Debatte 10.06.2011, 19:53 Uhr

Wir sind doch anders

„Kopf oder Bauch – Wie der Mensch entscheidet“ war kürzlich der Titel einer Veranstaltung der Daimler und Benz Stiftung im Rahmen ihres 15. Berliner Kolloquiums. Eines wurde dabei deutlich: Der Abschied vom Homo oeconomicus steht bevor, das alte Menschenbild der Wirtschaftswissenschaften gerät ins Wanken.

Über Jahrzehnte war der „Homo oeconomicus“ das Modell, an dem der Mainstream der Wirtschaftswissenschaften seine Theorien entwickelte. Dabei handelt es sich um das Bild des rein an seinem Eigennutz orientierten Menschen, der auf der Grundlage solider Informationen und fester Präferenzen rational handelt und Entscheidungen trifft. Seine klare Wertestruktur und sein schlichtes, um sein eigenes Ich zentriertes Weltbild sorgen dafür, dass sich dieser „Wirtschaftsmensch“ relativ rasch und reibungslos an wechselnde Rahmenbedingungen anpasst – am Ende siegt immer der Kopf.

Nicht zuletzt die neoklassische Wirtschaftstheorie, auf die der Neoliberalismus der vergangenen zwei Jahrzehnte fußte, lebte sehr gut mit diesem schlichten Menschenbild. Doch mit den immer rascher aufeinander folgenden Wirtschaftskrisen seit Beginn des neuen Jahrhunderts ist mit der zeitweise absolut dominanten Theorie auch das damit verbundene Menschenbild fragwürdig geworden. „Das Modell des Homo oeconomicus muss erweitert werden, etwa um psychologische und biologische Aspekte“, meint jetzt der Volkswirtschaftler Armin Falk.

Wenn es um das neue, erweiterte Menschenbild der Wirtschaftswissenschaften geht, ist der Name Falk rasch im Spiel. Der 43-Jährige leitet an der Universität Bonn das Center for Economics and Neuroscience und hat eine Reihe von Forschern aus anderen Disziplinen um sich geschart, um das alte Modell der Ökonomen wenn nicht auszuhebeln, so doch entscheidend zu modifizieren. Im Rahmen eines Kolloquiums der Daimler und Benz Stiftung in Berlin hatte diese Forschergruppe, zu der neben Wirtschaftswissenschaftlern auch Gehirnforscher, Mediziner, Soziologen und Genetiker gehören, einen großen Auftritt. Offensichtlich wurde dabei, dass sich die Ökonomen langsam Erkenntnissen öffnen, die in anderen Forschungsrichtungen längst Allgemeingut sind.

Am Beispiel der Entscheidung deklinierten die Wissenschaftler die Konsequenzen durch, die die neueren Erkenntnisse für das Menschenbild der Wirtschaftler haben. Armin Falk selbst stellte etwa die Rationalität der menschlichen Entscheidungen in Frage. Wie rational sind wirklich Wirtschaftsprognosen, Wechselkurse oder Rohstoffpreise? Eine einfache Untersuchung, die Falk mit seinem Team während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland – dem berühmten „Sommermärchen“ – durchführte, stellt die Rationalitätsthese der Neoklassiker rasch in den Senkel. Jeweils nach den Spielen der deutschen Mannschaft wurden repräsentativ ausgewählte Bürger in Deutschland per Telefoninterview nach ihrer Einschätzung der allgemeinen und der eigenen wirtschaftlichen Lage befragt.

Frappant deutlich hingen die eingeholten Aussagen von den Spielergebnissen der deutschen Mannschaft ab – je stärker die Euphorie über den zeitweiligen Triumphzug der Klinsmann-Elf, desto aufgehellter die wirtschaftliche Stimmungslage. Und diese Stimmungsaufhellung während der WM hatte schließlich anhaltende positive Folgen für die Wirtschaftslage in Deutschland, die sich beziffern lassen. Da hat wohl der Bauch über den Kopf gesiegt.

Dass auf den Aktienmärkten Psychologie, Herdentrieb, Gier und Panik die dominierenden Faktoren bei den Entscheidungen der Akteure sind, hat sich über die Jahrzehnte immer wieder gezeigt. Erstaunlich, dass die Theorie diese Erkenntnis lange ignoriert zu haben scheint. Dass die Psychologie eine entscheidende Kategorie etwa bei Kaufentscheidungen hat, ist eine uralte Erkenntnis, der etwa die riesige Werbeindustrie ihre Existenz verdankt.

Der Mediziner Bernd Weber hat sich dieses Phänomen vorgenommen und im Kopf des Menschen zugesehen, was passiert – ganz buchstäblich, mit Hilfe hochmoderner Neurobildgebungsverfahren.

So konnte er bei bestimmten Präferenzen für Produkte, wie etwa Bio- oder Markenprodukte erhöhte Aktivitäten im Belohnungsbereich des Gehirns nachweisen, was erklären könnte, warum Menschen für bestimmte Produkte mehr Geld auszugeben bereit sind, obwohl diese deutlich teurer sind als vergleichbare Produkte.

Auch für den Frankfurter Betriebswirtschaftler Michael Kosfeld ist es unbestritten, dass das Modell des Homo oeconomicus zu kurz greift. Er legte den Fokus auf Entscheidungsprozesse in Gruppen und fragte nach den Faktoren, die dort wirksam sind – von Vertrauen und Anreizen bis zu Kontrolle und Überwachung.

Ganz offensichtlich, so Kosfeld, seien rein materielle Anreize oft nicht ausreichend, um Gruppen oder Einzelne zu bestimmten Handlungsweisen zu motivieren, so, wie es nach dem alten Modell eigentlich funktionieren müsste. Kosfeld brachte andere Motivationen ins Spiel, etwa die Anerkennung, die der Einzelne durch sein Handeln in der Gruppe sucht und findet.

Ein ganz anderes Fass machte der Bonner Psychologe Martin Reuter auf, der neueste Erkenntnisse der Genetik mit Fragen des Entscheidungsverhaltens verknüpfte. Nach eigenen statistischen Erkenntnissen gibt es beispielsweise eine auffallende Übereinstimmung zwischen einer bestimmten, sehr häufig in der Bevölkerung vorkommenden Genvariante mit einer Verhaltensweise, die auf Vertrauen und Altruismus aufbaut. Neben dem Bauch und dem Kopf sind also offensichtlich auch noch die Gene mit im Spiel, wenn es um das Wirtschaftssubjekt geht.

Die Wirtschaftswissenschaften haben einen spannenden Weg eingeschlagen, den Gert G. Wagner, der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, unbescheiden als „Paradigmenwechsel“ bezeichnet.

  JOHANNES WENDLAND

Von Johannes Wendland Tags:

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