Materialeffizienz 08.10.2010, 19:49 Uhr

„Fortschritt lässt sich natursparend und arbeitsschaffend gestalten“

Deutschland entdeckt, dass mit allen Ressourcen sparsam umgegangen werden muss. Der Volkswirt Peter Hennicke hat gemeinsam mit der Ökonomin Kora Kristof das von Bundesumweltministerium und Bundesumweltamt initiierte Projekt „Materialeffizienz und Ressourcenschonung“ MaRess koordiniert. Er war von 2000 bis 2008 Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie.

VDI nachrichten: Warum ist die sparsame Nutzung von Rohstoffen so wichtig?

Hennicke: Deutschland ist zu nahezu 100 % abhängig von Metalleinfuhren. Steigen die Preise für Erze dramatisch, macht uns das ökonomisch verwundbar.

Können Sie hierfür ein Beispiel nennen?

Gallium, Indium und Seltene Erden sind etwa für erneuerbare Energien, Informations- und Kommunikationstechnologien oder die Lasertechnik unverzichtbar. Hier müssen wir uns überlegen, wie die erkennbaren physischen Verknappungen abgebaut werden können.

Es geht also um Vorsorge?

Ja. Unvorbereitet ist die Gefahr groß, dass einzelne Industriezweige oder technologische Dynamiken stranguliert werden könnten. Von daher lieber vorausschauend planend auf das Thema eingehen als abzuwarten und ressourcenintensive Produkte und Dienstleistungen durch ressourcenleichtere, die den gleichen Nutzen erbringen, ablösen.

Ist das denn nötig? Wir reden doch zurzeit fast nur darüber, Energiekosten zu senken …

… aber im Schnitt ist der Energiekostenanteil mit 2 % im verarbeitenden Gewerbe deutlich geringer als der Materialkostenanteil mit etwa 43 %. Jährlich könnten im Prinzip rund 100 Mrd. € an Materialkosten eingespart werden. Hier ist also ein riesiger Kostenblock, wo es wirtschaftlich attraktiv ist, sich seiner anzunehmen, weil er Wettbewerbsfähigkeit verbessert, ohne dass Druck auf die Löhne und damit auf die Binnenkaufkraft weiter verschärft wird und der die deutsche Volkswirtschaft unabhängiger von Rohstoffimporten und Preisschwankungen auf dem internationalen Markt macht.

Was empfehlen Sie den Politikern?

Wie bei der Energie- und Klimaschutzpolitik brauchen wir einen Politik-Mix. Sinnvoll wäre der Ausbau der Deutschen Materialeffizienzagentur (demea) und weitere regionale Institutionen wie die Effizienz-Agentur Nordrhein-Westfalens (EfA), die kleine und mittlere Unternehmen beraten. Der Staat sollte zudem als größter Konsument Materialeffizienz als Standardkriterium in seinem Beschaffungswesen einführen.

Sind hier auch Ingenieure gefragt, neue Lösungen anzubieten?

Ganz sicher. Wir sind aber skeptisch gegenüber der Euphorie in Bezug auf beliebige Innovationen im Allgemeinen. Hierbei wird häufig nur Neuartigkeit um der Neuartigkeit willen und oft genug mit hohem Ressourcenverbrauch gefördert. Der technische Fortschritt sollte natursparend und arbeitsschaffend gestaltet werden.

Was wäre eine richtungsweisende Innovation?

Ein Ansatz ist Miniaturisierung. Man kann heute beispielsweise Bilder mit einem Beamer an die Wand projizieren, der kaum größer als eine große Zigarettenschachtel ist. Auch „keep it simple“ ist ein Ansatz: also Produkte, die modular zerlegbar und damit besser rezyklierbar oder auch wiederverwendbar sind.

Gehen eigentlich Energie- und Klimaschutzpolitik mit Ressourceneffizienz Hand in Hand?

Ja, sehr häufig. Beispielsweise senken weniger Verschleiß und weniger prozessimmanente Transporte den Energieaufwand wie auch der Mehreinsatz rezyklierter Materialien.

Wie wollen Sie Innovation in „ressourcenleichtere“ Produkte fördern?

Besonders wichtig ist, beim Design den Lebenszyklus der Produkte von den Rohstoffen bis zum Lebensende oder bis zur Wiederverwendung zu betrachten. Hier bietet sich die Öko-Design-Richtlinie an. Die EU-Richtlinie für energieverbrauchende Produkte sollte man schrittweise auf den Ressourcenverbrauch ausweiten.

Was empfehlen Sie noch?

Wir müssen Kapitalflüsse stärker in ressourceneffizientere Projekte lenken. Dazu muss das Finanzsystem aber beurteilen können, warum es vorteilhafter ist für Rendite und Sicherheit, Kredite an ressourceneffizientere Lösungen zu vergeben.

Solche Indikatoren fehlen noch, oder?

Ja, doch daran wird gearbeitet. Der gebräuchlichste Indikator ist der „globale Materialaufwand“. Er zählt alle stofflichen Entnahmen zusammen, ist aber ein reiner Mengenindikator, lässt die Qualität von Stoffen, also etwa die Toxizität für Mensch und Umwelt, unberücksichtigt, ist daher ergänzungsbedürftig. Über kurz oder lang wird aber ein Set neuer Indikatoren bereitstehen, um Ressourceneffizienz und das Risiko von Investments besser beurteilen zu können.

Warum sollten eigentlich Verbraucher die „besseren“ ressourcenleichteren Produkte kaufen?

Das ist eine Frage der Verbraucherberatung und der Setzung von Anreizen und Standards. Es gibt zum Beispiel Überlegungen, progressive Standards einzuführen, um ressourcenaufwendige Luxusbedürfnisse zu begrenzen. Wer einen Riesen-Flachbildschirm mit hohem Ressourcenverbrauch haben möchte, wird höher belastet, sparsame Geräte werden gefördert.

Sind Sie optimistisch?

Werden die laufenden ressourcenpolitischen Aktivitäten von Politik und Wirtschaft beschleunigt und hochskaliert, sind wir auf einem gutem Weg – vor allem, weil auch die Industrie aus Gründen der Rohstoffsicherheit großen Wert darauf legt, dass das Thema ernst genommen wird. RALPH AHRENS

Von Ralph Ahrens

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