Kultur 07.01.2000, 17:23 Uhr

Von Flatanern und Weltraumsegeln

Wie werden wir leben im neuen Jahrtausend? Nicht ohne Haushaltsroboter, und vermutlich werden wir auch den Orbit ausbeuten. So jedenfalls sehen es Kinder und Jugendliche.

Was wünschen sich Kinder? Na klar, einen Roboter, der Hausaufgaben macht. Die Frage ist kaum gestellt, da schnellen alle Arme hoch. Jubelnd ruft Timor es in die Runde, und alle nicken eifrig. Wenn der Roboter die lästigen Sache erledigt, dann bleibt doch Zeit für all die anderen schönen Dinge – Skaten, Computerspiele spielen, Rumtollen, argumentiert der Neunjährige. Der Einwand, dass dann doch der Roboter eines Tages klüger sei als er, bremst die Euphorie ein wenig. Aber locker lassen wollen sie alle nicht. Wenn kein Meister, dann eben ein Sklave. In der Gruppenarbeit entwickeln die Schüler einer Düsseldorfer Montessori-Schule ein Modell für einen persönlichen Roboter, genannt Flataner, ein Acronym aus den Anfangsbuchstaben der neun Kindernamen. Auch er ist eine Art Alleskönner, aber eben doch nicht mehr als ein Assistent.

Sonnenbatterie im Bauch des Roboters

Auf ein fast mannsgroßes Stück Tapetenrolle zeichnen sie eine Skizze von Flataner. Aus Blech soll sein, auch die ursprüngliche Farbe behalten, und damit durchaus als künstliches Wesen erkennbar sein. Freilich, da haben sich die Science-Fiction-Bilder in den Kinderköpfen schon verselbstständigt, hat die Maschine Arme, Beine, einen Kopf, der sich in alle Richtungen drehen lässt, und einen Rumpf. In ihm sitzt unter einer durchsichtigen Klappe, die mit einem Schlüssel verschlossen werden kann, die Batterie: „eine wiederaufladbare Solarbatterie“, erklärt Felix.
„Mit der Antenne auf dem Kopf kann er Nachrichten empfangen“, weiß Lisa. Und dass Flataner über Telefon und Internet erreichbar ist, ist für die Kids fast selbstverständlich. Seine Aufgabe: Jeden Tag steht er einem oder einer aus der neunköpfigen Gruppe zur Verfügung. Er macht Frühstück, begleitet ihn oder sie in die Schule und hilft anschließend bei den Hausarbeiten. Hilft, wohlgemerkt, er macht sie nicht selbst. Das heißt, er erklärt Aufgaben, die nicht verstanden werden oder erinnert an Dinge aus dem Unterricht, die schon wieder vergessen sind.
In besonderen Situationen sind die Kids auch bereit, ihren persönlichen Begleiter an Erwachsene auszuleihen, sagen sie gönnerhaft. Für die soll Flataner dann Rasen mähen, spülen, putzen, „eben all die lästigen Arbeiten machen“, betont Lisa.
Der Roboter ist für diese Kids der Inbegriff für Technik schlechthin. „Kinder denken meist an das Nützliche“, sagt der Münchener Jugendforscher Claus Tully, „sie wünschen sich Erleichterung.“ Flataner aber ist auch Beleg dafür, wie aufmerksam die Kleinen die technischen Entwicklungen ihrer Zeit verfolgen. „Mein Vater guckt immer im Internet nach Grundstücken“, erzählt einer. Ein anderer berichtet von den Rechnungen, die der Papa in der Werkstatt auf dem Computer schreibt. Und ein dritter schließlich erzählt von den Solarzellen, die die Familie auf das neue Haus setzen will.
Wenn nicht nützlich, dann muss Technik Spaß machen. Als zweites auf der Wunschliste stehen für Felix und Timor die „Skater mit Düsenantrieb“. Liegt“s an Daniel Düsentrieb? Oder ist die Düse noch immer die Metapher schlechthin für Geschwindigkeit – Skater mit Düsenantrieb sind auch der Wunsch von Davis und Peter, Viertklässler aus einem ganz anderen Stadtviertel. Um zu zeigen, wie jemand aussieht, der mit diesen Teilen durch die Gegend flitzt, haben sie aus Knete ein Männlein gebastelt. An den Füßen sind die Flitzer befestigt, in der Hand hält es ein Bumerang-ähnliches Teil: „Der Lenker“, erläutert Davis, „der ist über Infrarot mit den Skatern verbunden.“
Was aber sind schon Skater gegen ein fliegendes Haus? Es enthält alles, was ein moderner Nomade braucht: mehrere komfortabel ausgestattete Zimmer, Fernsehen, Telefon, Internet. „Damit kann man überall hin“, träumt sein Erfinder Timur, „auch in die Türkei. Man ruft an, und bekommt eine Landegenehmigung“. Wer weiß, wie viele Stunden dieser Knirps schon im Stau irgendwo auf dem Balkan gestanden hat.
Schnelligkeit, das zeigt sich bald, ist ein Jungentraum, ebenso der Wunsch zu fliegen. Denn neben dem fliegenden Haus gibt es auch das Modell einer fliegenden Stadt. Wenn Mädchen sich einen größeren Radius und mehr Beweglichkeit wünschen, dann sind sie schon mit bequemer Fortbewegung zufrieden. „Ein Stuhl mit Rollen“ ist Melanies Traum, und „Schuhe, die von allein gehen, damit man keine Blasen bekommt“, das ist Naimas sehnlichster Wunsch. Schmächtig, wie sie ist, glaubt man ihr sofort, dass lange Strecken für sie kein Genuss sind.
Sibal wünscht sich einen „Tornister, der laufen kann“. Damit seine Besitzerin in den belebten Straßen des Düsseldorfer Regierungsviertels nicht verloren geht, bietet der Tornister auch Halt: „Er kann Händchen geben“, versichert seine Erfinderin und zeigt das Modell: Eine knatschgrüne Tasche mit Gesicht, spillerigen Beinen und schlackrigen Armen.
Lauras und Nancys Vorstellungen von technischen Innovationen lassen darauf schließen, dass in den meisten Familien Küchenarbeit noch immer Frauen- und Mädchensache ist. Aus Blechdosen haben sie ein Modell für „mother“s little helper“ gebastelt, ein Alleskönner, der Frühstück macht, fegt, spült, putzt, Betten macht und der Tochter Zeit für Schöneres lässt.
Ganz klar, als Viertklässler hat man noch Träume. Die sind mit 16 vorbei. Kaum einer der jungen Erwachsenen im Düsseldorfer Humboldt-Gymnasium gestattet sich noch persönliche Technik-Visionen, dazu sind sie viel zu gut informiert. DVD, MP3, oder ADSL – diese Begriffe entlocken allenfalls dem Lehrer ein Stirnrunzeln. Entsprechend ausgefeilt sind die Vorstellungen künftiger Technik, die die jungen Leute entwickeln. Die Zukunft, das wird deutlich, sollte möglichst eine Fortsetzung der Gegenwart sein sollte. Motto: schneller, besser, effizienter.
Wichtig vor allem für die jungen Männer: die Eroberung des Weltraums. Warum? „Es liegt in der Natur der Menschen, nach Grenzen zu suchen“, philosophiert Simon Höhner, „jetzt steht eben der Weltraum an.“ „Die Erde ist verbraucht“, sagt ein anderer und sogar das Reizwort vom „Umsiedeln auf einen anderen Planeten“ fällt. Schon brandet die Debatte hoch. Darf die Erde, die Natur ausgebeutet werden? Lohnt es sich, Milliarden in die Raumfahrt zu investieren? Wäre es nicht besser, das Geld für Grundbedürfnisse der Armen weltweit auszugeben, statt in teure Hightech zu stecken?
Geht es nach Arun Nanda, dann hat die Raumfahrt Zukunft. Basta. Der unmittelbare Vorteil liegt ebenfalls auf der Hand: „Wer will, kann mit iridiumgestützten Handys die Tante im Urwald anrufen.“ Unabhängig davon sieht er eine neue Generation „wiederverwendbarer Space Shuttle“ sowie „Flüge zum Mars“ am Horizont. Jörg Schaft kann sich „Solarkollektoren im Orbit“ vorstellen, „das Strom zur Erde sendet“, oder gar „Bergbau auf dem Mond“. Beides Konzepte, über die sich Forscher weltweit längst die Köpfe zerbrechen.
Gi-Hwan Na hält eine Weiterentwicklung der Bionik für wünschenswert. Damit sollen „defekte Körperteile eines Menschen durch technische Implantate, die realitätsgetreu aussehen und funktionieren“, ersetzt werden. Das, was an Organen bereits vorhanden sei, reiche noch nicht aus, um Cyborgs, jene Wesen, halb Mensch, halb Maschine, zu basteln, bedauert er. Da ist es nur ein kleiner Trost, wenn Arun Nanda von den „Robotern in Ärztekitteln“ schwärmt, die „millimetergenau arbeiten, ohne die Krankenschwester nach Tupfern zu fragen“. Roboter, da ist sich der 16-Jährige sicher, werden künftig „der beste Freund des Menschen“ sein. Einer ihrer vielen Vorteile: „Die Kontrolle und die Nerven verlieren sie nie.“

Scheue Mädels, wortgewaltige Jungs

Skeptiker mögen hinter diesen Vorstellungen einen naiven, euphorischen Technikglauben, ähnlich dem der Nachkriegszeit wittern, doch damit täten sie den jungen Menschen Unrecht. Denn die können sehr wohl die Schattenseiten der Automatisierung erkennen Das zeigt die anschließende Diskussion. Sie wissen, dass es die sogenannten „information rich“ und die „information poor“ gibt, dass immer mehr Arbeitslose aufs Konto der Informationstechnik gehen, und sie spotten über einen möglichen „robotergesteuerten Menschenzoo“. Gleichwohl halten sie die technische Entwicklung für unaufhaltsam, kaum oder wenig steuerbar. Und sie unterscheiden sich dabei kaum von Erwachsenen. Die überragende Mehrheit geht davon aus, dass wir künftig „von Computern regiert werden“, ergab jüngst eine Umfrage des Dimap-Instituts, Bonn.
Wortführer in dieser Debatte sind die Jungen. Die Mädchen scheuen sich, ihre Vorstellungen preiszugeben. Zumindest öffentlich. Fast verschämt reichen sie nach der Stunde Zettel mit kurzen Aufsätzen über den Tisch. Alexandra Ziefer etwa entwickelt präzise Vorstellungen von „innovativen Techniken“, um die CO2-Emissionen zu mindern. Würden die Investitionskosten gesenkt, wären mehr Städte und Gemeinden bereit, ein Biomasse-Kraftwerk zu installieren, glaubt sie. Auch „der Einsatz von Solarzellen könnte deutlich höher sein“, schätzt sie, „wenn deren Anschaffung nicht mit über 1000 DM pro m2 zu Buche schlagen würde.“ Wäre die Solarzellenproduktion billiger, könnten auch Mittelständler einsteigen und damit Arbeitsplätze schaffen, formuliert sie vorstandsreif. Sylvia Ostmann träumt ebenfalls von umweltfreundlicher Energiegewinnung. Ganz oben auf ihrer Liste aber steht das „Gegenmittel gegen Viren“, mit dem auch das „HIV-Virus endlich bekämpft werden kann.“
Ach, Mädels! Warum nicht lauter? HC
Naima wünscht sich „Schuhe, die von selbst laufen“. Flataner nennen Schüler einer Düsseldorfer Montessori-Schule ihren Roboter, der sie durch den Alltag begleitet.
Gut informiert und vom Weltraum fasziniert: Der Physik-Grundkurs des Düsseldorfer Humboldt-Gymnasiums.

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