Kultur 06.05.2005, 18:38 Uhr

„Überzogene Erwartungshaltung“  

Heftige Kritik hat der Historiker Rainer Karlsch mit seiner Behauptung ausgelöst, die Nazis seien vor den Amerikanern im Besitz von funktionsfähigen Kernwaffen gewesen. Physiker halten dies für unmöglich und viele Historiker die Beweislage für nicht ausreichend. Bodenproben könnten eine Antwort geben.

VDI nachrichten: Herr Karlsch, wie ist es aus Ihrer Sicht zu dem Eklat um Ihr Buch gekommen?

Karlsch: Es gab in Teilen der Presse eine überzogene Erwartungshaltung gegenüber meinem Buch, die zum Teil durch die Verlagswerbung und die Wahl des Buchtitels verursacht wurde. Viele haben offensichtlich das Buch gar nicht gelesen und sind einfach den Kritiken in manchen Medien gefolgt. Wenn man von Kernwaffen spricht, dann denken die meisten Menschen sofort an Hiroshima und Nagasaki und gehen davon aus, dass eine Atombombe nur so konstruiert worden sein kann, wie dies die Amerikaner getan haben. Von solchen Atombomben des „klassischen Typs“ ist bei mir aber nicht die Rede.

VDI nachrichten: Sie schreiben das Kernwaffenprogramm der Nazis einer Forschergruppe um den Physiker Kurt Diebner und den Leiter der deutschen Atomforschung Walther Gerlach zu. Warum wusste die Geschichtsforschung bislang davon nichts?

Karlsch: Die Forschung ist sehr lange der auf Carl Friedrich von Weizsäcker zurückgehenden Legende aufgesessen, dass nur die Physikergruppe um Werner Heisenberg eine Atombombe hätte bauen können. Während Heisenberg und Weizsäcker – die dem NS-Regime distanziert gegenüberstanden – dies aus moralischen Gründen abgelehnt hätten, seien regimetreue Wissenschaftler wie Diebner angeblich nicht qualifiziert genug gewesen. Dabei verfügte Diebner nachweislich über das bessere Konzept für den Bau eines Reaktors, und er besaß auch das Wissen, um eine Bombe bauen zu können. Komplett neu zu bewerten sind also die Rollen von Wissenschaftlern aus der „zweiten Reihe“ sowie die Aktivitäten der Reichspost und der SS auf kernphysikalischem Gebiet.

VDI nachrichten: Im Herbst 1944 soll es auf Rügen und im März 1945 im thüringischen Ohrdruf zu atomaren Explosionen gekommen sein. Die Validität der von Ihnen angefertigten Bodenproben wird angezweifelt.

Karlsch: Die physikalischen Analysen sind aufwändig und auch sehr teuer. Ohne ein öffentliches Interesse sind solche Untersuchungen nicht durchzuführen. Wir sind allerdings der Meinung, dass die von uns angestoßenen Untersuchungen, die immerhin von fünf renommierten Instituten durchgeführt wurden, belastbare Indizien für den Reaktor und die Tests ergeben haben.

VDI nachrichten: Wie viel Glaubwürdigkeit sprechen Sie den Erinnerungen militärtechnisch ungebildeter Zeugen beziehungsweise einem sowjetischen Geheimdienstbericht zu, den Sie in einem Moskauer Archiv entdeckt haben?

Karlsch: Natürlich muss man Zeitzeugenaussagen kritisch hinterfragen. Wenn allerdings mehrere von unterschiedlichen Personen zu unterschiedlichen Zeiten getroffene Aussagen in den entscheidenden Punkten übereinstimmen, dann sind dies starke Indizien. Bereits im Bericht des sowjetischen Militärgeheimdienstes vom März 1945 wird von zwei großen Explosionen mit stark radioaktivem Effekt und zahlreichen getöteten Kriegsgefangenen gesprochen. Ganz ähnlich schilderten es Anfang der 60er Jahre deutsche Zeugen.

VDI nachrichten: Es gilt als ausgeschlossen, dass es damals genügend Spaltmaterial zum Bau atomarer Waffen gegeben hat. Weshalb kommen Sie zu anderen Schlüssen?

Karlsch: In der Tat war nicht genügend spaltbares Material für den Bau von Bomben des „klassischen Typs“ vorhanden. Das behaupte ich auch nicht. Es gibt allerdings dutzende Wege für den Bau von Kernwaffen. Bereits mit wenigen hundert Gramm hoch angereichertem Uran ist der Bau taktischer Kernwaffen möglich. Keiner der Kritiker hat bisher versucht nachzuvollziehen, welche Wege den deutschen Wissenschaftlern für die Gewinnung von Spaltstoffen offen standen. Dabei sind die Reste von Anlagen, mit denen dies geschah, teilweise noch heute zugänglich.

VDI nachrichten: Um welche Anlagen handelt es sich?

Karlsch: Es handelt sich wahrscheinlich um die Reste elektromagnetischer Isotopentrennanlagen der Reichspost in der Nähe von Bad Saarow, unweit von Berlin. Gebaut wurden die Anlagen nach Entwürfen von Manfred von Ardenne. Im Betonputz konnten Spuren von Uran 235 nachgewiesen werden. Andere Überreste technischer Anlagen sind in Polen und Böhmen zu finden. All diese Standorte sind bisher noch überhaupt nicht untersucht worden. Es ist daher vermessen, a priori zu behaupten, im Dritten Reich wäre gar kein spaltbares Material vorhanden gewesen.

VDI nachrichten: Ihre These, dass 1945 in Thüringen die Hohlladungstechnik für eine nukleare Kettenreaktion benutzt worden sei, ist auch angezweifelt worden. Worauf stützen Sie sich?

Karlsch: Diese These ist arg verkürzt wiedergegeben worden und wurde öffentlich bisher nur von Experten diskutiert, die nicht aus der Kernwaffenforschung kommen. Eine Einleitung von Kernreaktionen allein auf chemischem Wege ist sehr schwierig, aber nicht unmöglich. In den USA, Russland und in Polen wurden solche Versuche seit den 50er Jahren durchgeführt. Das kann man alles nachlesen. Trotzdem schreibe ich an keiner Stelle, die Kernreaktionen seien allein durch Hohlladungstechnik – ein Professor schrieb gar von einer Panzerfaust – ausgelöst worden. Das ist reiner Unsinn. Im Übrigen ist vieles in Fachzeitschriften, selbst im Internet zu lesen.

VDI nachrichten: Hat es sich nun um eine „klassische“ Atombombe oder um eine „schmutzige Bombe“ gehandelt?

Karlsch: Weder noch. Vielmehr kam eine Kombination aus Kernspaltung und Fusion zum Tragen. Fachleute sprechen daher von Hybridbomben. Dafür benötigt man nur eine kleine Menge Spaltstoff und Fusionsmaterial.

VDI nachrichten: Wann sind die Ergebnisse des Physikalisch-Technischen Instituts (PTB) in Braunschweig zu erwarten, das in Ohrdruf ebenfalls Bodenproben entnommen hat?

Karlsch: Die weiteren Analysen der PTB sind entscheidend für die Abrundung der Beweise. Als Historiker kann ich so viele Dokumente und Zeugen präsentieren wie ich will, Physikern wird all das nicht reichen. Sie wollen detaillierte Messwerte sehen. Daran wird gearbeitet und die Ergebnisse werden dann hoffentlich noch in diesem Jahr präsentiert. Bitte bedenken Sie auch, dass solche Messungen sehr teuer sind. Ein einzelner Wissenschaftler kann das nicht leisten. Hoch interessante Hinweise habe ich von Geophysikern der Universität Hamburg erhalten. Bereits 1944/45 gab es ein halbes dutzend seismische Stationen, die genau an den von mir genannten Tagen und Regionen die Tests registriert haben. Auch dazu wird jetzt ein Gutachten verfasst. H. MERSCHMANN

Von H. Merschmann

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