Technikgeschichte 07.05.2010, 19:46 Uhr

Eine zerrissene Branche wächst wieder zusammen

Trotz Klimadebatte sieht der Braunkohleverband gute Chancen für diesen heimischen Energieträger: in der Verstromung oder als Ersatz für Öl oder Gas. Vor 125 Jahren wurde der Branchenverband in Halle an der Saale gegründet.

„Die Kohle steht an der Spitze der deutschen Bodenschätze. Hauptverbreitungsgebiet der Braunkohle ist neben dem Elbe- und Oder-Raum, dem Braunschweigisch-Magdeburger Gebiet, den hessischen Vorkommen, kleineren Vorkommen im Westerwald und in der Bayerischen Oberpfalz die Niederrheinische Bucht“, formulierte 1953 Josef Mausbauch in der Denkschrift des Rheinischen Vereins für Denkmalpflege und Heimatschutz. So gedenkt am heutigen Freitag der Bundesverband Braunkohle (DEBRIV) seiner Gründung in Halle (Saale) vor 125 Jahren als Deutscher Braunkohlen-Industrie-Verein.

Rund 300 Gesellschaften des mitteldeutschen Reviers mit 16 250 Beschäftigten gründeten am 12. Mai 1885 den Verein mit dem Ziel, „allen Bestrebungen zu dienen, die auf die Wahrung und Förderung der Interessen des deutschen Braunkohlenbergbaus und der damit zusammenhängenden Industrien gerichtet sind“. „Die Festveranstaltung zum Jubiläum am Gründungsort ist eine Referenz unseres Industriezweigs an das mitteldeutsche Revier“, betont Matthias Hartung, der Vorsitzende des DEBRIV-Vorstandes.

Zu der Zeit, in der die Exterpresse zur Braunkohlenbrikettierung erfunden und das Eisenbahnnetz gerade fertiggestellt war, „zählten zu den Gründungsmitgliedern naturgemäß noch keine Stromerzeuger, aber neben Braunkohlengewinnungsbetrieben, Teerproduzenten und Brikettfabriken auch braunkohlenbasierte Mineralölfirmen“, erläutert Hartung. „Die meist sehr kleinen Unternehmen waren bis dahin vornehmlich in Regionalvereinen organisiert gewesen. Von ihrem nationalen Zusammenschluss erwarteten sie eine bessere Vertretung der allen gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen, die freilich oft genug von partikularen Sonderwünschen überlagert wurden. Alle Unternehmen zusammen förderten und verarbeiteten damals rund 15 Mio. t Rohbraunkohle jährlich. Der geografische und ökonomische Schwerpunkt lag im mitteldeutschen Raum, deshalb die Gründung in Halle.“

Heute hat der Bundesverband 15, aber sehr viel größere Mitgliedsunternehmen, unter ihnen neben den Bergbautreibenden große überregionale Energieversorgungsunternehmen sowie Zuliefer- und Vertriebsgesellschaften. Sie repräsentieren eine Braunkohlengewinnungsmenge von 175 Mio. t pro Jahr, die ein Viertel der deutschen Stromproduktion sichert. Da sie ihre Wertschöpfung fast komplett im Inland erbringen, haben die Regionen eine wirtschaftliche Perspektive.

Nach dem Zweiten Weltkrieg schoben sich im Helmstädter Revier die politischen Grenzen zwischen Gruben und Kraftwerke. Die Braunkohlenvorkommen des Deutschen Reiches waren auf einer Länge von rund 770 km verstreut, zwischen Aachen im Westen und Breslau im Osten. Nach 1945 lagen zwei Drittel der Produktionsstätten in den sozialistischen Ländern. So fiel in der Bundesrepublik der rheinischen Braunkohle eine führende Rolle zu. In der DDR fußte die gesamte Wirtschaft auf der Energieversorgung durch die Braunkohle, die nach der Wiedervereinigung wirtschaftspolitisch arg gestutzt wurde. So mussten sich „Rheinbraun“ und die in den neuen Ländern neu zusammengefügten Gesellschaften erst wieder auf eine gemeinsame verbandspolitische Zielrichtung verständigen.

Die deutsche Braunkohle ist heute Teil einer gut aufgestellten, europäischen Kohlenindustrie, technologisch und strukturell wohl in der Führungsposition. „Wirtschaftlich bietet die Integration Strom/Braunkohle mit den verfügbaren leistungsfähigen Tagebauen und Kraftwerken eine günstige Voraussetzung, sich auf neue Herausforderungen vorzubereiten“, ist Hartung überzeugt. Zudem belege die aktuelle Wirtschaftskrise erneut, dass heimische Wertschöpfung aus Braunkohle nicht zu vernachlässigende Vorteile biete.

Der über Jahrzehnte unbestrittene Nutzen der heimischen Braunkohle wird aber in der Klimadebatte infrage gestellt. Die in Deutschland heute neu gebauten und im Bau befindlichen Braunkohlekraftwerke erreichen Wirkungsgrade von mehr als 43 %. Eine generelle Umstellung auf Anlagen dieser Effizienzklasse würde den CO2-Ausstoß spürbar reduzieren. In der Entwicklung der Kohlendioxidabscheidung und -lagerung (CCS) sieht Hartung einen weiteren Entwicklungspfad für die Kohlenverstromung der Zukunft. Jenseits der Stromerzeugung weist er auf die chemische Nutzung des Kohlenstoffträgers Kohle hin, „wobei die Braunkohle wegen ihrer hohen Reaktionsfreudigkeit besondere Vorteile bietet. Wenn Gas und Öl ihre Peaks hinter sich haben, knapp und noch teurer geworden sind, kann Kohle eine Basis für Ersatz sein. Extraktion von Wertstoffen, Vergasung und Verflüssigung werden bereits heute beherrscht. Kombiniert mit dann ausgereiften CCS-Verfahren können diese Techniken ein reichlich verfügbares Substitut für Gas und Öl beim Einsatz in der Chemie wie im Verkehr zur Verfügung stellen“. E. PASCHE

DEBRIV (Hg.): Braunkohle im Zeitraum 1985-2010. Rohstoff – Mensch – Natur – Technik. Alert-Verlag, Berlin 2010, 200 S., mit DVD, 38 €

Von E. Pasche
Tags:

Stellenangebote im Bereich Kunststofftechnik

ALBIS PLASTIC GmbH-Firmenlogo
ALBIS PLASTIC GmbH Technical Service and Application Development Engineer (m/w/d) Hamburg
ALBIS PLASTIC GmbH-Firmenlogo
ALBIS PLASTIC GmbH Application Development Engineer (m/w/d) Hamburg
PASS GmbH & Co. KG-Firmenlogo
PASS GmbH & Co. KG Leiter Projektmanagement (m/w/d) Schwelm
BHS-Sonthofen GmbH-Firmenlogo
BHS-Sonthofen GmbH Ingenieur Werkstofftechnik (m/w/d) Sonthofen
Westsächsische Hochschule Zwickau (FH)-Firmenlogo
Westsächsische Hochschule Zwickau (FH) Professor (m/w/d) für Kunststofftechnik und -verarbeitung, W2 Zwickau
HSR Hochschule für Technik Rapperswil-Firmenlogo
HSR Hochschule für Technik Rapperswil Professorin/Professor für Additive Fertigung / 3D Druck im Bereich Kunststoff Rapperswil (Schweiz)

Alle Kunststofftechnik Jobs

Top 5 Rohstoffe

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.