Kraftstoff 01.12.2006, 19:25 Uhr

Biosprit putzt Biomasse-Markt blank  

VDI nachrichten, Berlin, 1. 12. 06, wop – Viele Gründe sprechen für einen zügigen Übergang zu Biokraftstoffen der 2. Generation. Bis sie nennenswerte Marktanteile erlangen, werden aber noch Jahre vergehen. Aktuell liebäugelt die kanadische Iogen Corporation mit der Produktion von Bioethanol aus Stroh in Ostdeutschland.

Jürgen Leohold hat es eilig. „Wir sollten zügig zu Biokraftstoffen der 2. Generation übergehen“, forderte er letzte Woche auf dem Forum „Fuels for Future Generations – die zweite Generation von Biokraftstoffen“. Geladen hatten am 23 November zum „Ambassador“s Round Table 2006″ Kanadas Botschafter S. E. Paul Dubois, die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften und die Deutsch-Kanadische Parlamentariergruppe.

Prof. Dr.-Ing. Leohold leitet die VW-Konzernforschung und rückte gleich mehrere Problemfelder in den Blick, wenn er statt weiterer staatlicher Förderung für Biodiesel – Rapsmethylester – und Bioethanol aus Getreide und Zuckerrüben ein Umschwenken auf Biomass-to-Liquid(BtL)-Kraftstoffe und Bioethanol aus Holz und Stroh fordert.

Die 1. Generation der Biokraftstoffe nutze die landwirtschaftlichen Flächen zu ineffektiv, als dass sie merklich zur Versorgungssicherheit beitragen könne und ihre CO2-Effizienz sei bescheiden. Die Autoindustrie brauche hingegen klimaneutrale Kraftstoffe, um ihre globalen Wachstumsziele trotz Klimawandels realisieren zu können, so Leohold. Und schließlich will VW Verbrennungsmotoren bauen, die die jeweiligen Verbrauchs- und Emissionsvorteile von Otto- und Dieselmotoren vereinen. Eigens designte synthetische (Bio-)Kraftstoffe sollen es möglich machen. „Doch um diese Motorentechnik in den Markt zu bringen“, so der Forschungschef, „müssten diese Kraftstoffe zumindest EU-weit verfügbar sein.“

Obwohl Dr. Peter Paziorek, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeslandwirtschaftsministerium, die Position Leoholds in vieler Hinsicht teilt, doch so schnell wie dieser es gern hätte, wird die Bundesregierung die Mittel nicht auf die 2. Generation umlenken. „Es gibt noch erheblichen Forschungsbedarf, um synthetische Biokraftstoffe zur Marktreife zu bringen“, mahnte er. Darum halte Berlin neben der intensiven Forschungsförderung für die 2. Generation bis 2012 auch an einer Steuerbegünstigung (sukzessive abnehmend) von Biodiesel und herkömmlichem Bioethanol fest, um die EU-Biokraftstoff-Quoten zu erfüllen.

Iogen entwickelte z. B. ein mehrstufiges chemisches, thermisches und enzymatisches Verfahren, mit dem sich Lignozellulose von Stroh und Holz aufbrechen lässt, um aus der darin gebundenen Glucose Ethanol zu gewinnen. Shell ist an der Firma beteiligt, und wohl auch VW dürfte in die erste kommerzielle Großanlage Iogens investieren, beteiligt sich der VW-Konzern doch an einer Machbarkeitsstudie, die klären soll, ob die Anlage in Deutschland gebaut werden kann.

Iogen-Vizepräsident Jeff Passmore ließ durchblicken, dass bislang vieles dafür spricht: „Von der Förderpolitik und den hiesigen Standortbedingungen sind wir sehr angetan. Gerade in Ostdeutschland sei auch genug Biomasse verfügbar.“ Mit Investitionen bis zu 350 Mio. € könnte das geplante Werk jährlich 200 Mio. l Bioethanol produzieren, die benötigten 500 000 t Stroh müssten aus 120 km Umkreis kommen.

„Eines der großen Probleme von Biokraftstoffen der 2. Generation sind die sehr hohen Startinvestitionen“, so Donald O“Connor, Chef der S&T² Consultants Inc. Er hält staatliche Bürgschaften und Beteiligungen für unabdingbar, um die Markteinführung zu beschleunigen. Wenn der Markt Fahrt aufgenommen habe, Biomasse groß nachgefragt wird, würden landwirtschaftliche Subventionen überflüssig.

Staatliche Risikobeteiligungen würde auch Passmore begrüßen. Nachdem Iogen seit 2004 erfolgreich eine Demonstrationsanlage betreibe, drängten die Investoren auf ein „zügiges Upgrade“. Der Manager sagte, dass so eine Großanlage anfangs kaum Höchstleistungen erzielen kann. „Wir brauchen die Produktion unter Realbedingungen, um daraus zu lernen und die Prozesse zu optimieren“, sagte Passmore.

Staatssekretär Paziorek wies den Gedanken an Staatsbürgschaften nicht grundsätzlich zurück und hob hervor: „Wir müssen auch das Interesse der Landwirte im Auge behalten, nicht in Abhängigkeit weniger Biomassegroßabnehmer zu geraten.“ Sie müssten an der Wertschöpfung durch Biokraftstoffe angemessen beteiligt sein.

Um künftig Flächenkonkurrenzen zu begegnen, will die Bundesregierung demnächst einen Biomasse-Aktionsplan vorlegen. Doch der Kampf um die Biomasse hat längst begonnen, berichtete ein Experte aus dem Publikum: Die Papier- und Zellstoffindustrie leide bereits schwer unter der steigenden Nachfrage nach Holz. Letztes Jahr seien die Holzpreise um 30 % gestiegen. Hauptgrund: Es würden inzwischen 14 Mio. t/a Holz verstromt und verheizt. Kämen weitere Großabnehmer wie die geplante BtL-Anlage von Choren Industries im Mecklenburgischen Lubmin dazu, die allein 1 Mio. t/a Holz verarbeiten soll, sei die deutsche Papierindustrie in ihrer Existenz bedroht.

Auch Prof. Lothar Willmitzer, Direktor am Max-Planck-Institut für molekulare Pflanzenphysiologie, sieht Engpässe bei der Biomasse kommen. Zwar sei global genug davon vorhanden, doch in Deutschland sei der Mangel vorprogrammiert. Willmitzer: „Die Erzeugung von Biomasse wird die Landwirtschaft verändern.“ Während Pflanzenzüchtung bisher auf Veredelung und Ertrag der Früchte gezielt habe, gehe es nun um schnelles Wachstum bei geringst möglichem Ressourceneinsatz. Traditionelle Züchtungsmethoden hält er nicht für ausreichend, um die Nachfrage nach Biomasse zu stillen. Willmitzer: „Ich habe keinen Zweifel daran, dass sich die Gentechnologie durchsetzt, um die Biomasseerträge zu optimieren.“ Ob das die nachhaltige, sozial verträgliche Wertschöpfung im ländlichen Raum ist, von der Paziorek sprach, wird sich zeigen. P TRECHOW

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