Verletzter Höhlenforscher 16.06.2014, 13:25 Uhr

Steilwand stellt Bergungsteam vor extreme Herausforderung

Tag drei des Aufstiegs aus der Riesending-Schachthöhle im Berchtesgadener Land: Die aktuelle Etappe stellt das Bergungsteam für den verunglückten Höhlenforscher Johann Westhauser vor eine extreme Herausforderung. Es muss eine spiegelglatte Steilwand überwinden. Der Verletzte wird voraussichtlich per Flaschenzug heraufgezogen. Zwei Tage wird diese Etappe voraussichtlich dauern – Aufatmen ist aber auch danach noch nicht angesagt. 

Der Eingang der Riesending-Schachthöhle am Untersberg (Bayern) befindet sich in rund 1800 Metern Höhe.

Der Eingang der Riesending-Schachthöhle am Untersberg (Bayern) befindet sich in rund 1800 Metern Höhe.

Foto: dpa/Bayerisches Rotes Kreuz/Markus Leitner

120 Retter aus mehreren Ländern, ein Verletzter in rund 1000 Meter Tiefe, der Höhleneingang in 1800 Metern Höhe und Tag neun der Rettungsaktion für den verletzten Höhlenforscher Johann Westhauser, der durch einen Steinschlag vor mehr als einer Woche ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten hat: Die Zahlen rund um das Drama in der Riesending-Schachthöhle im Untersberg im Berchtesgadener Land sind beeindruckend. Am heutigen Montag und wohl auch am morgigen Dienstag noch zählt aber vor allem die Drei. Diese Nummer trägt das Biwak, das die Retter mit dem Verletzten derzeit ansteuern.

Die aktuelle Strecke zwischen Biwak 4, von dem aus die Gruppe am Sonntag nach einer Ruhepause weitergegangen war, und Biwak 3 auf etwa 700 Metern Höhe gilt als extrem schwierig. Deshalb kann es bis zu zwei Tagen dauern, bis die Gruppe dort ankommt. Ärzte aus Slowenien, Österreich und Deutschland betreuen den Verletzten abwechselnd auf dieser Strecke; mindestens einer ist immer bei ihm. In der Höhle gibt es insgesamt fünf Biwaks, damit die Höhlenforscher nicht jedes Mal die komplette Technik, Schlafsäcke und Lebensmittel mit herunterbringen mussten. Bei der aktuellen Rettungsaktion dienen die Lager als Etappenziele, an denen die Retter sich ein wenig erholen und ablösen können, bevor der nächste Abschnitt folgt. Der Unfall am Pfingstsonntag hatte sich in der Nähe von Biwak 5 in fast 1000 Metern Tiefe ereignet.

Auf die Retter wartet eine spiegelglatte Steilwand

Gab es auf dem Weg zum Biwak 4 auf 900 Metern Höhe neben einer Reihe von schwierigen Stellen noch viele fast waagerechte Gänge, wartet auf dem aktuellen Abschnitt unter anderem eine spiegelglatte Steilwand. Ein österreichisches Team von Alpinisten hat diese Strecke für den Transport vorbereitet: Nach Auskunft der Bergwacht muss Westhauser hier senkrecht in die Höhe gezogen werden – voraussichtlich an Flaschenzügen oder Pendeln. Dazu könnten einige Kletterer als Gegengewichte die andere Seite der Wand hinunterlaufen.

Ein Retter seilt sich in rund 1800 Metern Höhe am Eingang der Riesending-Schachthöhle ab. Der schwer verletzte Höhlenforscher befand sich zunächst in 1000 Meter Tiefe. Bei der aktuellen Bergungsetappe muss eine spiegelglatte Steilwand überwunden werden.

Ein Retter seilt sich in rund 1800 Metern Höhe am Eingang der Riesending-Schachthöhle ab. Der schwer verletzte Höhlenforscher befand sich zunächst in 1000 Meter Tiefe. Bei der aktuellen Bergungsetappe muss eine spiegelglatte Steilwand überwunden werden.

Foto: BRK BGL/dpa

Der Zustand des Verletzten sei weiterhin stabil, so die Bergwacht. Da die bisher verwendete Vakuumtrage jedoch zu voluminös ist, wird er jetzt in eine andere Trage umgebettet. Diese besteht aus Schaum, der aushärtet und so eine ideale Stabilisierung bietet. Das ist notwendig, weil gerade der Hals des Verletzten auf keinen Fall bewegt werden darf. Ganz wird sich das jedoch nicht durchhalten lassen: An manchen Stellen im weiteren Verlauf ist die Höhle so eng, dass man nur mit speziellen Atemtechniken hindurch passt. Johann Westhauser wird also trotz seiner Verletzungen stellenweise mitarbeiten müssen.

Aufatmen ist frühestens auf der letzten Etappe möglich

Nicht nur für den 52-Jährigen, der mit seinen Verletzungen nach Auskunft der Ärzte eigentlich auf eine Intensivstation gehört, ist der Weg ans Tageslicht eine Strapaze. Auch für die Retter, die vor und in der Höhle im Einsatz sind, ist die Aktion außerordentlich kräftezehrend: Sie arbeiten unter extremen Bedingungen – in bis zu 1000 Metern Tiefe, im Dunkeln, bei einer Temperatur von etwa drei Grad Celsius. Deshalb sind auch vor der Höhle erfahrene Notärzte im Einsatz, um die erschöpften Retter zu versorgen. Der Materialeinsatz ist ebenfalls hoch: So müssen zum Beispiel ständig Seile ausgewechselt werden, weil sie durch den Gebrauch von bisher fast 60 Kletterern in der Höhle schnell verschleißen.

Wenn die Etappe zu Biwak 3 voraussichtlich am Dienstag geschafft ist, heisst das noch lange nicht, dass die Retter aufatmen können – das geht frühestens ab Biwak 1, zumindest ein wenig. Daher halten sich die Sprecher mit Prognosen auch zurück. Mindestens eine Woche werde der Aufstieg insgesamt dauern, heißt es, möglicherweise auch etwas länger.

Die Rettungsaktion dauert bereits über eine Woche

Johann Westhauser hatte die Riesending-Schachthöhle Mitte der 90er Jahre mitentdeckt und kennt sie inzwischen gut. Er weiß also genau, was bei der Rettungsaktion auf ihn zukommt. Er ist erfahrener Höhlenforscher und selbst als Höhlenretter tätig. Am Pfingstsonntag war er durch einen Steinschlag schwer am Kopf verletzt worden. Seitdem versuchen mehrere höhlenerfahrene Notärzte, Dutzende ehrenamtliche Retter aus Deutschland, Italien, der Schweiz, Österreich und Slowenien sowie die Bergwacht Bayern unter Einsatz ihres eigenen Lebens, den 52-jährigen Johann Westhauser aus der größten und tiefsten Höhle Deutschlands zu bergen. Allein der Weg zu dem Verletzten beträgt rund 6,5 Kilometer, enthält extrem schwierige Passagen und dauert rund zehn bis zwölf Stunden. Am frühen Freitagabend hatte sich der Transport in Bewegung gesetzt, nachdem ein Notarzt den Verletzten vor Ort so gut wie möglich behandelt hatte. 

Von Judith Bexten

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