Kraftstoff 15.06.2007, 19:28 Uhr

Amerika setzt auf Alkohol  

BASF hat angekündigt, zusammen mit dem US-Saatguthersteller Monsanto 1,5 Mrd. $ in eine derartige Entwicklung zu investieren.

Der Benzinverbrauch der Vereinigten Staaten von Amerika soll sinken. US-Präsident George W. Bush will ihn bis 2017 um 20 % drücken. Um das zu erreichen, setzt seine Regierung auf sparsamere Antriebe und pflanzliche Kraftstoffe. Bislang decken sie knapp 3 % des Kraftstoffbedarfs, wobei vor allem Ethanol auf Maisbasis und „Fame“ (Fatty acid methyl esters) aus verestertem Sojaöl zum Einsatz kommen.

Fast jede zweite Produktionsanlage liegt in Händen von Farmergenossenschaften, die seit Jahren mit massiver staatlicher Förderung in den neuen Absatzmarkt für ihre Produkte investieren.

Die jährliche Produktionskapazität von Fame hat laut National Biodiesel Board (NBB) inzwischen 1,4 Mrd. Gallonen (1 gal = 3,785 l) erreicht weitere 1,9 Mrd. gal seien in Planung bzw. Bau. In 18 Monaten sollen 3,3 Mrd. gal Jahreskapazität bereitstehen.

Bisher geht aber nur ein Bruchteil der Produktion in den US-Markt: Zwischen Oktober 2005 und September 2006 wurden laut NBB dort lediglich 250 Mio. gal Fame verkauft, im Vorjahr waren es sogar nur 75 Mio. gal.

Weit bedeutender ist der Ethanolmarkt. So gibt die American Coalition for Ethanol (ACE) die Kapazität der gegenwärtig 124 Ethanolanlagen mit 5,6 Mrd. gal/Jahr an. Weitere 76 Werke befänden sich derzeit im Bau, mit denen die junge Branche 10 Mrd. gal anvisiere.

Allerdings hat das Ganze einen Haken: Die Hersteller haben 2006 für die Produktion von 4,89 Mrd. gal Ethanol ein Fünftel der US-Maisernte verwendet. Vor zwei Jahren wanderten erst 12 % der Ernte in die Kraftstoffdestillen. Der rasante Nachfragesprung treibt die Maispreise, die laut United States Department of Agriculture National Agricultural Statistics Service (USDA-NASS) allein in den letzten zwölf Monaten um 70 % stiegen. Eine Verdopplung der Ethanolproduktion allein auf Basis von heimischem Mais erscheint vor diesem Hintergrund nahezu illusorisch.

Doch Washington will weit mehr als die doppelte Menge Ethanol: Präsident Bush hat das Ziel ausgegeben, den Anteil pflanzlicher Kraftstoffe in nur zehn Jahren auf 35 Mrd. gal zu verzehnfachen. Offiziellen Angaben zufolge setzten US-Tankstellen 2006 erst 3,3 Mrd. gal pflanzliche Kraftstoffe ab, meist als Blends. Ethanol wurde zu 46 % den Ottokraftstoffen beigemischt, Benzinfahrzeuge sind in den USA bereits flächendeckend für 10 %ige Ethanolbeimischungen (E10) zugelassen.

Zusätzlich steigt die Zahl der Flexible Fuel Vehicles (FFV), die bis zu 85 % Ethanol (E85) tanken dürfen. Nach Angaben der ACE sind bereits 6 Mio. FFV auf US-Straßen unterwegs. Künftig sollen es sehr viel mehr werden. Im Frühjahr haben sich die US-Hersteller General Motors (GM), Ford und Chrysler in einem Treffen mit Bush verpflichtet, ab 2012 die Hälfte ihrer Neufahrzeuge als FFV anzubieten.

Diese Selbstverpflichtung ist ein erster Schritt, dem viele weitere folgen müssen. So bieten bisher erst 2100 der 170 000 US-Tankstellen E85 oder Fame an. Während der Aufbau einer Tankinfrastruktur für die beiden Flüssigkraftstoffe machbar scheint, wirkt das Mengenziel sehr ambitioniert – und zwar nicht nur wegen der steigenden Agrarpreise.

Die Wassersituation steht dem massiven Anbau der durstigen Energiepflanzen im Weg. Bis zur Ernte benötigt 1 kg Mais 1400 l Wasser, Soja schluckt sogar 2000 l/kg. Gerade im mittleren Westen der USA ist eine immer großflächigere Bewässerung nötig. Wurden vor 20 Jahren 196 000 km2 bewässert, so sind es heute 280 000 km2. Das treibt den Wasserbedarf in die Höhe: In den USA beträgt der Wasserverbrauch pro Kopf durchschnittlich 300 l, dagegen liegt er in Deutschland bei 130 l.

Vor diesem Hintergrund sucht die US-Regierung intensiv nach Wegen, das Rohstoffnadelöhr zu umgehen. So fördert sie massiv die Forschung an Biomass-to-Liquid(BtL)-Kraftstoffen der 2. Generation, in der Ethanol in enzymatischen Verfahren aus Holzschnitzeln, Pflanzenresten und Gräsern erzeugt werden soll.

Die Förderung von BtL-Kraftstoffen der 2. Generation zieht auch privates Kapital an. Unterschiedliche Konzerne und Risikokapitalgesellschaften haben Hunderte Mio. $ in Start-ups investiert, die an Lösungen für einen Markt arbeiten, dessen Volumen Experten allein in den USA auf 20 Mrd. $ jährlich schätzen. Die Biomasse in den USA soll auf lange Sicht ausreichen, um 105 Mrd. gal Ethanol aus Zellulose zu erzeugen.

Europäische Konzerne sind von dem Treiben in den USA angezogen. So liebäugelt BP mit einem „Energy Biosciences Institute“ an einer der US-Elitehochschulen, dem im kommenden Jahrzehnt 500 Mio. $ an Forschungsmitteln zufließen sollen. Und die BASF hat im März angekündigt, zusammen mit dem US-Saatguthersteller Monsanto 1,5 Mrd. $ in die Entwicklung genetisch veränderter Pflanzen für die Biokraftstoffproduktion zu investieren.

„Die große Herausforderung in den nächsten Dekaden wird es sein, mehr Erträge mit weniger Ressourcen zu erzielen“, sagte Monsanto-Chef Hugh Grant bei der Bekanntgabe der Kooperation mit BASF. Deren Chef, Dr. Jürgen Hambrecht, ergänzte: „Es gibt einen Konflikt zwischen Nahrungsmittelproduktion und erneuerbaren Energien, der sich allein mit Pflanzenbiotechnologie auflösen lässt.“

Neben der Forschung forciert die US-Regierung die internationale Zusammenarbeit. So hat sie sich jüngst mit dem global führenden Ethanolerzeuger Brasilien auf eine langfristige Kooperation geeinigt. Unter anderem wollen die Partner die Normierung der Kraftstoffe vorantreiben und mit der EU, China, Indien und Südafrika Rahmenbedingungen für einen Biokraftstoffweltmarkt schaffen.

Zudem wollen die Partner gemeinsame Forschungsprojekte auflegen und daraus resultierende Erkenntnisse und Technologien möglichst ohne Zeitverlust in mögliche Erzeugerländer in Mittel- und Südamerika transferieren. Fazit der US-Presse: „Die Brasilianer bekommen die Möglichkeit, ihre Technologie mit Hilfe privater US-Investoren zu exportieren, während die USA mit hohem Tempo ein Netz künftiger Energielieferanten knüpfen, mit deren Hilfe sie das ehrgeizige Mengenziel Bushs erreichen können. Und das, ohne ihren auf lange Sicht ärgsten Konkurrenten Brasilien unnötig stark zu machen.“ P. TRECHOW/WOP

Teil 1; Nr. 20/07: „Autohersteller liebäugeln mit Zweizylindern“ Teil 2 Nr. 21/07: „Turbo lässt Schluckspechte trotz Spritentzug sprinten“

Teil 3; Nr. 22/07: „Schotten mit ordentlich was drunter …“

Teil 4; Nr. 23/07: „Kraftstoffe satt aus Wald und Flur – aber wann?“

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