Roboter 23.04.2010, 19:46 Uhr

Robocup 2010: Tüfteln, Tanzen, Teamwork

Beim diesjährigen Robocup ging es bis letzten Sonntag um nichts Geringeres als um die Qualifikation für die Weltmeisterschaft im Juni in Singapur. Roboter in allen Variationen aus individuell gestalteten Legobau-sätzen bis zum Hightech-Zweibeiner kickten, tanzten und lösten anspruchsvolle Aufgaben. Lust auf Technik und effiziente Teamarbeit – die Magdeburger Robocupper zeigten, wie das funktionieren kann.

Die offenen Werkzeugkästen mit vielen Ersatzteilen, Lochdraht und Schraubenziehern stapeln sich auf und unter den Tischen. Neben Laptops stehen Limo, Cola und Wasser, dazwischen mal eine leere Chipstüte, mal Süßes zur Nervenstärkung. An den langen Holztischen und -bänken arbeiten die eigentlichen Stars dieses Chaos: mehr als 700 Schülerinnen und Schüler aus ganz Deutschland. Sie kamen für vier Tage zu den „Robocup German Open“ in der Messe Magdeburg.

Bis zu den Finalausscheidungen schrauben sie an ihren Robotern und versuchen mit technischen Änderungen oder kleinen Verbesserungen bei der Programmierung ihre Chancen zu erhöhen. Schließlich geht es um nichts weniger als eine Fahrkarte nach Singapur zu der diesjährigen Robocup-Weltmeisterschaft.

Am Finaltag, dem Sonntag, wird die Stimmung zunehmend aufgeregter. In Halle 1 laufen parallel Dutzende Wettbewerbe für die 12- bis 19-jährigen Tüftler, die den Legobausatz „Mindstorms“ für die unterschiedlichen Turniere technisch fit gemacht haben. Jeder Einzelne trägt auch optisch die Handschrift seines Teams. Das können wahre Kunstwerke sein wie bei den Dance-Ausscheidungen oder puristische Modelle, reduziert auf ihre Kickerqualitäten, die auf billardtischgroßen Fußballfeldern brillieren. Auf dem Parcours zum Rettungseinsatz „Rescue“ erinnern die technischen Helfer mal an Baumaschinen, mal an futuristische Fantasiegebilde.

Laut und bunt lockt im hinteren Teil „Robo Dance“. Die Mädchendichte wird höher. Schließlich hatten die wissenschaftlichen Initiatoren, das Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse und Informationssysteme (IAIS), vor acht Jahren den gesamten technischen Nachwuchs im Blick. Das scheint hier beim Tanz gut zu funktionieren.

Im Acht-Minuten-Takt sprinten die Gruppen mit Kulissen und Robotern auf die 48 m2 große Bühne. Für die Elf vom Städtischen Mädchengymnasium Essen-Borbeck wird es ernst. Rasend schnell rollen sie ihre Folie mit den schwarzen Klebebandrouten aus. Vorsichtig werden ihre sieben Roboter auf die Folie gesetzt.

Sie sind die Hauptdarsteller für ihr Stück „Robo Rummel“. Aus Kaninchendraht und Pappe, liebevoll bemalt, müssen sie die vorgegebene Route abfahren und dabei das nicht minder detailliert modellierte Kettenkarussell und Riesenrad in Gang setzen. Währenddessen startet Julia Schnelting als Conferencieuse die Power-Point-Präsentation. Die 12-Jährige stellt mit dem Mikro in der Hand ihr zehnköpfiges Team aus „Programmier-, Bau- und Design-Expertinnen“ vor. „Wir verwenden Infrarot und Bluetooth“, erklärt sie selbstbewusst, bevor der große Auftritt mit Tanzeinlagen der kostümierten Mädchen rund um den Robo Rummel beginnt.

Unterdessen, wenige Schritte vom bunten Rummel entfernt, schaut der 13-jährige Muhammed Güney fasziniert in einen Glaskasten. Sein Roboter tastet sich langsam über schwarze Linien, erobert Kurven, lässt kleine Hindernisse – sogenannte Speed Bumps – hinter sich, um über eine Rampe einen weiteren Glaskasten zu erreichen. Dort wartet eine mit Alufolie umwickelte Getränkedose auf Rettung. Muhammed und sein Team „Leoter Big Fish“ von der Realschule St. Augustin Menden kämpfen im „Robocup Rescue“-Finale um Punkte. Sie müssen die Dose, im echten Leben wäre es das „Opfer“ zum Beispiel eines Erdbebens, finden und zum Evakuierungsplatz bringen. Ilse Schmitz fiebert beim Rettungseinsatz mit. Die Lehrerin für Religion und Mathematik leitet die Roboter AG seit Jahren und betreut ihr Fünferteam mit vollem Einsatz.

Schon einen Bruchteil dieses Engagements hätte Andri Homgeirsson sich am Gymnasium seines Sohnes in Sindelfingen gewünscht. Der Informatiker bei Daimler kritisiert: „Den Legobausatz gab es an der Schule, aber keinen Lehrer, den das interessiert hat.“ Den Sindelfinger Kollegen könnte die Essener Physik-Lehrerin Claudia Wolf sagen, dass so ein Engagement zwar enorm „anstrengend“ ist, aber auch „sehr viel Spaß“ macht.

Fynn Feldpausch ist über Legobausätze längst hinaus. Der 22-jährige Informatikstudent spielt in der Senioren-„Standard Plattform League“, ein reiner Programmierwettbewerb, der die französische Standardhardware „Nao“ für die Fußballspiele einsetzt. „Nao“ hat 21 Gelenke, die über Servomotoren gesteuert werden. Dazu zwei Kameras und jede Menge Sensoren. Mit dieser Grundausstattung können Verteidiger, Stürmer und Torwart je nach programmierter „DNA“ besser oder schlechter den Infrarotball erkennen, Spielzüge planen und Tore schießen.

Fynn Feldpausch hat die vergangenen Wochenenden durchgeackert. Seit ein paar Monaten ist er beim Bremer Team „B-Human“, einem der fünf amtierenden deutschen Weltmeister, die in Magdeburg in verschiedenen Ligen kämpfen. „Wir sind schneller im Laufen geworden und können besonders präzise schießen“, sagt Fynn optimistisch vor dem Finale. Die Gegner, „Nimbro“ von der Universität Bonn, seien starke Dribbler, „mal schauen, wie wir mit denen zurechtkommen“.

Nach der ersten Halbzeit in aufgeheizter Atmosphäre steht es 2:1 für das Bonner Team. Die sechs Roboter auf dem 20-m2-Spielfeld sorgen für die gleiche Spannung wie 22 Profis. Versteinert blicken die Bremer auf die Leistung ihrer „Mannschaft“ und zweifeln an den Schiedsrichterentscheidungen.

In der Halbzeitpause werden die Roboter wie Boxer angefächelt, um die Motoren abzukühlen. Unter großer Anspannung werden Algorithmen überprüft oder sogar die technische Taktik geändert.

Dann die Erlösung: In der zweiten Halbzeit gelingt den Bremern jeder Pass. Plötzlich bewahrheitet sich Fynns Einschätzung zur Stärke seiner Mannschaft: Sie sind schnell im Antritt und schießen selbst auf große Distanz Tore. Der Endstand lautet 2:5 für Bremen. „Ich bin während des Spiels um zehn Jahre gealtert“, sagt Fynn, noch immer sichtlich mitgenommen.

Dennoch hält sich das öffentliche Interesse an den spannenden Wettkämpfen in Grenzen. Ob beim Nachwuchs oder den Profis, fast jedes Team kämpft um Sponsoren. Da helfen nicht einmal Weltmeisterehren.

Für die Gewinner aller Ligen heißt es jetzt viel rechnen. Die Fahrt nach Singapur müssen sie selbst finanzieren. Flug und Übernachtungen, „das wird nicht billig“, rechnet Fynn beim Essen einer Bockwurst schon mal überschlägig durch. Einen Tausender wird er wohl einkalkulieren müssen, fürchtet er.

Das Problem sieht auch Claudia Wolf. Die Physiklehrerin, die das Essener Mädchen-Team betreut, ahnte schon kurz nach dem Freudentaumel über den 2. Platz im „Robo Dance“, dass jetzt nicht nur noch mehr Arbeit auf sie wartet, sondern auch Sponsoren gesucht werden müssen, die die Reise mitfinanzieren.

Das bedauert auch Ansgar Bredenfeld vom IAIS. Ob für den angehenden Nachwuchs oder die Jungwissenschaftler: „Die lernen dabei so viel“, sagt der Sprecher des deutschen Nationalkomitees Robocup und Koordinator der German Open. „Das fängt bei Teamarbeit an und endet beim fertigen Spielszenario.“ Das alles müsse rechtzeitig zum Wettbewerb stehen.

Was so spielerisch daherkommt, ist aber auch ein ernsthafter technologischer Wettbewerb. Der 47-jährige Experte bemerkt stolz, dass die deutschen Teams nicht nur im Spiel, sondern auch in der Forschung führend seien. Das zeige sich bei den Wissenschaftssymposien, die zeitgleich zu den Weltmeisterschaften laufen, erklärt Bredenfeld kurz vor der Siegerehrung der Senioren.

Unterdessen sind die Junioren schon abreisebereit. Die WM-Fahrer stehen fest. Wer es in diesem Jahr nicht geschafft hat, wuchtet sein kiloschweres Gepäck mit leichter Enttäuschung im Gesicht aus der Halle. Doch die nächsten German Open kommen bestimmt. Wie schnell sich das Blatt wenden kann, weiß Julia aus Essen: „In Nordrhein-Westfalen waren wir noch Sechste.“ Dann jubelt die Mädchengruppe: „Singapur, Singapur, wir fahren nach Singapur.“

BIRGIT BÖHRET/NIKOLA WOHLLAIB

Von Birgit Böhret/Nikola Wohllaib
Von Birgit Böhret/Nikola Wohllaib

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