Nachterstedt 24.07.2009, 19:42 Uhr

Die Grundwasserpumpen laufen im Rheinland, bis der See voll ist  

Ein Haus verschwindet im Concordia- (Eintracht-) See, und die Suche nach den möglichen Ursachen des Unglücks beginnt: Offizielle Stellungnahmen zur Ursache des Böschungsrutsches in Nachterstedt sind schwer zu bekommen. Eine Verkettung von zum Teil viele Jahrzehnte alten Versäumnissen könnte zu dem tragischen Bergrutsch geführt haben. VDI nachrichten, Düsseldorf, 24. 7. 09, rok

Über 120 Jahre alt sei die Bergbauhalde, bestätigt Uwe Steinhuber vom Katastrophenstab vor Ort und Pressesprecher der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LBMV). Auf dem ehemaligen Bergbaugelände standen die Gebäude, die am 18. Juli 2009, gegen 4:30 Uhr mitsamt der Böschung 100 m tief abrutschten und drei Menschen in den Tod rissen. Jetzt regt sich die Sorge, dass auch an anderen Stellen Gefahren im Zusammenhang mit dem Braunkohlenbergbau drohen. Vor allem in Nordrhein Westfalen mit dem größten Braunkohlenrevier Europas.

Nachterstedt wurde auf unsicherem Grund gebaut

Der Geologische Dienst Nordrhein-Westfalen weist auf die Unterschiede zwischen dem sachsen-anhaltischen Unglücksort und den Verhältnissen im rheinischen Braunkohlenrevier hin: Dort wurde eine Wohnsiedlung auf einer ehemaligen Kippe errichtet, die unmittelbar an einen See grenzt, wo es zudem wohl nicht kartografierte unterirdische Grubenbaue gegeben haben soll. „Dagegen liegen die Ortschaften der rheinischen Tagebaue auf natürlich gewachsenem Gelände“, erläutert Markus Kosma, Leiter Tagebauplanung und Umweltschutz der RWE Power, den Unterschied. Kosma ergänzt: „Wir bauen die Böschungen unserer Tagebaue von vornherein so auf, dass sie sowohl während des Betriebs als auch bei der Restseegestaltung standsicher sind. Das belegen wir unserer Aufsichtsbehörde, der Bergbehörde des Landes Nordrhein-Westfalen, durch regelmäßige Standsicherheitsuntersuchungen.“

Nachterstedt: Bereits im Jahre 1928 musste Alt-Nachterstedt dem Braunkohlentagebau weichen und wurde etwa einen Kilometer weiter südlich neu errichtet – buchstäblich auf Sand gebaut, auf der Abraum-Halde des dort vorher betriebenen Tiefbaus.

Aber es gibt eine noch ältere Vorgeschichte des Geländes: Bereits 1828 nahm die Grube Georg im Tiefbau ihren Betrieb auf, nachdem im Raum Aschersleben Braunkohlenvorkommen entdeckt worden waren. Die Gewerkschaft „Concordia“ bei Nachterstedt entstand 1853 durch den Zusammenschluss mehrerer Bergwerke. Und 1856 wurde von der Gewinnung in kleineren Tiefbauen auf rationellere Tagebaue übergegangen. Deren Sanierung begann 1991 nach der Wiedervereinigung Deutschlands und der Einstellung der Braunkohlengewinnung im Raum Nachterstedt.

Jetzt schlägt die Stunde der Gutachter

Nachdem im Dezember 1996 (Quelle: Seeland GmbH) die Grundwasserpumpen abgestellt worden waren, füllte sich das Tagebaurestloch nach und nach mit Grundwasser. Der so entstehende See wurde auf den Namen „Concordia-See“ getauft. 2002 wurde er für die touristische Nutzung freigegeben. Heute hat der See eine Wassertiefe von rund 40 m.

Vor Erosion kann der Boden durch geordnete Wasserfüllung geschützt werden. Wie, schildert Markus Kosma von RWE: „Während der Befüllung von Restseen wird die Grundwasserabsenkung ringsum aufrechterhalten. Das stellt sicher, dass der Seewasserspiegel stets höher steht als der Grundwasserspiegel im Gelände ringsum. Damit strömt das Wasser in die Böschung hinein und nicht aus ihr heraus. Dies stabilisiert die Böschung.“

„Es gibt keine Pressemitteilung und kein offizielles Statement ¿ zum Ereignis in Nachterstedt“, geht der Pressesprecher der obersten Aufsichtsbehörde, des Ministeriums für Wirtschaft und Arbeit des Landes Sachsen-Anhalt (MW), Rainer Lampe, auf Tauchstation. „Wir sind ,nur“ involviert, weil uns die Bergaufsicht (LAGB – Landesbergamt) obliegt, die hier zur Gefahrenbewertung und -minderung sowie zur Ursachenermittlung tätig ist. ¿ Die unternehmerische Verantwortung einschließlich der Schadensersatzforderungen der Betroffenen liegt bei der LMBV, einem Unternehmen, das im öffentlichen Auftrag (Bundesfinanzministerium) die Sanierung der Bergbaufolgelandschaft in Ostdeutschland betreibt.“

„Zur Ursachenermittlung“, so Lampe weiter, „wird das LAGB einen eigenen, unabhängigen Gutachter einschalten (neben Gutachtern im Auftrag der LMBV und Staatsanwaltschaft). Die LMBV wird auch beauftragt, sämtliche Sanierungsvorhaben in Sachsen-Anhalt auf ähnlich gestaltete Formationen zu überprüfen. Das LAGB wird darüber hinaus für alle Altbergbauflächen ähnliche Prüfvorgänge einleiten. Mehr kann ich aus unserer Sicht dazu nicht sagen.“

Die LMBV bezeichnet sich bei ihren Werbeauftritten als „die Seenmacher“. Und ihr Pressesprecher Uwe Steinhuber freute sich anlässlich der Halbjahresbilanz der Flutungszentrale: „Heute (9. 7. 2009) konnte von der LMBV bereits der einhundertmillionste Kubikmeter in der Lausitz in diesem Jahr zum Fluten nutzbar gemacht werden.“

Die Gemeinde Nachterstedt meldete am 20. Juli: „Im Ergebnis der Pressekonferenz wurde festgestellt, dass die Überlebenswahrscheinlichkeit der drei Vermissten gegen Null tendiert. Ein Betreten oder Erkunden des Abrutschgeländes ist nicht möglich. Deshalb wird die Suche nach Überlebenden eingestellt.“ ECKART PASCHE

Von Eckart Pasche
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