Kohle 21.05.1999, 17:21 Uhr

Deutsche Braunkohleindustrie hat nur noch ein Imageproblem

Die deutsche Braunkohleindustrie steckt für das nächste Jahrhundert ihre strategischen Ziele ab. Um die Wettbewerbsfähigkeit bangt die Branche dabei nicht. Allerdings ringt sie um eine größere Akzeptanz für den Primärenergieträger.

Der Verbandstag des Deutschen Braunkohlen-Industrie-Vereins (Debriv) war nicht zufällig für die südöstliche Brandenburger Stadt Cottbus gewählt. Die ehemalige DDR-Bezirksstadt ist symbolträchtig. Sie steht trotz hoher Arbeitslosigkeit heute für den Aufschwung einer einst vernachlässigten Region. Die Stadt im Lausitzer Revier, nahe der polnischen Grenze, mausert sich. Einer Metamorphose gleicht aber auch die Wandlung des Umlandes. Aus den einstigen Kraterlandschaften eines ungezügelten Raubbaus wird in zügigen Schritten eine nach internationalen Maßstäben vorbildliche Rekultivierung.
Dennoch, die Braunkohle ist weiterhin ein wichtiger Wirtschafts- und Existenzfaktor für die ostdeutsche Region. Aus sechs Tagebauen rollen die Kohlezüge, zumeist in die benachbarten neuen bzw. modernisierten Großkraftwerke der Veag. Ohne sie hätte Ostdeutschland keine dauerhaft stabile Stromversorgung, wie Debriv-Vorstandsvorsitzender Dr. Dieter Henning feststellte. Ohne die Braunkohlewirtschaft hätte allein Brandenburg aber auch mindestens 50 000 Arbeitsplätze weniger. Die heimische Braunkohle ist bei weitem keine Auslaufenergie, meinten die Tagungsteilnehmer und gaben die Prämissen für die künftige Entwicklung vor. „Die Zukunft der Braunkohle liegt vor allem in der Stromerzeugung“, stellte der Debriv-Chef klar.
„Braunkohle ist der wichtigste heimische Energieträger“, sagte Henning. Immerhin wurden 1998 insgesamt 166 Mio. t Braunkohle gefördert. Das sind etwa 40 % der gesamten inländischen Energiegewinnung. Größter Nutzer der Braunkohle ist mit 84 % die Verstromung. Der Rest verteilt sich auf die Fernwärmeerzeugung sowie Herstellung von Koks (0,06 %), Briketts (1,14 %), Staub (1,39 %) und Wirbelschichtkohle (0,12 %) als Veredlungsprodukte. Ein Viertel der deutschen Stromerzeugung basiert auf Braunkohle (Steinkohle: 27 %, Erdgas: 9 %, Kernenergie: 30 %, Mineralöl: 1 %, Sonstige: 8 %). Einer Prognose der Basler Prognos AG zufolge werden Braunkohle und Erdgas im Jahre 2020 die wichtigsten Primärenergien sein.
So ist es kein Zufall, daß die Braunkohleindustrie auf Verstromung als Strategiefaktor setzt. Langfristig, so die Überlegung, könnte Deutschland etwa 20 000 MW an Braunkohlekraftwerke betreiben. Derzeit beträgt die Bruttoleistung 20 596 MW. Den Planungen zufolge werden im Jahr 2002 rund 22 000 MW installierte Kraftwerksleistung bestehen. Voran mit den Braunkohlekraftwerksbauten geht der ostdeutsche Stromkonzern Veag mit dem 20 Mrd. DM umfassenden Investitionsprogramm: Bis dato hat die Veag 4000 MW Kraftwerksleistung bereits modernisiert. Von dem insgesamt rund 6000 MW umfassenden Neubauprogramm sind bisher 2600 MW fertiggestellt. Demnächst startet der erste Block (933 MW) in Lippendorf mit dem Probebetrieb. Der zweite Block ebenfalls mit 933 MW soll nächstes Jahr anlaufen. Das Kraftwerk wird dann das modernste Braunkohlekraftwerk der Welt sein.
Im rheinischen Revier laufen ähnliche Modernisierungen. Begonnen hat mittlerweile der Bau des modernsten projektierten Braunkohlekraftwerks der Welt – einem sogenannten BoA-Kraftwerk – mit 1012 MW Leistung der RWE Energie AG in Niederaußem (Fertigstellung 2002). Die erheblichen Investitionen in den Braunkohlekraftwerkspark (1998: rund 800 Mio. DM) bringen einen Rationalisierungsschub und deutlich höhere Wirkungsgrade.
Doch wie steht es mit der Wettbewerbsfähigkeit der Braunkohle und ihrer Kraftwerke? 1 t Steinkohle kostete im Jahresmittel 1998 etwa 73 DM. Günstig im Preis sind derzeit auch Heizöl und Erdgas. „Diese Randbedingungen haben die Konkurrenzsituation auf dem Energiemarkt drastisch verschärft“, räumt Henning ein. Dennoch wird sich die Braunkohle behaupten, meint er. Ähnlich wie in den Braunkohlekraftwerken wird künftig auch der Braunkohlebergbau kräftig in die Rationalisierung investieren. „Die Braunkohle wird maßgeblich mit mittelbarer Wirkung dazu beitragen, daß das Strompreisniveau wettbewerbsfähig bleibt“, stellt der Bundesverband Braunkohle auf der Braunkohletagung fest. Die Kraftwerksbetreiber dürfen insofern wohl auf einen deutlichen Preissturz der Braunkohle hoffen, obwohl (oder weil), wie Henning meint, das Energiepreisniveau jetzt historisch niedrig ist. „Die Braunkohle ist heute wettbewerbsfähig und subventionsfrei“, hebt er hervor. Andererseits hält der Verein die Erwartungen, die auf dem Erdgaseinsatz in der Verstromung beruhen, für überzogen.
Doch die Braunkohleindustrie wirft als Wettbewerbsvorteil auch die heimische Verfügbarkeit der Braunkohle ins Kalkül. „Unsere Forderung bleibt die nach einem vernünftigen Energiemix, der ökonomische wie ökologische Risiken minimiert“, so Henning. Deutschland als rohstoffarmes Land müsse umsomehr die heimische Braunkohle nutzen.
Neuesten Untersuchungen von Prognos zufolge soll zwar der Strombedarf bis 2020 um etwa ein Drittel ansteigen, doch die jährliche Braunkohleförderung wird aufgrund der hohen Kraftwerkswirkungsgrade voraussichtlich kaum über 165 Mio. t liegen. Insofern besteht aus der Sicht der Braunkohlekraftwerksbetreiber keine Gefahr einer Kohleverknappung und eines Preisanstiegs. Die Industrie kann über viele Jahre planen.
Doch ganz ohne Sorgen ist auch die Braunkohlewirtschaft nicht. Vor allem hadert sie mit der geringen Akzeptanz der Braunkohle in der Bevölkerung. Der Braunkohleindustrie haftet teilweise noch der bittere Beigeschmack eines Umweltverschmutzers und Klimakillers an. Das Image könnte bei weitem besser sein. Dabei habe man in den Umweltschutz nicht nur Milliarden investiert, sondern auch bedeutsame Ergebnisse erzielt. Seit 1990 sollen sich z. B. die Kohlendioxidemissionen um rund 51 % reduziert haben. In den neuen Bundesländern sollen sie noch einmal bis 2005 um etwa 24 % gesenkt werden. Im Rheinland sollen die CO2-Belastungen bis 2030 ähnlich zurückgehen.
Strategisches Ziel sei es, die Energieeffizienz der Braunkohleanlagen weiter deutlich zu erhöhen. Benötigte man vor dem 1. Weltkrieg über 6 kg Braunkohle je erzeugter kWh, so sank der spezifische Verbrauch in den ersten Jahren nach dem 2. Weltkrieg auf etwa 1,6 kg. Neueste Kraftwerke mit Wirkungsgraden von 40 % bis 45 % liegen dagegen bei unter 1 kg/kWh. Das momentan modernste Konzept ist das Braunkohlekraftwerk mit optimierter Anlagentechnik (BoA). Bei einer Bruttoleistung von 1012 MW liegt der rechnerische Wirkungsgrad bei 45,2 %. Ein solches Kraftwerk entsteht derzeit in Niederaußem.
UWE BÄSE
Bei der heimischen Braunkohle ist keine Verknappung zu erwarten. 43 Mrd. t Kohle (hier das Feld Garzweiler I) sind wirtschaftlich nutzbar, die Förderung liegt langfristig bei 165 Mio. t im Jahr.
Riesige Schaufelradbagger, wie hier im Hambacher Forst, beliefern die Kraftwerke in den rheinischen Revieren mit Braunkohle. Immerhin 84 % der deutschen Förderung wird für die Stromerzeugung genutzt.

Von Uwe Bäse
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