Kraftstoff 22.02.2008, 19:33 Uhr

„Es gibt genug Biomasse für Teller und Tank“  

Entlasten sie Klima und Umwelt oder sind sie eine neue Belastung? Sind sie die Ursache steigender Nahrungsmittelpreise, wie aktuell mehrere Studien nahelegen? Diese Studien gingen von falschen Voraussetzungen aus, erklärte Petra Sprick, Geschäftsführerin des Verbands der Deutschen Biokraftstoffindustrie (VDB), im Gespräch mit den VDI nachrichten.

Sprick: … auch wenn er Nobelpreisträger ist – seine Studie geht von falschen Voraussetzungen aus, ist methodisch zweifelhaft und basiert auf einer extrem heterogenen Datenbasis. Crutzen und seine Co-Autoren bringen keine neuen Messwerte, sondern ziehen Daten aus vielerlei Einzelstudien heran.

VDI nachrichten: Welche falschen Voraussetzungen meinen Sie?

Sprick: Unter anderem setzt Crutzen den Einsatz von Stickstoffdünger um ein Drittel zu hoch an. Würde ein Landwirt so düngen, wie die Studie unterstellt, müsste er pro Hektar 100 € mehr ausgeben, ohne eine Ertragssteigerung zu erreichen. Das tut kein Landwirt. Diese falsche Grundannahme ist eine Ursache für Crutzens unrealistisch hohe Annahme der Treibhausgas-Emissionen von Biokraftstoffen.

VDI nachrichten: Wo liegt er denn noch falsch?

Sprick: Seine zentrale Annahme lautet, dass Lachgas (N2O) drei- bis fünfmal stärkere Auswirkungen aufs Klima habe als bisher angenommen. Feldmessungen zeigen, dass 1 % des eingetragenen Stickstoffs zu N2O umgesetzt wird. Crutzen errechnet ohne eigene Messungen aufgrund grober Annahmen 5 % Umsatz, klärt den Widerspruch zur Forschung aber nicht auf. Auch seine Gegenüberstellung von N2O-Emissionen beim Anbau und CO2-Minderung durch Ersatz fossiler Kraftstoffe bleibt nebulös. Er berücksichtigt weder Kuppelprodukte noch Pflanzenreste, die zurück aufs Feld gehen, er setzt die Stickstoffaufnahme von Raps fast halb so niedrig an wie die agrarwissenschaftliche Literatur, geht bei seiner Berechnung von nicht mehr verwendeten Rapssorten aus – und er versteigt sich sogar zu der Aussage, dass Biodiesel aus Palmöl klimafreundlicher sei als RME.

VDI nachrichten: Palmöl ist noch so ein Zankapfel. Ihre Branche steht bei Umweltschützern wegen der Rodung von Regenwäldern zugunsten von Ölpalmen heftig in der Kritik.

Sprick: Das wäre wegen der katastrophalen Klimabilanz der Rodung für Palmölplantagen und des Verlusts an Artenvielfalt auch ganz richtig. Einzig: Wir verwenden praktisch kein Palmöl. Selbst wenn wir wollten, es ginge nicht. Da Palmöl bei kühleren Temperaturen aushärtet, scheidet es schon deshalb für Kraftstoffe in Mitteleuropa aus – nur im Sommer könnten maximal 5 % beigemischt werden. Die Arbeitsgemeinschaft Qualitätsmanagement Biodiesel ist bei ihren unangekündigten Probenahmen in unserer Branche bisher nie auf Palmöl gestoßen.

VDI nachrichten: Wie ist das denn im Zusammenhang mit Biodiesel?

Sprick: Es ist eine Mär, dass Palmöl für Biokraftstoffe importiert wird. Von 3,8 Mio. t, die im Wirtschaftsjahr 2006/07 in die EU eingeführt wurden, gingen 2,9 Mio. t in den Nahrungsmittelbereich und 650 000 t wurden in Blockheizkraftwerken verfeuert. Allerdings setzt BP bei der Hydrierung von Pflanzenölen auch auf Palmöl. Wir als Verband ziehen die Nachhaltigkeit des Verfahrens nicht nur deshalb in Zweifel. Hydrierung erfordert hohe Temperaturen und fossilen Wasserstoff. Energie- und Ökobilanzen dafür stehen noch aus.

VDI nachrichten: Ökobilanz ist ein gutes Stichwort. Das renommierte Schweizer Forschungsinstitut EMPA empfiehlt, wie viele andere Stimmen aus der Wissenschaft, Biomasse stationär zur Erzeugung von Strom und Wärme einzusetzen. Das schütze das Klima wesentlich effektiver als Biokraftstoffe.

Sprick: Erstens lassen sich Wärme und Strom zum Beispiel mit Wind- sowie Solarkraftwerken regenerativ erzeugen, während für flüssige Kraftstoffe außer Biokraftstoffe zurzeit keine echten Alternativen verfügbar sind. Zweitens beträgt in der EU der Beitrag des Verkehrssektors am CO2-Ausstoß etwa 30 % – Tendenz leider steigend. Deshalb muss in diesem Bereich dringend gehandelt werden. Hier können Biodiesel und Bioethanol ihren Beitrag leisten, denn ihr Einsatz ist seit Jahren bewährt. Biokraftstoffe schützen das Klima hier und jetzt.

VDI nachrichten: Wenn einer OECD- Studie vom letzten August zu Glauben ist, beschwört dieser Klimaschutz allerdings einen Nahrungsmittelkonflikt herauf …

Sprick: … ein Totschlagargument, das unserer Branche tagtäglich vorgehalten wird. Die Dinge liegen aber anders. Es gibt genügend Anbauflächen, um Teller und Tanks zu füllen. Die Forschung diskutiert Potenziale von 100 Mio. ha und mehr, die weltweit zusätzlich nutzbar sind, ohne Nutzflächen für die Nahrungsmittelproduktion oder ökologisch besonders wertvolle Gebiete anzugehen.

VDI nachrichten: Dennoch geht die OECD davon aus, dass die Nahrungsmittelpreise im kommenden Jahrzehnt wegen der wachsenden Biokraftstoffproduktion deutlich steigen werden.

Sprick: Selbst wenn es so käme, hätte das doch nicht unbedingt negative Effekte. Höhere Preise schaffen die Chance, dass sich Landwirtschaft in Deutschland und den Entwicklungsländern wieder lohnt. Sie ermöglichen Anbau auf bisher unrentablen Flächen und geben der Landwirtschaft weltweit Impulse, ihre Produktion und ihre Produktivität zu steigern.

VDI nachrichten: Bei dieser Aussicht werden die Autoren der Studie „Klimaschutz durch Biomasse“ vom Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) zusammenzucken. Der SRU fordert u. a. den „extensiven Anbau von Biomasse“.

Sprick: Diese Studie räumt dem Naturschutz so viel Raum ein, dass wirtschaftliches Arbeiten kaum mehr möglich wäre. Der Anbau von Rohstoffen für Biokraftstoffe unterliegt in der EU denselben „Cross-Compliance“-Richt- linien wie der Nahrungsmittelanbau. Das ist der einzig vernünftige Weg …

VDI nachrichten: … Sie selbst sagen: in der EU. Die aktuelle EU-Zielsetzung von 10 % Biokraftstoffen bis 2020 ist mit einheimischer Biomasse nicht realisierbar. Im freien Handel setzen sich die billigsten Roh- und Kraftstoffe durch – in der Regel ist das keine gute Aussicht für die Umwelt.

Sprick: Von den Mengen her wäre die Autarkie in der EU möglich, realistisch ist das wohl eher nicht. Doch was ist der Status quo? Wir beziehen aus politisch instabilen Regionen Erdöl und Erdgas, deren Förderung und Transport massive Folgen für Klima und Umwelt haben und die sich in naher Zukunft immer weiter verknappen werden. Vor diesem Hintergrund müssen Importe von Biokraftstoffen oder Biomasse bewertet werden. Es wird dabei auf die Rahmenbedingungen ankommen. Der Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie begrüßt und unterstützt laufende Gesetzgebungsverfahren in Berlin und Brüssel, in denen eine Zertifizierung nachhaltig erzeugter Rohstoffe angestrebt wird. PETER TRECHOW

Unter Cross Compliance werden all jene Regelungen zusammengefasst, die der Landwirt ab 1. Januar 2005 in der EU einzuhalten hat, um in den Genuss von Direktzahlungen zu kommen. Die Prämienzahlung wird an die Einhaltung von Auflagen zum Verbraucher-, Umwelt-, Natur- und Tierschutz geknüpft. Die Einhaltung der Regeln wird kontrolliert. Bei einem Verstoß werden die Prämienzahlungen gekürzt. Red.

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