Robotik 29.08.2008, 19:36 Uhr

Die Roboter aus dem Maintal  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 29. 8. 08, rb – Wie ein Familienunternehmen sich trotz harter Konkurrenz am Weltmarkt durchsetzen kann, zeigt die Firma Reis Robotics in der nordfränkischen Stadt Obernburg. In den 50er-Jahren als Einmannbetrieb gestartet zählt der Mittelständler inzwischen europaweit zu den Marktführern in der Robotertechnik und Systemintegration. Vom boomenden Umsatz profitiert nicht nur das Hightechunternehmen, sondern auch der Standort.

Eine halbe Autostunde dauert es und man hat die Rhein-Main-Region hinter sich gelassen und das Tal zwischen Spessart und Odenwald erreicht. Der Qualm aus den Schornsteinen eines Industriecenters wabert in Richtung Main, der Verkehr rauscht über die vierspurige Bundesstraße. Beschaulichkeit sieht anders aus – bis hinter der Abfahrt Obernburg plötzlich ein Stadttor mit Zwiebeltürmchen und Wetterhahn auftaucht.

Dahinter beginnt in der Altstadt mit ihren blau-weißen Wimpeln und Geranientöpfen gerade das Geschäftsleben: Einzelhändler schieben ihre Sonderangebote auf die Straße, ein paar Touristen mit Sonnenbrillen richten ihre Digitalkameras auf die Fachwerkhäuser, Schüler schlendern in Richtung Römermuseum. Direkt auf den Mauern eines Kohortenkastells steht Obernburg. Das Weltkulturerbe Limes liegt praktisch vor der Haustür. Den alten Römern jedoch verdankt das Städtchen nur einen Teil seines Ruhmes.

Im Industriegebiet Eisenbach – wenige Autominuten von der Altstadt entfernt – produziert das Unternehmen Reis Robotics für den Weltmarkt: Auf dem Firmengelände des Roboterherstellers herrscht rege Betriebsamkeit. Seit die Firma vor drei Jahren in den Photovoltaik-Markt eingestiegen ist, brummen die Aufträge noch mehr als sonst, werden die Projekte immer größer. Kapazitäten müssen erhöht, Geschäftsprozesse verändert, Anlagen und Gebäude ausgebaut werden.

Geschäftsführer Michael Wenzel eilt zufrieden durch den Betrieb, grüßt in alle Richtungen, wird zurückgegrüßt, hat für viele ein kurzes Wort. 117 Mio. € Umsatz habe Reis Robotics im Jahr 2007 bilanziert, 40 % mehr sollen es in diesem Jahr werden und noch einmal 40 % mehr seien für 2009 angepeilt, rechnet er vor. „Das ist für einen Maschinenbaubetrieb unheimlich viel.“

Linear, Knickarm, Hybrid, Laser: Es gibt keinen Industrieroboter, den Reis Robotics nicht baut, einzeln oder integriert in Komplettanlagen. Automobilzulieferer setzen die Maschinen aus Obernburg ebenso ein wie die Firmen Beck“s Bier, Rittal oder Braun bei der Produktion von Bierkästen, Schaltschränken oder elektrischen Zahnbürsten. Eigentlich, erzählt Geschäftsführer Michael Wenzel, seien alle Roboter gleich – zumindest von außen. „Auf das Innenleben kommt es an. Es muss jeweils neu an das Produkt und die Umgebung angepasst werden.“

Bis die Maschinen zum Einsatz kommen, müssen die Beschäftigten bei Reis Robotics Präzisionsarbeit leisten. Maschinenbauer, Elektrotechniker und Informatiker sind hochkonzentriert und beinahe lautlos bei der Sache – egal, ob an der Werkbank, am Zeichenbrett oder am Notebook. Das Unternehmen stellt alle Einzelteile selbst her. Von der Zerspanungsmaschine über den vorkonfektionierten Roboter, der noch unprogrammiert und ohne Werkzeug auf seinen Einbau wartet. Bis zur vollständigen Produktionsanlage vergehen acht bis neun Monate.

Die Werkshalle ist riesig, aber nicht lang genug für die weiße Montageanlage, die nur in einzelnen Teilen aufgebaut werden kann. Noch stehen die Roboter still. Doch wenn die bis zu 100 m lange Anlage am Einsatzort zusammengebaut ist, sollen sie stündlich rund 60 Module für die Photovoltaik-Industrie herstellen, Silicium-Wafer abgreifen, in die Matrix einbauen, rahmen und zum Schluss auf Paletten bringen. Um eine Schutzfolie für Solarzellen zu transportieren, braucht es einen Roboter, dessen Arm mit fast 200 kleinen Saugnäpfen ausgestattet ist. Gleich eine Doppellinie hat der Kunde bestellt.

Eine Halle weiter sitzt die Ideenschmiede des Unternehmens. 9 % bis 10 % des Umsatzes investiert Reis Robotics in Forschung und Entwicklung. Der Abteilungsleiter des Technikums, Harald Martin, ist mit einem Erdbohrer beschäftigt. Sein Projekt demonstriert, dass Industrieroboter nicht nur Schwerst- sondern auch Präzisionsarbeiten übernehmen können Dieser hier soll später kameragesteuert die Verbindungsnähte des Bohrers schweißen. Er erkennt Bauteiltoleranzen auf Zehntel genau. Für eine solche Lösung interessieren sich die Besucher eines Baumaschinenherstellers, die Martin gerade sachkundig berät.

Rund 800 Roboter und mehrere 100 Produktionsanlagen verlassen nach Wenzels Angaben jährlich das Maintal – handlich zerlegt, auf Tiefladern verfrachtet. „Die Firma Reis trägt den Namen Obernburg in alle Welt hinaus“, erklärt Walter Berninger. Das Büro des Bürgermeisters im mittelalterlichen Rathaus ist nur über kleine Treppen und verwinkelte Flure zu erreichen.

Berninger präsentiert einen Bildband: „Wir haben viel zu bieten: Radwege, Wein, den Fluss und eine vielfältige Gastronomie.“ Gerade ist die Stadt auf der Suche nach einem Leitbild, um sich auf dem Tourismusmarkt besser zu profilieren. „Aus unserer reichen römischen Geschichte wollen wir ein Alleinstellungsmerkmal entwickeln.“

Doch der Oberbürgermeister verschließt die Augen nicht vor den Schwächen des Standorts. Zwar ist die Stadt am nördlichsten Zipfel Bayerns optimal an das Rhein-Main-Gebiet mit seinem Autobahnnetz und dem Frankfurter Flughafen angebunden – ein nicht zu unterschätzender Faktor für ein weltweit agierenden Unternehmen wie Reis Robotics. Doch große Gewerbeflächen sind im schmalen Maintal bei Obernburg rar gesät. Über knapp 25 000 m2 Hallenfläche verfügt der Roboterhersteller bereits. Eine Werkshalle mit weiteren 6000 m2 soll bis zum Herbst fertiggestellt sein. Mehr wird nicht gehen vor Ort, weiß Berninger. „Da sind wir nicht konkurrenzfähig.“

Umso engagierter setzt der Bürgermeister auf den Ausbau weicher Standortfaktoren, auf eine hohe Wohn- und Lebensqualität, Kultur- und Bildungsangebote und Infrastruktur, wohlwissend, dass auch dies Qualitäten sind, die für ein Unternehmen zählen.

Rund 1000 Mitarbeiter beschäftigt Reis Robotics weltweit in seinen acht Niederlassungen. 800 arbeiten am Hauptsitz im Maintal 300 von ihnen sind in den Bereichen Forschung, Entwicklung und Projektabwicklung beschäftigt. Ungelernte Kräfte gibt es hier kaum. Den hochqualifizierten Mitarbeitern bietet Obernburg ein attraktives Umfeld.

„Nur hier finden wir die Ingenieure, die wir brauchen“, sagt Michael Wenzel auch mit Blick auf die Hochschulstandorte Aschaffenburg und Darmstadt. Die höheren Personalkosten nimmt das Unternehmen in Kauf: „Solche Nachteile werden durch die Vorteile, die der Standort Obernburg bietet, überkompensiert“, sagt der studierte Physiker, der seit 1992 mit dabei ist.

Vor 51 Jahren startete Wenzels Schwiegervater Walter Reis hier mit einer Spritzgussmaschine. Von Anfang an hatte der heute 73-Jährige, der sich inzwischen aus dem operativen Geschäft zurückgezogen hat, ein Faible für die Optimierung von Produktionsprozessen. 1961 ging Reis mit hydraulischen Tuschierpressen für den Werkzeug- und Formenbau auf den Markt, wenige Jahre später mit Abgratpressen für Gießereibetriebe. Zu Beginn der 70er-Jahre stieg Reis in die Roboterentwicklung und -produktion ein. Bis heute schreibt der Betrieb Erfolgsgeschichte.

Am Markt muss sich der Mittelständler gegen Konzernunternehmen wie den Augsburger Roboterhersteller Kuka oder den Maschinenbaumulti ABB behaupten. Als Familienunternehmen, das strategische Entscheidungen zuweilen noch schnell und flexibel am häuslichen Kaffeetisch treffen kann, sieht Wenzel Reis Robotics jedoch klar im Vorteil.

In der Lehrwerkstatt nimmt Julia Geyer selbstbewusst die Fernsteuerung ihres Greifarmroboters in die Hand. Die 18-Jährige hat ihn mit ihren Kollegen so programmiert, dass er eine Minidose mit Pfefferminzdragees erst in eine Zwischenablage befördert und dann ausschleust. „Die Kombination von Handwerk, Mathematik und Technik fasziniert mich“, erzählt sie. Geyer hat noch viel vor: Sie will Mechatronikerin werden, vielleicht noch ihr Abitur nachholen und ein Ingenieurstudium beginnen. Rund 10 % der Belegschaft sind Azubis.

Wenzel weiß, dass ein Unternehmen wie Reis Robotics ohne ambitionierten Nachwuchs keine Zukunft hat: „Wenn Sie Hightech machen wollen können Sie das nur mit hoher Qualifikation.“ JUTTA WITTE

  • Jutta Witte

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