konzept, das sich auf weitere mineralische Rohstoffe wie Zinn oder Wolfram übertragen lässt, positiv gegenüber. Das gilt für Verarbeiter von Tantalerzen ebenso wie für Unternehmen der Branchen Telekommunikation und Informationstechnologie, die am Ende von langen Lieferketten produzieren.

Motorola, Vodafone, Intel, Nokia oder Ericsson verlangen von ihren Lieferanten seit Jahren die Zusicherung, keine aus illegalem Abbau im Kongo stammenden Rohstoffe zu verwenden, konnten das jedoch bislang ohne einen allgemein akzeptierten Standard nicht kontrollieren. Eine Zertifizierung würde das ändern. Denn auch, wenn der Verbraucher bei Laptop und Handy nicht so sensibel ist wie beim Diamantcollier: „Blut“-Coltan sollen die Geräte nicht enthalten. PETRA HANNEN

Von Petra Hannen

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