Öl 16.09.2005, 18:40 Uhr

Der „Petro-Loonie“ spaltet Kanadas Wirtschaft  

VDI nachrichten, Toronto, 16. 9. 05 – Der hohe Ölpreis spaltet Kanada in Reich und Arm. Während in der petrochemischen Industrie der Provinz Alberta die Gewinne sprudeln, gerät die exportierende Wirtschaft in den übrigen Provinzen in Existenznot. Die Industrie des Landes setzt 85 % ihrer Exporte in den USA ab. Doch der Ölpreis hat auch den kanadischen Dollar auf schwindelnde Höhen getrieben.

Kann eine Währung zu beliebt werden? Im Falle des Kanada-Dollars lautet die Antwort ja. Der Kan-$ – wegen des Loon-Vogels auf der Dollarmünze „Loonie“ genannt – wird von der Rally der Ölpreise auf immer neue Höhen getrieben. Kanada ist dank seiner reichen Ölsandvorräte im Westen des Landes bereits zum wichtigsten Lieferanten der USA vor Saudi-Arabien und Mexiko aufgestiegen. Kanadas Energie-Konzerne müssen so viele US-Dollars aus den Exporterlösen in die heimische Währung umtauschen, dass der Loonie im August den größten Monatszuwachs seit langem verbuchte und nun das 13-Jahres-Hoch vom November fast wieder erreicht hat. Das hat ihm in der Finanzwelt den Spitznamen „Petro-Loonie“ eingetragen.

Die Ankündigung des Beraters Claude Drzymala in Kanadas Industrie-Ministerium, das Land wolle seine Ölsandproduktion bis 2030 auf 6 Mio. Barrel pro Tag versechsfachen, hat die Spekulationen um den Petro-Loonie weiter angefacht. Doch aus kanadischer Sicht hat die Währung so schwindelnde Höhen erreicht, dass die Jubelchöre in Albertas Ölsandgebieten – die so groß sind wie Belgien – von den Klageliedern der Industrie immer mehr übertönt werden. Rund 30 % hat der Loonie in den vergangenen zwei Jahren gegenüber dem US-Dollar zugelegt. Ein existenzielles Problem für immer mehr Firmen in Kanada. Denn die Industrie des Landes setzt 85 % ihrer Exporte in den USA ab.

In der Industriehochburg Ontario zwingt der Mix aus steigenden Energiepreisen und starker Währung serienweise energie-intensive Hersteller von Chemieprodukten, Papier, Metall und Möbeln zu drastischen Sparmaßnahmen oder treibt sie in den Bankrott. Der Petro-Loonie nagt in Ontario an der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Tausender Firmen, die es im Exportmarkt USA ohnehin zunehmend mit chinesischer Billigkonkurrenz zu tun bekommen. „Jeder ist sehr besorgt über diese Entwicklung“, sagt Jayson Myers, Chefökonom beim Verband Canadian Manufacturer“s and Exports.

Der Ölboom in Alberta hat auch eine politische Dimension. Zwischen Alberta und den Nachbarprovinzen ist ein offener Streit über die Verwendung des Überschusses von 4,2 Mrd. € entbrannt. So viel Geld soll in Albertas Provinzhaushalt am Ende des Finanzjahres übrig bleiben – dem Ölboom sei Dank. Jeder Dollar Preisanstieg pro Barrel Öl spült der Provinz 59 Mio. € Steuern zusätzlich in die Kassen. Albertas Premier Ralph Klein warnte vorsorglich die Bundesregierung in Ottawa: „Hände weg von unserem Budget“. Der Loonie hat es also nicht nur zur Petro-Währung gebracht, er entpuppt sich gar als politisches Spaltmaterial.

Der Gegensatz zwischen West und Ost in Kanadas Wirtschaft könnte kaum größer sein. In Alberta ist die Arbeitslosenrate mit 3,5 % auf den tiefsten Stand in 25 Jahren gefallen. Unternehmen verlosen bei Bewerbungsgesprächen iPod-Geräte oder Universitäts-Stipendien, um ihre Stellen wenigstens teilweise besetzen zu können. Doch mit Blick auf Ontario spricht Jayson Myers von einem „perfekten Sturm“ aus steigenden Energiekosten und würgenden Währungseffekten. Während Kanadas Finanzminister Ralph Goodale überzeugt ist, „die Wirtschaft kommt gut mit der starken Währung zurecht“, mehren sich die Sturmwarnungen unabhängiger Volkswirte.

Der Top-Ökonom Carl Weinberg von High Frequency Economics in New York wittert ein sehr ernstes Problem: „Wenn alle Exporterlöse aus den Ölverkäufen in den Loonie umgetauscht werden, wird der so stark, dass keine Industrie überlebt.“ Weinberg fordert eine Solidaritätssteuer aus den Ölgewinnen Albertas für bedrohte Exportfirmen im Osten Kanadas. Die Handelskammer von Ontario sagt in einem Gutachten vorher, die Provinz könne „bis 2010 eine Habenichts-Provinz werden“, die nichts mehr in den Finanzausgleich einzahlt.

Selbst Kanadas Energiekonzernen, die Rekordgewinne ausweisen, wird der Höhenflug des Loonie langsam mulmig. Der Vorstandschef von Nordamerikas größtem Naturgas-Produzenten EnCana in Calgary bezeichnet den Ölpreisanstieg als „exzessiv“ und warnt, die Preisrallye sei eine „schlechte Nachricht für alle“.

Noch profitiert das Land überwiegend vom Ölboom. Kanada verbuchte im zweiten Quartal ein überraschend hohes BIP-Wachstum von 3,2 %. Das überraschte selbst die Notenbank, deren Prognose deutlich übertroffen wurde. Doch während der Handelsüberschuss des Landes wegen des hohen Energieanteils in den Exporten im August um 20 % auf 4,4 Mrd. € zulegte, mehren sich die Befürchtungen vor einer wirtschaftlichen Spaltung Kanadas.

„Die wahre Geschichte in den nächsten Jahren wird die enorme wirtschaftliche Disparität sein, die die hohen Energiepreise erzeugen“, warnt der Chefvolkswirt des Brokerhauses CIBC World Markets in Toronto, Jeffrey Rubin. Seine düstere Vorahnung: Albertas Politiker werden angesichts satter Haushaltsüberschüsse dem Drängen nach niedrigeren Steuern nachgeben. Das Steuerparadies Alberta wird anderen Provinzen, vor allem Ontario, so viel Industrie wegnehmen wie Texas dem siechenden Kalifornien nach Ausbruch der IT-Krise. Davon hat sich die Heimat des Silicon Valley bis heute nicht erholt. MARKUS GÄRTNER

Von Markus Gärtner
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