Umweltschutz 04.06.2010, 19:47 Uhr

Angst vor Ölunfällen schwappt von der US-Küste nun nach Europa

Die verzweifelten Versuche, das Ölleck im Golf von Mexiko zu schließen, verdeutlichen, dass Unfälle in der Tiefsee mit den dort bisher eingesetzten Technologien kaum zu beherrschen sind. Umweltschützer mahnen inzwischen vor ähnlichen Gefahren an den Küsten Europas, insbesondere in der Nordsee. Während zusätzliche Möglichkeiten zur Bekämpfung des Ölfilms erforscht wurden, gibt es bei Arbeiten in der Tiefsee kaum Erfahrungswerte.

Knapp sechs Wochen nach dem Unglück auf der Bohrinsel Deepwater Horizon vor der US-Küste wird immer deutlicher, dass die Industrie bisher keine effektive Lösung zum endgültigen Abdichten des Bohrlochs hat. Maßnahmen, das ausströmende Öl in 1500 m Tiefe mit Kuppeln aufzufangen und abzuleiten, scheiterten bisher ebenso wie die „Top-Kill“-Aktion, bei der der Ölfluss aus dem Bohrloch durch Einspritzen von schwerem Schlamm gestoppt werden sollte. Einziger Teilerfolg: Zwischenzeitlich konnte eine Absaugeinrichtung in das abgerissene Ende der Steigleitung eingeführt werden. Im Zeitraum vom 17. bis 23. Mai habe dieses „Riser Insertion Tube Tool“ (RITT) täglich zwischen 1360 Barrel Öl und 3000 Barrel Öl pro Tag abgesaugt, hieß es dazu am 24. Mai vom BP-Konzern.

Derzeit bereiten sich die Teams am Bohrloch MC252 auf einen neuen, riskanten Versuch vor, das ausströmende Öl unter Kontrolle zu bekommen. Dabei soll das abgerissene Steigrohr direkt am Sicherheitsventil (Blow Out Preventer – BOP) abgetrennt werden, um anschließend eine Abdichtkappe mit neuer Stegleitung (Lower Marine Riser Package Containment Cap) auf dem BOP anzubringen. Am 1. Juni teilte BP dazu mit, dass die Aktion gegen Ende dieser Wochen erfolgen solle, sich der Zeitplan aber durch „operative Verzögerungen“ verschieben könne. Zudem könne nicht gesagt werden, wie das System unter Tiefseebedingungen reagiere.

Nach BP-Angaben sind inzwischen 1600 Schiffe an den Aktionen im Golf von Mexico beteiligt. Darunter sind Schlepper, Bergungsschiffe sowie Schiffe zum Auffangen des Ölfilms. Bis zum 1. Juni hätten die Teams von BP damit 321 000 Barrel öliger Flüssigkeit von der Wasseroberfläche aufgefangen. Unter Wasser sind darüber hinaus zahlreiche unbemannte Tauchroboter im Einsatz, für deren präzise Ortung und Steuerung akustische Signalgeber rund um die Unglücksstelle positioniert wurden.

Weiterhin sind die Teams vor Ort damit beschäftigt, zwei Hilfsbohrungen zum Ölfeld zu führen, die das Öl vom ursprünglichen Bohrloch knapp oberhalb des Ölreservoirs ableiten sollen. Anfang dieser Woche hatte BP dazu bekannt gegeben, dass die erste am 2. Mai begonnene Hilfsbohrung inzwischen etwa 3700 m voran gekommen sei. Die am
16. Mai gestartete zweite Bohrung sei nach einem zwischenzeitlichen Stopp nun 2614 m tief.

Nach Erwartungen des Ölkonzerns dauere es vom Beginn der Bohrungen allerdings etwa drei Monate bis zu ihrem Abschluss, etwa 4000 m unter dem Meeresboden. Schon zu Beginn der Hilfsbohraktionen war darauf hingewiesen worden, wie anspruchsvoll es sei, schließlich den alten Bohrkanal zu treffen. Zuversicht sieht anders aus.

Das Ausmaß der Katastrophe schockiert die Welt. So wird auch die Ölindustrie in Europas Meeren inzwischen kritisch beäugt. In einer Pressemeldung prangerte Greenpeace am 27. Mai die Ölverschmutzung rund um die Ölplattformen in europäischen Gewässern an. Danach habe der Meeresbiologe und Ölexperte Christian Bussau in zwei Tagen 75 der rund 400 Förderanlagen entlang der dänischen, norwegischen und britischen Küste kontrolliert. Dabei habe er an fünf Anlagen schwimmende Ölteppiche identifiziert.

Greenpeace verwies zudem auf Zahlen der OSPAR (Oslo-Paris-Kommission zum Schutz des Nordatlantiks), wonach sich die Ölverschmutzung in der Nordsee von rund 1700 t Öl im Jahr 1984 und 6000 t Öl im Jahr 1994 auf 13 000 t im Jahr 2005 erhöht habe. Dabei handelt es sich nicht unbedingt um Unfälle. Auch Prozesswasser, das mit dem Öl-Gas-Gemisch gefördert werde, enthalte bei der Rückführung ins Meer noch Restmengen an Öl. Nach Zahlen der OSPRA aus dem Jahr 2007 wurden 515 Unfälle mit einem Ölaustritt von damals 3907 t Öl erfasst. Weitere 9596 t Öl seien im normalen Förderbetrieb eingeleitet worden.

Greenpeace hält aber einen Ölunfall in der Nordsee jederzeit für möglich. Insbesondere Bohrungen westlich der Shetland-Inseln werden von den Umweltaktivisten kritisiert. Dort fördere BP das Öl mit Förderschiffen aus 400 m Tiefe. Dabei komme eine Technologie zum Einsatz, die vergleichbar mit der im Golf von Mexico verwendeten Technik sei, hieß es. „Falls es hier zu einem Unfall kommt, kann kein Mensch das Bohrloch erreichen“, sagte Greenpeace-Forscher Bussau. Tauchern sei das Arbeiten nur bis in Tiefen von etwa 200 m möglich.

Dieses Problem besteht auf der einzigen deutschen Ölbohrplattform im Naturschutzgebiet Wattenmeer zumindest nicht. „Bei der Bohr- und Förderinsel Mittelplate handelt es sich um eine künstlich aufgeschüttete Insel“, erklärte dazu Derek Mösche, Pressesprecher von RWE-DEA, Hamburg, gegenüber den VDI nachrichten. Von daher sei es unmöglich, dass diese sinke.

Als weiteren wesentlichen Unterschied zum Unglück der Tiefseebohrinsel Deepwater Horizon bewertete Mösche die Druckverhältnisse im Ölfeld: „Anders als bei neuen Erdölfeldern, in denen der Lagerstättendruck noch hoch ist, handelt es sich bei Mittelplate um ein lange produzierendes Ölfeld. Deshalb kommen Tauchkreiselpumpen zum Einsatz, die das Öl nach oben pumpen.“

Sollten Abweichungen in der Förderung auftreten, schalteten sich die Ölpumpen von selbst ab. Zudem seien die Bohrlöcher in rund 90 m Tiefe mit Schnellschlussventilen gesichert, die bei Druckabfall automatisch reagierten, sowie weiteren Absperrventilen am Bohrlochkopf. Darüber hinaus sorge eine flüssigkeitsdichte Stahl- und Betonwanne auf dem Sandwatt, mit hohen Spundwänden zum offenen Meer, für eine klare Abgrenzung der Förderanlage zum umgebenden Naturschutzgebiet.

Die EU hatte sich in Forschungsvorhaben zur Bekämpfung von Ölunfällen auf dem Meer zuletzt auf die Meeresoberfläche konzentriert. So wurde 2008 das internationale Projekt EU-MOP zur Bekämpfung von Ölteppichen in flachen Gewässern abgeschlossen. Denis Fritsch, der damals für das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA), Stuttgart, daran beteiligt war, sagte dazu auf Anfrage der VDI nachrichten: „Ziel war es, ein System zu entwickeln, dass auf Basis von Roboterschwärmen Ölteppiche bekämpfen kann.“ Durch die Verwendung von vielen kleinen Robotern anstelle eines großen Bekämpfungsschiffs seien Ölteppiche auch an schwierigen Stellen wie Untiefen oder in Küstennähe zubekämpfen. Zudem könne an mehreren Stellen gleichzeitig gearbeitet werden, und der Ausfall eines Gerätes führe nicht zum Verlust des gesamten Systems.

Gegenüber größeren Ölbeseitigungsschiffen habe dazu insbesondere die Steuerung und Selbstorganisation der Roboterschwärme sowie die Seetauglichkeit der kleinen Einheiten erforscht werden müssen. Fritschs Fazit: „Am Ende des EU-MOP Projekts hatten wir die wesentlichen Teilsysteme auf ihre Machbarkeit hin untersucht, und auch Wirtschaftlichkeitsanalysen haben ergeben, dass EU-MOP Sinn macht.“

Bisher sei die Technologie jedoch nicht weiterverfolgt worden, obwohl sie neben der Ölbekämpfung bei Unglücken z. B. auch zur Beseitigung von Unrat in Yachthäfen eingesetzt werden könne. Ob die Technik eine Lösung für die Verschmutzung entlang der US-Küste sein könne, mochte Fritsch ohne genaue Kenntnis der spezifischen Begebenheiten allerdings nicht bestätigen.

Nachdem inzwischen bekannt wurde, dass es zuletzt auch auf der norwegischen Bohrinsel Gulfaks C öfter Störungen gab, die wegen der Gefahr eines „Blowout“ kürzlich sogar teilweise evakuiert wurde, dürfte der Fokus bei der Meerestechnologie künftig stärker der Tiefsee gelten. Gulfaks C zählt zwar zu den größten Ölplattformen der Welt, steht im Gegensatz zur Deepwater Horizon aber auf vier Stützpfeilern im etwa 220 m tiefen Meer. M. CIUPEK

Von M. Ciupek
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