Ausstellung 09.04.2010, 19:45 Uhr

Trickreiche Kunstgriffe der Macht  

Warum Politiker und Manager sich gern mit Kunst schmücken, zeigt die aufschlussreiche Ausstellung „Macht zeigen – Kunst als Herrschaftsstrategie“ des Deutschen Historischen Museums in Berlin. VDI nachrichten, Berlin, 9. 4. 10, cha

Wer sich heute als Mächtiger darstellen lassen möchte, ist gut beraten, sich fotografieren zu lassen. Und das nicht vor einem Schloss, in einem teuren Automobil oder auf einem Thron sitzend, sondern vor einem Kunstwerk. Am besten vor einem, das die Handschrift eines angesagten zeitgenössischen Künstlers trägt. Das verrät nicht nur Macht und Einfluss, sondern auch Kultur, Kennerschaft und, wenns gut geht, Geschmack.

Früher nannte man dieses künstlerische Genre einmal Herrschaftsbild. Könige und Fürsten ließen sich mit den Insignien und Symbolen ihrer Macht von berühmten Malern ihrer Zeit abbilden. Wir leben aber im Zeitalter der Demokratie. Das Herrschaftsbild ist tot, es lebe das schlichte Porträt. Und statt des Gemäldes wird lieber die Fotografie gewählt. Doch auch von solchen Bildern können Machtansprüche ausgehen. Die äußerst sehenswerte Ausstellung „Macht zeigen – Kunst als Herrschaftsstrategie“ des Deutschen Historischen Museums in Berlin bietet hierfür Anschauungsmaterial in Hülle und Fülle.

Politiker wie Gerhard Schröder, Guido Westerwelle oder Klaus Wowereit haben erkannt, welchen Mehrwert Kunstwerke für ihre öffentliche Selbstdarstellung haben. Die Männerfreundschaft von Ex-Kanzler Schröder mit dem vor zwei Jahren gestorbenen Maler Jörg Immendorff hat wesentlich zum Image des Kanzlers der Künstler und Intellektuellen beigetragen. FDP-Chef Westerwelle, der sein Privatleben lange abzuschotten versuchte, hatte keine Einwände, als er bei Besuchen in Berliner Galerien oder zu Hause beim Hängen eines Bildes zusammen mit dem jungen Maler Norbert Bisky – dem Sohn des PDS-Politikers Lothar Bisky – fotografiert wurde. Und auch der Berliner „Party“-Bürgermeister Wowereit ließ sich in seinem Amtszimmer breitenwirksam von einer Boulevardzeitung fotografieren – vor Bildern von Künstlern der Kreuzberger Szene der 1980er-Jahre.

Manche Könige ließen sich selbst als Bildschöpfer darstellen

Doch die eigentlichen Herrscher der Gegenwart sind nicht die Politiker, sondern die Konzernchefs. Und auch deren Repräsentationsbedürfnis bedient sich gern und oft der Kunst. In einer scheinbar endlosen Reihung sind in der Ausstellung Porträtfotos von Managern und Unternehmern vor Kunstwerken gehängt, sodass das Individuelle der jeweiligen Darstellung in der Menge untergeht. Die Inszenierung ist ein Klischee. Und doch machen sie alle mit – fast ausschließlich Männer in höherem Alter, ein Spiegelbild der Führungselite in den deutschen Unternehmen.

Wie die Ausstellung belegt, gibt es interessanterweise sogar bei der Kunst Übereinstimmungen, die im Hintergrund dieser Porträtbilder zu sehen ist. Das Paradigma der westdeutschen Kunst seit den frühen 1950er-Jahren war die abstrakte Malerei. Und so sind auf diesen Bildern überwiegend Werke von Künstlern wie Emil Schuhmacher, Ernst Wilhelm Nay oder Max Bill zu sehen. Nur selten einmal wird es gegenständlich. Dafür gibt es mehrere Gründe. Das Motiv eines darstellenden Gemäldes könnte die Absicht des Porträts durchkreuzen oder in das Bild ungewollte Bedeutungen einschmuggeln. Zugleich unterstreicht die Abstraktion die Bindung an die internationale Moderne, an den Westen und damit den Bruch mit der bieder-figurativen Kunst der NS-Zeit.

In einer kurzen historischen Einleitung weist die Ausstellung auf die Geschichte des Verhältnisses von Kunst und Macht bis in die NS-Zeit hin, mit wenigen, sehr sprechenden Beispielen. So lässt 1651 Erzherzog Leopold Wilhelm, der Statthalter der spanischen Niederlanden, von dem Maler David Teniers elf Darstellungen seiner Kunstsammlung nach dem Prinzip „Bild im Bild“ anfertigen. Diese wurden an verschiedene europäische Höfe geschickt – mit einer jeweils auf den Adressaten zugeschnittenen Auswahl an Kunstwerken.

Die königlichen und fürstlichen Kunstsammlungen standen seit jeher im Wettbewerb untereinander. Davon profitieren heute die öffentlichen Museen in den ehemaligen Residenzstädten, die auf diese Sammlungen zurückgehen. Dass die Könige und Fürsten jeweils ein sehr unterschiedliches Verhältnis zu den Künstlern ihrer Zeit pflegten, unterschlägt die Ausstellung nicht. So haben sich manche Könige selbst als Bildschöpfer darstellen lassen, die ihren Künstlern buchstäblich den Pinsel führen. Am anderen Ende der Skala liegt jene Buchillustration, die Kaiser Karl V. dabei zeigt, wie er seinem Malerstar Tizian den heruntergefallenen Pinsel vom Boden aufhebt – eine Demutsgeste gegenüber einem Künstler, dessen Rang schon seine Zeitgenossen erkannt haben.

Die Perversion des Verhältnisses von Kunst und Politik erlebt das 20. Jahrhundert. Während Hitler sich im Zweiten Weltkrieg europaweit in den okkupierten Ländern eine Kunstsammlung zusammenrauben lässt und die Moderne im eigenen Land auszurotten versucht, stilisiert sich Hermann Göring in seinem kitschig-heimattümeligen Anwesen Carinhall als kunstsinniger Fürst. Dieses Gebäude war bis unters Dach gefüllt mit Kunst, die teilweise geraubt, teilweise im Auftrag von zeitgenössischen Malern angefertigt worden war. Dass nach dieser düsteren Epoche das Verhältnis von Künstlern und Mächtigen zerrüttet gewesen wäre, widerlegt die Ausstellung überzeugend. Kunst geht nach Brot.

Es gibt aber auch Künstler, die kritisch auf die Vereinnahmung durch Politik und Wirtschaft reagieren. Einige Beispiele hierfür stehen am Ende des aufschlussreichen Rundgangs. So hat das britische Fotografenduo Clegg und Guttmann einige Mitglieder des Kabinetts der rot-grünen Koalition vor schwarzem Hintergrund aufgenommen. In einem zweiten Abzug haben sie ausschließlich die gefalteten Hände und die Krawatten der Abgebildeten dargestellt – eine ebenso witzige wie entlarvende Studie über die Gesten der Macht. Clegg und Guttmann haben auch das Topmanagement der Deutschen Bank porträtiert, diesen Auftrag aber nur unter der Bedingung angenommen, dass sie Abzüge zur freien Verwendung etwa in eigenen Ausstellungen behalten können. Ebenso forderten sie volle Entscheidungsfreiheit über die Komposition des endgültigen Bildes.

Die Künstler stellten Hilmar Kopper und Rolf-Ernst Breuer also Bedingungen, die diese nicht ablehnen konnten. Anderenfalls wären keine Bilder entstanden. Wem – außer Künstlern – würden sich die Mächtigen der heutigen Zeit in einem solchen Ausmaß unterwerfen?

JOHANNES WENDLAND

Von Johannes Wendland

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