Technik und Kultur 05.06.2009, 19:41 Uhr

Vom Roten Platz ins Museum  

Die Cessna, mit der Mathias Rust vor 22 Jahren in der Moskauer Innenstadt landete, ist jetzt im Deutschen Technikmuseum Berlin zu sehen. Die Präsentation ist der Einstieg in eine Dauerausstellung zum Thema „Fliegen über den Eisernen Vorhang“. VDI nachrichten, Berlin, 5. 6. 09, has

Die Cessna 172 „Skyhawk“ ist so etwas wie der VW Käfer des Kleinflugzeugbaus. Ein Exemplar ist seit wenigen Tagen im Deutschen Technikmuseum Berlin zu sehen, ein auf den ersten Blick unscheinbares, von Wind und Wetter gegerbtes. Und doch ist es das wohl berühmteste seines Typs – das Flugzeug, mit dem der damals 19-jährige Mathias Rust am 28. Mai 1987 nahe des Roten Platzes in Moskau landete und damit dem Schlusskapitel des Kalten Kriegs eine skurrile Episode anfügte.

Die Aktion machte seinerzeit weltweit Schlagzeilen, war es dem jungen Flieger in seiner waghalsigen Aktion doch gelungen, die Luftabwehr der damaligen Supermacht Sowjetunion zu narren. Rust, der seine lebensgefährliche Aktion als „Friedensflug“ bezeichnete, hatte das Flugzeug von einem Hamburger Flugsportverein geliehen und war zwei Wochen lang über die Shetlandinseln, Island und Norwegen nach Finnland geflogen, von wo aus er zu seinem knapp 600 km langen, unangemeldeten Flug über das damalige Leningrad bis nach Moskau startete. Die sowjetische Luftverteidigung hatte das Eindringen der Cessna zwar mitbekommen und auch einige Kampfflugzeuge aufsteigen lassen, doch offensichtlich hatte man diesen kleinen Flieger nicht richtig ernst genommen. Nach seiner Landung gab Rust zunächst unbehelligt Autogramme, bevor er festgenommen wurde.

Für den damaligen Staats- und Parteichef Michael Gorbatschow war die Landung im Herzen der sowjetischen Hauptstadt eine internationale Blamage. Er reagierte hart und entließ fast unmittelbar seinen Verteidigungsminister und den Chef der Luftverteidigung. Im September des gleichen Jahres wurde Rust in Moskau der Prozess gemacht. Wegen illegaler Einreise, Verletzung der Luftfahrtsregelungen und Rowdytums wurde er zu vier Jahren Arbeitslager verurteilt. Tatsächlich musste er aber nur 14 Monate im Gefängnis absitzen, bevor er in die Bundesrepublik ausreisen durfte.

Verwickelter war da schon das weitere Schicksal des Flugzeugs, das die Sowjetunion nach der Landung zunächst beschlagnahmt hatte. Nach vier Monaten wurde die damals weltberühmte Cessna wieder freigegeben. Angezogen vom vermeintlichen Wiedererkennungswert erwarben die Münchner Modefirma MCM und der Kosmetikhersteller Azuma Royal das Flugzeug von dem Hamburger Verein und ließen es aus Moskau nach Deutschland zurücktransportieren. Die Absicht, mit dem Flugzeug öffentlichkeitswirksam „Friedensflüge“ zu veranstalten, unterband die Bundesregierung jedoch, um das Verhältnis zur Sowjetunion nicht weiter zu belasten.

Nachdem das Flugzeug eine Zeit lang in München in der Nähe des Olympiageländes ausgestellt war, erwarb es 1988 ein in Japan lebender iranischer Geschäftsmann, der es nach Japan überführte. Auch dort musste die Cessna am Boden bleiben, weil die japanische Regierung diplomatischen Verwicklungen aus dem Weg gehen wollte. In dem folgenden 15 Jahren war das Flugzeug am Eingang eines Sportklubs in der Stadt Utsonomiya nördlich von Tokio als Attraktion ausgestellt. Nach dem Bankrott des Besitzers wurde es 2003 weiterverkauft und von seinem neuen Eigentümer in einer Halle eingemottet.

Im Frühjahr 2008 erhielt das Berliner Museum einen Hinweis auf den Verbleib des Flugzeugs. Die Luft- und Raumfahrtabteilung des Deutschen Technikmuseums ist bekannt dafür, seit vielen Jahren Flugzeuge mit einem technik- und zeitgeschichtlichen Wert aus den entlegensten Winkeln der Erde in die deutsche Hauptstadt zu holen.

Das Deutsche Technikmuseum stellt die Rust-Maschine in den Kontext einer kleinen Ausstellung unter dem Titel „Fliegen über den eisernen Vorhang“, die in der kommenden Zeit weiter ausgebaut werden soll. Zu sehen sind unter anderem zeitgenössische TV-Ausschnitte über die Rust-Aktion aus ost- und westdeutschen Nachrichtensendungen. Auffallend ist dabei die ungewöhnlich offene Kritik am Verhalten der sowjetischen Militärs in der DDR-Nachrichtensendung „Aktuelle Kamera“, ein Ausdruck für das Abrücken des Honecker-Staats von der Glasnost- und Perestroika-Politik Gorbatschows.

Und was ist aus Mathias Rust geworden? Von Zeit zu Zeit geisterte der Name durch die Presse wegen Gerichtsverfahren gegen seine Person. Heute soll er zurückgezogen als professioneller Pokerspieler in Berlin leben. J. WENDLAND

Von J. Wendland

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