Kraftstoff 01.02.2002, 17:32 Uhr

„Der Benzinpreis ist der Brotpreis der Nation“

„Der Wettbewerb im Kraftstoffmarkt wird mit ungleichen Waffen ausgetragen“, so Axel Graf Bülow, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Freier Tankstellen. In seinem folgenden Beitrag beschreibt er seine Sicht der zukünftigen Entwicklung.

Dass der Benzinpreis offenbar der Brotpreis der Nation geworden ist, erkennt jeder Bürger, wenn er das eigene Verhalten bei Benzinpreisanhebungen oder Mineralölsteuererhöhungen analysiert. Die Pressekommentare fallen entsprechend aus, und die Politik findet sich zumeist im parteiübergreifenden Einklang, wenn es darum geht, Benzinpreiserhöhungen der Mineralölbranche zu geißeln.

Es scheint deshalb geboten, den Benzinmarkt, insbesondere den Tankstellenmarkt und die ihn bestimmenden Faktoren ein wenig unter die Lupe zu nehmen.

Beginnen wir mit der Zusammensetzung des Benzinpreises. Nehmen wir einen zurzeit durchaus realistischen Tankstellenabgabepreis von 95,9 Cent. Der Bundesfinanzminister erhält hiervon an Steuern 75,7 Cent. Es bleibt ein Warenwert von 20,2 Cent.

Diese 20,2 Cent müssen die Kosten für Rohölförderung, Transport, Raffination, Logistik zur Tankstelle, Vertriebskosten für die Tankstelle und letztendlich auch den angestrebten Unternehmensgewinn auf allen Handels- und Produktionsstufen decken.

Betrachtet man die Entwicklung des reinen Warenwertes für das Produkt Kraftstoffe, so lässt sich unschwer feststellen, dass sich dieser Warenwert einerseits seit den sechziger Jahren nominal nur sehr wenig geändert hat und wenn, dann im Zuge der Schwankungen der Rohölpreise.

Zugegeben, der Verbraucher zahlt heute knapp das Dreifache für einen Liter Kraftstoff als Anfang der 70er Jahre. Aber diese Preiserhöhungen gehen nahezu ausschließlich auf das Konto von Steuererhöhungen. Den jüngsten Schluck aus der Mineralölsteuerpulle hat sich unser Finanzminister erst zu Anfang dieses Jahres genehmigt. Humoristen könnten zu der Auffassung gelangen, dass Mineralölsteuererhöhungen besonders leicht zu rechnen sind und deshalb ein bevorzugtes Instrument zum Stopfen von Haushaltslöchern ist, denn 1 Cent Mineralölsteuererhöhung bringt ½ Mrd. « ins Staatssäckel. Das schafft Luft und kann sogar noch mit dem Ökostempel versehen werden. Das ganze funktioniert natürlich nur, wenn wir Bürger trotz der inzwischen schon unanständigen Mineralölsteuern genauso viel fahren wie vorher und wenn der technische Fortschritt beim Motorenbau keine weiteren Verbrauchseinsparungen mehr hervorbringt.

Beides ist nicht zu erwarten, weshalb die Rechnung schon kurzfristig nicht aufgehen wird. Denn erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik, abgesehen von kurzen Zeitspannen während der Ölkrisen in den 70er und 80er Jahren, war im Jahr 2001 der Kraftstoffverbrauch rückläufig. Während in den vergangenen Jahren der Minderkonsum bei Ottokraftstoffen durch einen Mehrverbrauch von Diesel überkompensiert wurde, stagniert nunmehr auch der Dieselabsatz.

Prima, könnte der Ökologe sagen. Dann greift ja die ökologische Steuerreform. Nur zu welchem Preis? Die Absatzrückgänge sind doch nicht nur auf die steuerpolitischen Lenkungsmaßnahmen zurückzuführen. Sie sind auch und vor allem ein Zeichen schlechter Konjunktur, ausgelöst wiederum auch von der Energieverteuerung. In unserer arbeitsteiligen Gesellschaft mit hohem Transportaufkommen und ebenso hoher Mobilität der Menschen wird hier ein fundamentaler Fehler gemacht. Soviel zum Benzinpreis und seine Zusammensetzung.

Ein schrumpfender Markt ist für die Mitspieler immer ein gefährliches Pflaster. Es finden Verteilungskämpfe statt, an deren Ende schwächere Teilnehmer ausscheiden. Dies trifft natürlich auch auf den deutschen Tankstellenmarkt in vollem Umfang zu. Deutliche Signale für diesen Verteilungskampf sind die derzeit zu beobachtenden Großfusionen und der seit nunmehr rund zwei Jahren tobende Benzinpreiskampf.

Mit Kraftstoffpreisen zum Teil unterhalb des Einstandspreises als Folge der Einführung von Bonusprogrammen durch einen Mineralölkonzern begann im Frühjahr 2000 ein Kampf um Marktanteile insbesondere zwischen den großen in Deutschland tätigen Mineralölgesellschaften. Während gleichzeitig die Gewinne in der Rohölförderung und bei der Raffination in schier unanständige Höhen stiegen, stellten die gleichen Gesellschaften an den Tankstellen Preise ein, die weder Kosten deckend, geschweige denn gewinnbringend waren. Freie Tankstellen konnten an den Markentankstellen zum Teil billiger einkaufen als bei den Raffinerien derselben Gesellschaften.

Der Betreiber einer freien Tankstelle, der seine Gewinne weder am Bohrloch noch bei der Raffination des Rohöls erwirtschaftet, musste zusehen, wie mit jedem verkauften Liter über Monate hinweg Geld an den Kunden verschenkt wurde. Auch die viel zitierten Shopumsätze können keinen Ausgleich für das Ausbleiben der Gewinne im Hauptgeschäft Benzin schaffen.

Insgesamt, so schätzt man in der Branche, wurde im Tankstellengeschäft allein im Jahr 2000 ein Verlust von bis zu 1 Mrd. « geschrieben. Während die integrierten Mineralölgesellschaften diese Verluste jedoch mit überzogenen Gewinnen bei der Exploration und der Raffination ausgleichen konnten, stand dieses Portemonnaie den Mitgliedern des Bundesverbands Freier Tankstellen (bft) nicht zur Verfügung. Nach einer kurzfristigen Erholung zu Anfang des Jahres 2001 stellte sich wieder die gleiche Situation ein, so dass auch das Jahr 2001 aus Sicht des Tankstellenmittelstandes nicht erfreulich verlief.

Ich halte das Preisverhalten im Mineralölmarkt zum Teil für ausgesprochen fragwürdig. Seine Fortführung führt zwangsläufig zu einer Schwächung der Angebotsvielfalt am Tankstellenmarkt. Der bft fordert deshalb schon lange eine Novellierung des Kartellrechts, um Dumpingpreise wirksam unterbinden zu können. Die geltenden Vorschriften berücksichtigen lediglich das Recht des Stärkeren.

Was uns erwartet, wenn es keine freien Tankstellen mehr gibt, zeigt ein Blick in Länder wie z.  B. Österreich, Großbritannien, die Niederlande oder Italien. Dort ist der steuerbereinigte Kraftstoffpreis deutlich höher als bei uns. Und das bei niedrigeren Herstellungskosten, weil in diesen Ländern die Umweltstandards für die Raffinerien weniger hoch sind.

Nach zwei Jahren Preiskampf sehen wir inzwischen Signale für eine Verbesserung der Situation in der Branche. Die großen Fusionen wurden vom Bundeskartellamt nur mit Auflagen genehmigt. Diese Auflagen sollen den Wettbewerb stärken. Auch unsere Mitglieder können davon profitieren. Das Bundeskartellamt hat in den Fusionsverfahren sehr gute Arbeit geleistet und dem Wettbewerb in unserer Branche zumindest eine Chance gegeben. Diese Chance muss nun genutzt werden. AXEL GRAF BÜLOW

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