Kultur 25.12.1998, 17:20 Uhr

Zauberei mit Zukunft

Computer, Fax und Internet sind keine Zauberei. Oder doch? Ein junger Illusionskünstler aus New York schlägt das internationale Publikum mit atemberaubenden High-Tech-Tricks in seinen Bann.

Marco Tempest ist nicht zu fassen.
Gestern noch wirbelte er elegant über eine Freilichtbühne unter dem Nachthimmel von Monte Carlo. An einer Videowand taucht Tempest elastisch mit Kopf und Hand in die Bildschirmwelt ein, läßt sich von dort Tennisbälle zuspielen und entzieht sich mit verschmitztem Lächeln einer mörderischen Hand, die ihn ganz in den virtuellen Orkus hinter der Mattscheibe hinabziehen will. Doch der Magier ist nicht zu fassen. Heute entschwindet der Mann in Schwarz bei einem Auftritt für die amerikanische Pharma-Firma Searle in Los Angeles völlig in der Videowand, mitsamt Searle-Topmanager Joe Papa. Pech für Papa: „Error Code 777“, meldet der Bühnenrechner.
Der gemeinsame Ausflug in ein Computermodell des menschlichen Körpers endet mit einer Panne: Tempest muß den wagemutigen Magenmittel-Manager auf seiner Handfläche ins Publikum zurücktragen – als wild protestierenden Däumling, von dessen Lebensechtheit sich die Zuschauer in den ersten Reihen überzeugen dürfen. Doch anfassen gilt nicht geschwind entzieht sich Tempest in die Bildschirmwelt, um Pillenzwerg Papa wieder auf Normalmaß zu vergrößern. „David Copperfield des Computerzeitalters“, wurde Tempest von einem Kritiker genannt. 1987 gewann der gebürtige Schweizer zum ersten Mal die Weltmeisterschaft der Magie in New York. Inzwischen zählen High-Tech-Riesen wie Lucent Technologies, Motorola und IBM zu den Kunden, die sich von dem jungen Hexenmeister aus Manhattan ihre Messeauftritte und Gala-Abende verzaubern lassen. Telekommunikation wird pure Zauberei, wenn Tempest – so geschehen bei einer Show für die Swiss Telecom – eine Zuschauerin von einer Seite der Bühne auf die andere faxt.
Auf gleich zwei Bühnen trat der High-Tech-Magier kürzlich für den japanischen Elektronikkonzern Panasonic auf der Computerschau Comdex in Las Vegas auf. „Er fesselt das Publikum“, sagt der frühere AOL-Bertelsmann-Sprecher und jetzige Silicon-Valley-Manager Ingo Reese, für dessen Firma der Computerzauberer bei der Berliner Funkausstellung im vergangenen Jahr auftrat. „Er läßt Technologie als etwas Einfaches erscheinen.“
Ein PC-Houdini für die Online-Generation also, der statt sich selbst auf der Bühne die Digitaltechnik entfesselt? So leicht ist der Magier, Choreograph, Tänzer, Computertüftler, Pantomime und Programmierer, der bereits im Alter von acht Jahren mit dem „Kinderzirkus Robinson“ in den Schulferien durch die Schweiz tourte, nicht zu fassen.
Aber auch der Vergleich mit David Copperfield greife zu kurz, meint die US-Zauberfrau Joni Spina, elf Jahre lang künstlerische Beraterin und Assistentin von Copperfield: „Marco Tempest hat unsere Kunst auf die nächste Stufe gehoben“, sagt die US-Magierin, „und einen ganz eigenen Stil geschaffen. So könnte die Zauberei der Zukunft aussehen.“
„Perfekt inszeniert“, schrieb die französische Zeitung Nice Matin nach einem spektakulären Auftritt in Monte Carlo, „mit einem Sinn für Ästhetik, der bezaubernde Momente und Arrangements hervorbringt, in denen die Zeit eingefroren scheint.“ Tempest sieht sich als „High-Tech-Poet“, wie er in einer kurzen Pause zwischen zwei Auftritten in der Schweiz und in den USA erklärt.
Deshalb lasse er sich auch ungern mit den Großkünstlern der Branche vergleichen, deren Shows zunehmend unter „Seelenlosigkeit“ litten, wie der Magier kritisiert. „Computer hin oder her“, sagt der Asien-Fan, der zuweilen digital belebte Origami-Papiervögel in den Zuschauerraum auffliegen läßt, „ich gehe auf die Bühne, damit die Leute anschließend sagen: Das hat mich berührt.“
„New Magic“ heißt die virtuelle Firma, die Tempest (kein Künstlername – sein Stiefvater ist Engländer) von seinem winzigen Wohnstudio in der Chinatown von Manhattan aus dirigiert.
„Ich bin ziemlich schwierig in der Zusammenarbeit“, erklärt der Multimedia-Magier, dem in der Branche – und bei den Kunden – der Ruf eines besessenen Perfektionisten vorauseilt. Sogar für die Visitenkarten mit seinem dreidimensionalen Portrait recherchierte er mehrere Wochen, bis er eine Firma gefunden hatte, die das von ihm gewünschte Holographie-Druckverfahren beherrschte.
Während gerade irgendwo über dem Atlantik zwei Großcontainer mit Spezialcomputern und Videoequipment dem nächsten Auftrittsort entgegenfliegen, spannt Tempest von seinem PC-Cockpit in Chinatown aus per E-Mail und Telefon zwei Dutzend Designer, Lichtspezialisten, Kameraleute, Musiker und High-Tech-Tüftler für das nächste Projekt zusammen. „So funktioniert es für alle Beteiligten am besten“, sagt der Multimedia-Magier. „Das professionelle Niveau, auf das ich mich bei Freiberuflern hier in New York verlassen kann, ist enorm.“
Eine hochmoderne Telekomanlage sorgt dafür, daß Anrufer die High-Tech-Hexenküche als gut geölten Service-Betrieb erleben, bei dem sie problemlos mit dem jeweils für sie zuständigen Gesprächspartner verbunden werden. So stammt beispielsweise New Magics kultige Image-Mappe von XIX, der „Gesellschaft für x-beliebige Werbung“ in Berlin.
Bühnenvideos und Computeranimationen sind Chefsache. Tempest beherrscht nicht nur die wichtigsten Special-Effect-Programme aus dem Handgelenk, die in der Werbe- und Filmindustrie eingesetzt werden. Er hat sie zum Teil auch selbst mitentwickelt. Firmen wie Silicon Graphics, Thomson oder Sony freuen sich heute über eine Entscheidung ihrer Statthalter in der Schweiz. Die hatten sich Ende der 80er Jahre von dem jungen Straßenkünstler (Tempest: „Breakdance ist Zauberei mit dem Körper“) und Hobby-Magier hochmoderne Hard- und Software im Wert von mehreren Hunderttausend Fränkli abschwatzen lassen.
Dafür peppte Tempest, damals einer der ersten Spezialisten für Computeranimation im deutschsprachigen Raum, dann die Produktpräsentationen ihrer komplexen Systeme auf. „Eine der besten Shows“, schwärmt etwa Jean-Marc Hunziker, Event-Manager bei IBM, „die ich je gesehen habe.“
Das penibel aufgeräumte Mini-Atelier in Manhattan beherbergt ein Videostudio auf dem neuesten Stand der Analog- und Digitaltechnik. Im Regal stapeln sich die Bänder eines neuen TV-Mehrteilers des amerikanischen Discovery Channel über „Grand Illusions – The Story of Magic“, in dem Tempest als Zukunftsträger seiner Zunft vorgestellt wird. Daneben stehen Bücher des britischen Autors Arthur C. Clarke („2001 – Odyssee im Weltraum“), von dem New Magic das Firmenmotto entlehnt hat: „Jede einigermaßen fortgeschrittene Technologie“, zitiert Tempest den Science-fiction-Altmeister, „ist von Magie nicht zu unterscheiden.“ Weil er dahinterschaut, versteht der Magier die Technik nur als ein Ausdrucksmittel unter mehreren, das er mit augenzwinkernder Leichtigkeit und Ironie handhabt. Damit der Körper nicht zu kurz kommt, während er an der Intergraph-Workstation den Animationscode oder die technischen Konstruktionspläne für die nächste Show austüftelt, läßt sich der Magier mindestens zweimal am Tag schräg gegenüber beim chinesischen Masseur durchkneten und unternimmt ausgedehnte Spaziergänge durch sein Viertel. „In Chinatown“, erklärt Tempest, „finde ich die Freundlichkeit und das Lächeln, das für die Bühne so wichtig ist.“
Als „Zigeunerkind“ wurde der unehelich geborene Grundschüler Tempest von seinem Klassenlehrer im Züricher Arbeiterbezirk verspottet. Weil die Mutter ihn zunächst auf einer alternativen „Freien Volksschule“ untergebracht hatte, erzählt der Autodidakt, habe ihn die Zürcher Schulverwaltung anschließend in die Sonderschule gesteckt, „um mich wieder ins normale Schulsystem einzugliedern“. Für den Vielleser und Kinderzimmer-Zauberer („Ich bin wie ein Schwamm und immer noch wißbegierig wie ein kleiner Junge“) war es ein Alptraum. „Manchmal“, erzählt Tempest, „träume ich noch davon, daß jemand klingelt, um mich ein Jahr in die Schule zurückzuholen.“
Endgültig zu eng wurde es ihm in der Alpenrepublik, als ihm 1985 der Vorstand des Magischen Rings der Schweiz die Unterschrift verweigerte, die er zur Teilnahme an der Magier-Weltmeisterschaft in Madrid benötigte. „Ich habe sie dann einfach gefälscht“, gesteht Tempest, „und keiner hat sich beschwert, nachdem ich in Madrid den 4. Platz belegt habe.“
Nun steht der ehemalige Sonderschüler aus Zürich auf dem Times Square in Manhattan und freut sich wie ein kleiner Junge über das Farbbild, das seit 20 Minuten auf der weltberühmten Videowand über den Köpfen der Passanten eingespielt wird. Zwei kurze Anrufe in den Führungsetagen von Panasonic und CNBC haben genügt, um das Konterfei von Marco Tempest für einen Fototermin über den Superschirm flimmern zu lassen.
Freundlich beantwortet der junge Schwarzkünstler dabei die Fragen neugieriger New-York-Touristen: Was er denn von Beruf sei? Einmal zückt Tempest als Antwort auch seine Hologramm-Visitenkarte mit dem Aufdruck „Illusion Technology Media Magic“ und dem Portrait, das sich je nach Blickwinkel verändert: Marco Tempest ist nicht zu fassen.
GERD MEISSNER
E-Mail: info@gerdmeissner.com

Von Gerd Meissner
Von Gerd Meissner

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