Öl 02.04.1999, 17:21 Uhr

Der Monarch, die Mätresse und der Erdöl-Konzern in der Affären-Republik

Liebe hin, Geld her – kein Groschenroman könnte eine bessere Story erfinden, als sie derzeit in Frankreich aufgedeckt wird. Eine Ex-Geliebte packt aus.

Die schöne Frau mit den dunklen Haaren will „niemanden mehr verschonen.“ Christine Deviers-Joncourt, die bei dieser öffentlichen Drohung von ihren beiden neuen Anwälten flankiert wurde, ist entschlossen, in die Offensive zu gehen. Zu lange, so ihre Meinung, hat sie sich herumschubsen lassen und für andere gebüßt, zum Beispiel durch eine monatelange Untersuchungshaft. Das ist vorbei. Die Ex-Lobbyistin des Ölkonzerns Elf will auspacken.
Christine Deviers-Joncourt, die sich in einem Buch selbst als „Hure der Republik“ bezeichnete, analog zum offiziösen Titel „Mätresse des Königs“ in alten Zeiten, ist brandgefährlich. Wenn sich ihre Anschuldigungen bewahrheiten, dann hat der Ölkonzern Elf jahrelang Politiker geschmiert, linke wie rechte. Als Beweis nannte Deviers-Joncourt den Ermittlern ein schweizer Konto. Dort fanden sich prompt 6,7 Mio. DM, die Hälfte von 13,5 Mio. DM, die ihr Elf als Belohnung gegeben haben soll.
Wird die Emanzipation der zweifachen Mutter die politische Klasse Frankreichs zu Fall bringen? Steht das Land vor einem Umbruch wie Italien, als Ermittlungsrichter das Korruptions-System aufdeckten und die Wähler großer Parteien hinwegfegten? Der Pariser Historiker Stéphane Courtois ist sicher: „Wir erleben jetzt das Gegenstück zu Mani Pulite, der „Aktion saubere Hände“, in Italien.“
Millionen-Summen sollen Parteipolitiker für allerlei Gefälligkeiten eingestrichen haben. Erstes Opfer der neuen Enthüllungen von Deviers-Joncourt war ihr früherer Geliebter Roland Dumas. Der Sozialist mußte sich nach lauten Rücktrittsforderungen aus allen Parteien von seinem Posten als Präsident des Verfassungsgerichts beurlauben, bis die Vorwürfe geklärt sind: Er soll via Kurtisane Geld und gute Gaben von Elf angenommen haben, damit er in seinem früheren Amt als Außenminister Frankreichs den Widerstand gegen den Export von Fregatten nach Taiwan aufgab eine kleine Hilfestellung von Elf für den befreundeten Rüstungskonzern Thomson CSF.
Gesteuert wurde Deviers-Joncourt vom flüchtigen Elf-Manager Alfred Sirven, den Ermittlungsrichter in Südafrika vermuten. Dumas bestreitet die Vorwürfe vehement. Aber da ist zum Beispiel ein Paar Luxusschuhe der Firma Berluti, das Deviers-Joncourt ihm mit einer Firmen-Kreditkarte von Elf bezahlte und das 3300 DM kostete. Da ist eine 320-m²-Wohnung, die sie mit dem Geld von Elf kaufte, die aber ihrer Aussage nach für politische Abendessen des Außenministers Dumas bestimmt war. Und da sind 3 Mio. DM, die von 1991 bis 1996 auf ungeklärte Weise auf seinen Konten landeten.
Dumas darf auf richterliche Anordnung nicht mehr überall hinreisen: die Steuerparadiese Schweiz, Liechtenstein, Luxemburg, Andorra, Monaco und Antigua sind verboten. Bei der Liaison von Roland und Christine ging die Vermischung von Beruf und Privatleben so weit, daß er sie eines Tages fragte: „Sind Sie hier wegen mir oder wegen Elf?“ Das klärt nun ein Gericht.
Schon jammert der Parteichef der Gaullisten, Philippe Séguin: „Noch nie war das Ansehen der Politiker bei der Bevölkerung so niedrig.“ Dazu beigetragen haben auch andere Mauscheleien und Merkwürdigkeiten. 1997 zum Beispiel stellte ausgerechnet das Verfassungsgericht unter Dumas dem Pariser Bürgermeister Jean Tiberi einen zweitklassigen Persilschein aus: In seinem Wahlkreis für das Parlament hatten zahlreiche Bürger abgestimmt, die es gar nicht gab.
Aber es waren nicht genügend fiktive Stimmen, um das Ergebnis zu kippen, also bleibt sein Mandat gültig. War das seltsame Urteil eine Gefälligkeit für die Gaullisten, weil Präsident Chirac sich damals weigerte, Dumas abzuberufen, der bereits unter Druck stand? Eine Karikatur zeigte Chirac und Dumas, die sich gegenseitig bedanken.
Fiktive Beschäftigungsverhältnisse scheinen im Pariser Rathaus üblich gewesen zu sein. 300 Leute wurden von der Stadt bezahlt, arbeiteten aber für die Gaullistenpartei RPR, so ein ehemaliger Mitarbeiter. Dies geschah, als der spätere Premier Alain Juppé wichtigster Mitarbeiter im Rathaus und in der RPR war. Gegen ihn wird ermittelt.
Der jetzige Präsident Chirac war damals der Bürgermeister. Er ist jedoch fein raus, denn er genießt während seiner Amtszeit als Präsident strafrechtliche Immunität – so urteilte kürzlich das Verfassungsgericht, natürlich noch unter Roland Dumas.
Schon im Ancien Régime vor der französischen Revolution galt: „Der König kann gar kein Unrecht begehen“, erinnert Blandine Kriegel, Professorin für Politische Philosophie an der Universität Nanterre. „Frankreich hat seinen Staat und seine Justiz viel zu wenig modernisiert.“ Jacques Pateau, Professor für Interkulturelles Management in Compiègne, ergänzt: „In Versailles lebte einst eine elegante Hofgesellschaft, die dem König zu gefallen suchte und ihn imitierte. Das ist bis heute zu spüren.“
Dumas“ Abgang zeigt: Mätressen können Monarchen stürzen.
HARALD SCHULZ
Düstere Aussichten: Kaum ein Franzose glaubt an die Unschuld des beurlaubten Verfassungs- gerichtspräsidenten Roland Dumas, den die Mätresse angeblich mit Millionen von Elf beschenkte.
Blick zurück im Frust: La putain de la République – Hure der Nation nennt sich Christine Deviers-Joncourt selbstironisch. So heißt auch ein Buch über die Affäre der Lobbyistin des Ölkonzerns Elf mit Roland Dumas. Jetzt will sie „keinen mehr verschonen“. Für Dumas` Politik-Freunde wird es eng.

Von Harald Schulz
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