Rohstoffe 17.08.2007, 19:29 Uhr

Auf Schatzsuche in der Arktis  

VDI nachrichten, Hamburg, 17. 8. 07, ber – Im Nordpolarmeer schmilzt das Eis. Das wirft die Frage auf, wo genau eigentlich die Grenzen verlaufen und wem das Recht zum Rohstoffabbau zufällt. Die Arktis wird dabei aber nicht nur für die Suche nach Öl und Erdgas zum Abenteuer. Auch die Schifffahrt rüstet sich für neue Ziele und Wege im schwindenden Eis.

Ein dumpfes Grollen hallt über das Polareis jenseits von Ellesmere Island, dem nördlichsten Zipfel Kanadas. Die Schockwelle der Dynamitsprengladung in 100 m Wassertiefe dringt weit in den Meeresboden ein. Das Echo von den Gesteinsschichten im Untergrund lässt Sekunden später mehrere Dutzend Seismographen ausschlagen, die kilometerweit über das Eis verteilt sind.

Ein Team von kanadischen und dänischen Forschern will mithilfe der vor Ellesmere ermittelten Daten neue Erkenntnisse über die Beschaffenheit des Seebodens gewinnen. Vor allem der geologische Ursprung des Lomonossow-Rückens, eines rund 1500 km langen Unterwassergebirges, das sich von Nordkanada und Grönland aus am Nordpol vorbei bis nach Sibirien erstreckt, ist dabei von Interesse.

Schon im März 2006 hatten die 30 Forscher mit ihrer Messkampagne begonnen. Doch schlechtes Wetter mit extremen Schneestürmen zwang sie sechs Wochen später dazu, ihr Projekt „Lorita“ für ein Jahr zu unterbrechen.

Lorita steht für „Lomonosov Ridge Test of Appurtenance“ und geht der Frage nach, ob der Lomonossow-Rücken geologisch eine versunkene Fortsetzung, ein Anhängsel (engl.: appurtenance) des amerikanischen Kontinents darstellt. Die ersten Resultate sollen noch in diesem Jahr veröffentlicht werden.

Auf die Ergebnisse des Projekts dürften vor allem Politiker gespannt sein. Weil die Arktis als Folge des Klimawandels langsam auftaut, wachsen in den Anrainerstaaten die Begehrlichkeiten. Klimaforscher schätzen, dass schon in 20 bis 50 Jahren große Teile des Nordpolarmeeres im Sommer völlig eisfrei sein könnten. Aus dem weitgehend unzugänglichen, gefrorenen Niemandsland würde dann eine offen befahrbare Wasserfläche. Das wirft unter anderem die Frage auf: Wo verlaufen hier die Grenzen?

Die UN-Seerechtskonvention gestattet es jedem Land, die ersten 200 Seemeilen vor seiner Küste als Wirtschaftszone für sich zu reklamieren – samt aller Rohstoffe, die dort im Untergrund lagern. Reicht der Kontinentalsockel über diese Distanz hinaus, können die Anrainer auch größere Flächen beanspruchen. Allerdings müssen sie mit Gutachten belegen, dass der Seeboden dort mit dem eigenen Land tatsächlich eine Einheit bildet.

„Wir wollen bei Lorita genügend geologische Argumente sammeln, um eine Verbindung zwischen Kanada und dem Lomonossow-Rücken nachzuweisen“, gestand Projektleiterin Ruth Jackson vom Geological Survey of Canada, dem Geologischen Dienst des Landes. Schließlich geht es um die Frage, wem die Bodenschätze der Arktis gehören.

Bereits 2001 meldete die russische Regierung Ansprüche an. Sie behauptete, der Lomonossow-Rücken sei die natürliche Fortsetzung Sibiriens ins Polarmeer, und reklamierte Hoheitsansprüche auf fast die Hälfte des Arktisgebietes inklusive des Nordpols. Die anderen Polarstaaten USA, Kanada, Dänemark und Norwegen legten dagegen Protest ein. Seither fechten die Länder mit wissenschaftlichen Argumenten für ihre Sache.

Auch Russland arbeitet an genauen Karten des Seebodens am Nordpol und sendet dafür regelmäßig Expeditionen ins Eismeer. Auf einer solchen Mission erreichte das russische Forschungsschiff Akademik Fjodorov am 29. August 2005 sogar den Nordpol. Die Nachricht ging damals um die Welt, weil es das erste Schiff war, das ohne Eisbrecherhilfe derart weit in normalerweise eisbedeckte Gewässer vorgedrungen war.

Kürzlich sorgte Russland mit einem weiteren Coup für Aufsehen: Um die eigenen Ansprüche öffentlichkeitswirksam zu untermauern, verankerte ein ferngesteuertes U-Boot direkt am Nordpol eine russische Flagge am Meeresboden.

Solche Aktionen und die zugehörigen Forschungsarbeiten dienen freilich nicht nur dazu, aktuelle Souveränitätsfragen zu klären. „Am Grunde der Arktis gibt es viel Sedimentgestein. Und wo es Sedimente gibt, gibt es häufig auch Öl und Gas“, sagte Jackson. Seismische Untersuchungen lieferten erste Hinweise auf mögliche Rohstofflagerstätten.

Nach Schätzungen des US Geological Survey liegt ein Viertel der noch unentdeckten Öl- und Gasressourcen der Welt in der Arktis. Lange galt die Nordpolregion als unerreichbar. Doch der Klimawandel und eine immer ausgefeiltere Explorations- und Fördertechnik machen sie allmählich zugänglich.

Nicht nur die Ölindustrie, auch die Schifffahrt bereitet sich vor auf das Abenteuer Eismeer. „Bereits in wenigen Jahren könnten Schiffsrouten von Europa an Sibirien vorbei bis nach Asien für den regelmäßigen Schiffsverkehr befahrbar werden“, erklärte Walter Kühnlein, Meerestechniker bei der Hamburgischen Schiffbau-Versuchsanstalt (HSVA). Auf der Nordostpassage ist die Strecke von Hamburg bis ins japanische Yokohama um fast 40 % kürzer als die 11 000 Seemeilen lange Route durch den Suezkanal.

Der Schiffbaukonzern Aker-Kvaerner gründete Anfang 2005 eigens eine Tochtergesellschaft, die auf die Entwicklung neuer, eisgängiger Schiffstypen spezialisiert ist. Aker Arctic hält das Patent für sogenannte doppelt-wirkende Schiffe. Ihr Rumpf ist so konstruiert, dass der Bug strömungsgünstig durch offenes Wasser gleitet, während das Heck perfekt zum Eisbrechen geeignet ist. Stößt ein Kapitän auf seiner Route auf zugefrorene Wasserflächen, lässt er einfach wenden, um dann in Rückwärtsfahrt sicher durch bis zu 1,5 m dickes Eis zu stampfen.

Die beiden Tanker Mastera und Tempera kreuzen mit dieser Technik bereits ohne Unterstützung zusätzlicher Eisbrecher durch die Karasee nördlich von Sibirien. Die Aker-Werft in Warnemünde baut derzeit vier Frachtschiffe, die ab 2009 für den russischen Bergbaukonzern Norilsk Nickel ganzjährig zwischen Dudinka am sibirischen Jenissej-Fluss und Murmansk pendeln sollen. Ein Prototyp dieser Baureihe, das Schiff „Norilskij Nickel“, befährt die Route bereits seit April 2006.

Nach Auskunft Kühnleins ist das Eis heute nicht mehr das größte Hindernis auf dem nördlichen Seeweg, sondern vielmehr die Behördenwillkür. Eine Durchfahrtserlaubnis sei bei den russischen Ämtern nur mit langer Voranmeldung zu bekommen. Zudem seien die Gebühren zu hoch.

Experten gehen davon aus, dass der Schiffsverkehr auf der Nordostpassage spätestens dann in Schwung kommt, wenn die Ausbeutung der riesigen Öl- und Gasfelder im arktischen Ozean beginnt. „Die Ölkonzerne haben das Geld, um entlang der arktischen Routen auch die erforderliche Infrastruktur, zum Beispiel Signalfeuer, zu installieren“, sagte Kühnlein.

In der Barentssee etwa liegt das Stockmann-Feld, das größte bekannte, aber noch unerschlossene Erdgasvorkommen der Welt. Der russische Energiekonzern Gazprom will dort spätestens im Jahr 2013 mit der Gasförderung beginnen. LUCIAN HAAS/ber

Skandinavien, Russland und Kanada streiten ums Gebiet

Von Lucian Haas/Bettina Reckter

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