Kultur 01.12.2006, 19:25 Uhr

Zauberflöte live in 100 Kinos  

VDI nachrichten, New York, 1. 12. 06, jdb – Der neue Direktor der Metropolitan Opera, Peter Gelb, bringt frischen Wind in den etwas verstaubten Musentempel am New Yorker Lincoln Center. Erst gab es eine Liveübertragung der Saisonpremiere auf den Times Square und jetzt folgt das Live-Beaming direkt von der Bühne in über 100 Großkinos in den USA, Kanada und Großbritannien.

Gerade anderthalb Jahre ist es her, da liefen Amerikas Multiplex-Betreiber noch Sturm gegen die von den Filmverlagen geforderte Aufrüstung der Kinos auf eine digitale Distribution und Projektion, doch jetzt scheinen sie die Vorzüge der neuen Technik zu erkennen, denn mit dieser Anbindung kann aus der bisherigen Konservendose „Kino“ urplötzlich eine bebende „Live-Arena“ werden.

Diesen Vorzug werden am 30. Dezember erstmals die Opernfreunde in den USA, Kanada und Großbritannien erleben können, denn an diesem Tag veranstaltet die weltberühmte Metropolitan Oper eine Premiere der ganz besonderen Art: Die Zauberflöte wird live direkt aus der Met am Lincoln Center in über 100 Kinos übertragen. Insgesamt sind sechs solcher Liveübertragungen geplant, die sich über vier Monate bis Ende April hinziehen.

„Wir wollen damit die Oper im Allgemeinen, die Met im Besonderen und natürlich die Leistungen unser Künstler einem breiterem Publikum zugänglich machen“, sagt der neue Generaldirektor Peter Gelb, der erst mit dieser Saison den Met-Chefsessel von seinem langjährigen Vorgänger Joseph Volpe übernommen hat.

Das neue Livespektakel hat eine Reichweite von der amerikanischen Westküste bis nach London und umfasst neun Zeitzonen. Geprobt wurde für diese Übertragung bereits zur Saisoneröffnung, als am 25. September Puccinis Madame Butterfly auf einer Großleinwand auf dem Opernvorplatz am Lincoln Center und auf einer ähnlichen Einrichtung am Times Square live verfolgt werden konnte. Beide Orte wurden von tausenden Musikfreunden aufgesucht – vor allem deshalb, weil die Plätze vor der Oper kostenlos waren, während die Parkettplätze in der Oper 1250 $ kosteten.

Bei der Zauberflöte-Übertragung am 30. Dezember handelt es sich um die New Yorker Matinee-Veranstaltung, die um 13.30 Uhr Ortszeit beginnt und damit eine Frühstücks-Show in Kalifornien ist (10.30 h), beziehungsweise eine Abendveranstaltung in UK (18.30 h). Preislich ist die „Met im Kino“ unvergleichbar günstig: Die Kinokarten kosten nur 18 $ (12 £), dafür gibt es im Originalgebäude nicht einmal einen Platz im obersten Rang.

Liveübertragungen von Opernveranstaltungen sind an sich nicht neu. Auch die Royal Opera Covent Garden hat vor wenigen Jahren schon einige Vorführungen in verschiedene Kinos nach Frankreich übertragen, doch laut Peter Gelb war es früher unmöglich die Dramatik einer Oper in ein Kino zu übertragen: „Die technische Qualität war einfach zu schlecht“, lautet sein knappes Urteil.

Während er zugesteht, dass die Tonqualität im Dolby-Format „schon lange absolute Konzerthausqualität erreicht hat“, blieben die bisherigen Bildübertragungen seiner Ansicht nach weit hinter einem Liveerlebnis zurück. „Wir können ja eine Opernbühne nicht wie eine Showbühne oder eine Sportarena mit Licht überfluten. Bei uns gehören dezente Pastellfarben und differenzierte Helligkeiten zur inszenierten Dramaturgie“, sagt über die optischen Probleme. Erst mit den modernsten digitalen Kinoprojektionen ist es seiner Meinung möglich eine akzeptable Bildqualität zu erzeugen. „High-Definition-Übertragung mit lichtstarken DLP-Projektoren könnten der Schlüssel sein für eine dauerhafte Opernzukunft im Kino“, so seine Hoffnungen.

Und so haben die beteiligten Kinobetreiber gemeinsam mit der Met die angeschlossenen Kinos praktisch handverlesen ausgesucht. Nur Theater mit modernster Technologie und exzellenter Akustik kamen infrage. Partner in Großbritannien ist City Screen, der die Met-Vorstellungen in 18 Picturehouse-Kinos anbietet, die alle untereinander per Satellit verbunden sind.

Amerikanische Opernfreunde, die es nicht nach New York in die Met schaffen und auch kein Kino ihrer Nähe haben oder ganz einfach an den jeweiligen Tagen verhindert sind, können trotzdem noch die Vorstellungen genießen, denn 30 Tage zeitversetzt erfolgt in den USA eine TV-Ausstrahlung im Öffentlichen Fernsehen PBS.

Unklar ist bislang noch die Frage, ob die Met mit diesem Live-Broadcast auch Geld verdienen will oder ob sie das nur als Werbung und PR betreibt. Die Musiker und Sänger haben sich auf jeden Fall derzeit bereit erklärt, auf hohe Vorabzahlungen zu verzichten und sich an den Kinokassen eingespielten Beträgen zu beteiligen, doch diese müssen zuerst 50:50 zwischen der Met und den Kinos gesplittet werden.

HARALD WEISS

Von Harald Weiss

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