Öl 28.04.2006, 19:21 Uhr

„Der Iran hat keine Ölwaffe“  

VDI nachrichten, Los Angeles, 28. 4. 06, ps – Steht die Weltwirtschaft auf der Kippe? Droht ein Kursrutsch an den größten Börsenplätzen? Der stetig steigende Ölpreis und der Konflikt um die iranische Atompolitik sorgen für ein Klima der Unsicherheit. Im Interview mit den VDI nachrichten gibt sich der amerikanische Ökonom Gary Becker dennoch optimistisch. Die Kriegsgefahr schätzt der Wirtschafts-Nobelpreisträger gering ein.

Becker: Das ist ganz klar eine Belastung geworden, weil wir knapp zwei Drittel unseres Ölkonsums importieren. Aber Öl bestimmt nicht mehr so sehr die Wirtschaft der USA und Europas wie in den 70er Jahren, als der Preis nach oben schoss. Inflationsbereinigt hat der Ölpreis noch nicht wieder die damalige Höhe erreicht. Also, es gibt eine Belastung, aber keine, die die Wirtschaft in die Knie zwingen kann. Die Weltwirtschaft ist ziemlich robust.

VDI nachrichten: Die Finanzmärkte sind besorgt über den Konflikt mit dem Iran wegen dessen Atomprogramm. Irans Präsident Ahmadineschad sagt, er wolle sich dem Druck aus dem Ausland nicht beugen. US-Präsident Bush will einen Militäreinsatz gegen den Iran nicht ausschließen. Wie real ist die Gefahr einer Eskalation?

Becker: Ich weiß natürlich nicht, was das Weiße Haus im Schilde führt. Aber ich wäre überrascht, falls die USA wirklich militärisch gegen den Iran vorgehen würden. Daher sind die Finanzmärkte bislang auch nicht über Gebühr nervös. Sie müssen berücksichtigen, dass der Preisanstieg beim Öl nicht nur vom Iran verursacht wird.

Die Preisrallye hat auch damit zu tun, dass die Produktion in einigen afrikanischen Ländern deutlich gesunken ist, dass die Förderung im Irak sich nicht so stark erholt hat wie ursprünglich erwartet. Auch in Venezuela gibt es Probleme. Und die Weltwirtschaft läuft wirklich gut. Ein guter Teil des Preisanstiegs beim Öl in den vergangenen Jahren wurde von der Nachfrage getrieben.

VDI nachrichten: Wie stark ist der Iran-Faktor unter den Preistreibern, die sie gerade beschrieben haben? Kann man das beziffern?

Becker: Ich weiß es nicht. Aber mein Bauch sagt mir, der Iran ist nur ein kleiner Faktor in der Preisrallye beim Öl, der ist sogar vernachlässigbar. In den vergangenen Wochen hat der Iran sicher mehr beigetragen zum Preisauftrieb, aber der Iran ist immer noch kein bestimmender Faktor an den Energiemärkten.

VDI nachrichten: Iranische Diplomaten sagen, das Land wolle Öl nicht als Waffe einsetzen. Aber das könnte sich ja ändern, wenn sich der Konflikt zuspitzt, und die Amerikaner militärisch intervenieren …

Becker: Aber was sollen die Iraner denn sagen? Wir verkaufen nicht mehr direkt an die USA? Das machen sie doch inzwischen sowieso. Sollen sie damit drohen, die Produktion zu drosseln? Nein. Der Iran braucht die Einnahmen viel zu sehr. Die Öleinnahmen sind ein extrem wichtiges Standbein für die iranische Wirtschaft. Sie machen etwa 50 % der Wirtschaftsleistung aus. Der Iran hat keine Ölwaffe.

VDI nachrichten: Aber der Iran könnte die Straße von Hormuz blockieren …

Becker: Damit würde er aber die Ölexporte anderer Produzenten-Länder blockieren. Das würde nicht nur die USA auf den Plan rufen. Dann würden sich auch die EU und einige andere Länder einschalten. Ich sehe das nicht.

VDI nachrichten: Ab welchem Niveau würde der Ölpreis der Weltwirtschaft spürbar schaden?

Becker: Ich korrigiere diese Schätzung ständig nach oben, ich weiß es nicht. Bei 150 $ je Barrel würde es sicher sehr, sehr weh tun. Ich denke bis 80 $ oder 90 $ könnte die Weltwirtschaft den Preisanstieg ohne große Schmerzen verkraften.

VDI nachrichten: Der iranische Präsident sagt, der Ölpreis spiegele noch nicht den wahren Wert des schwarzen Goldes wider. Teilen Sie diese Meinung?

Becker: Nein. Der wahre Wert wird immer noch vom Markt bestimmt. Die Produzenten hätten sicher gerne noch höhere Preise. Der iranische Präsident ist sicher nicht der brillanteste Volkswirt auf diesem Globus. Wenn der Ölpreis noch höher steigt, auf 90 $ bis 100 $, dann werden alternative Quellen viel attraktiver, etwa die Ölsande in Kanada und den USA.

Wir haben an der Universität von Chicago eine Berechnung angestellt: Bei 100 $ käme beträchtlich mehr Öl aus bislang nicht erschlossenen Quellen in Nordamerika. Das würde einige Zeit dauern, aber es würde funktionieren. Die Nachfrage nach Öl aus dem Nahen Osten würde deutlich zurückgehen.

VDI nachrichten: Kaum etwas kann bislang die Konsumfreude der Amerikaner stoppen, weder die US-Notenbank mit 15 Zinsanhebungen in Folge, noch die Verdreifachung der Energiepreise seit den 90er-Jahren. Kann ein weiterer Ölpreisanstieg in naher Zukunft den US-Konsum und damit den wichtigsten Treibriemen der Weltwirtschaft ins Stottern bringen?

Becker: Die Zinsen kommen von einem extrem niedrigen Niveau. Also ist es nicht überraschend, dass die Amerikaner wenig sparen. Die Zinsen haben noch nicht das Niveau erreicht, ab dem sie den Konsum entmutigen. Ich sehe auch nicht, dass sie dieses Niveau erreichen.

VDI nachrichten: An der Wall Street scheint man die Wolken am Konjunkturhorizont überhaupt nicht zur Kenntnis zu nehmen: die hohe öffentliche und private Verschuldung in den USA, das massive Loch in der Leistungsbilanz, die hohen Defizite im Außenhandel …

Becker: Die USA haben ja seit 25 Jahren mit wenigen Ausnahmen Defizite im Außenhandel. Und die Wirtschaft hat in dieser Zeit überwiegend ziemlich gut abgeschnitten. Die Wall Street schaut auf die Produktivität. Und die ist in den USA stark gestiegen. Solange das anhält, behält auch der Rest der Welt ein Interesse daran, amerikanische Aktien und Anleihen zu kaufen.

VDI nachrichten: Wie werden sich die US-Wirtschaft und die Wall Street bis Ende 2006 entwickeln? Wagen Sie eine Vorhersage?

Becker: Im Augenblick sieht die Wirtschaft sehr gut aus. Wenn nicht eine große weltweite Krise dazwischen kommt, ist es kaum vorstellbar, dass die US-Wirtschaft in den nächsten acht Monaten abstürzt. Es ist gut möglich, dass das Wachstum langsamer wird. Schauen Sie mal zurück bis 1995. Wir hatten eine kurze Rezession. Und nach der Delle, die die Terroranschläge vom 11. September verursachten, ist es doch prima gelaufen. Ab irgendeinem Punkt lässt das Tempo nach. Aber ich weiß nicht, ob das 2006 oder 2007 schon passiert.

VDI nachrichten: Wie sind die Aussichten für Europa und Deutschland?

Becker: Ich denke, Deutschland könnte einen besseren Job machen. In Deutschland ist man zu pessimistisch. Mein Schwager, der in Berlin lebt, bestätigt mir das immer. Deutschland muss die Reformen fortsetzen, die Gerhard Schröder begonnen hat. Die müssen vertieft werden. Ich verstehe, dass das schwierig ist, weil eine Koalition regiert.

Das Land lebt stark von seinen Exporten. Und die gehen zurück. Das Land braucht mehr Flexibilität, um von der hohen Arbeitslosenrate runterzukommen. Die USA haben die Arbeitslosenquote unter 5 % gedrückt, Großbritannien ist etwa bei 5 %. Warum kann Deutschland das nicht? MARKUS GÄRTNER

Gary Becker

lehrt Volkswirtschaft und Soziologie an der Universität von Chicago. Der Wirtschafts-Nobelpreisträger von 1992 hat sich u.a. mit dem Arbeitsmarkt, den Kosten des Drogenkonsums und den wirtschaftlichen Folgen der Kriminalität beschäftigt. Mit mathematischer Akribie analysierte er die Familie als eine Firma: Geburtenraten, Familiengröße, Scheidungen und deren Einfluss auf die Wirtschaft.

Beckers Beitrag zur Wirtschaftswissenschaft besteht vor allem darin, dass er die ökonomische Bedeutung sozialen Handelns zu einem wichtigen Forschungsgebiet gemacht hat. Der heute 75-Jährige scheute sich nie, seine Erkenntnisse einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen. Jahrelang schrieb er eine Kolumne für das US-Magazin „Business Week“. Jeden Sonntag äußert er sich zu aktuellen Wirtschaftsthemen in einem Weblog, das er gemeinsam mit dem US-Juristen Richard Posner betreibt. mga/ps

 

Von Mga/Peter Schwarz
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