Kultur 30.07.1999, 17:22 Uhr

Später Ruhm für die „Theater-Konfektionäre“

Aus Anlaß des 100. Geburtstages der Grazer Oper zeigt das dortige Stadtmuseum eine Schau der Werke des Architektenduos Fellner & Helmer, das 43 europäische Opern- und Theaterhäuser baute.

Das Opernhaus in Graz wird 100: Anlaß für eine Ausstellung des Grazer Stadtmuseums über „Die Architekten der Illusion – Theaterbau und Bühnenbild in Europa“. Vor allem der Katalog wird weit über Graz hinaus beachtet. Denn nicht nur das Grazer Haus ist ein Bau des Wiener Architekten-Duos Fellner & Helmer, das in 43 Jahren gemeinsamer Arbeit 43 Opernhäuser, Theater und Varietés baute – neben anderem.
Als „Theater-Konfektionäre“ mißverstanden, neuerdings als „Workaholics“ charakterisiert, sind sie ein in der Architektur-Geschichte einzigartiges Phänomen. Darum hat sich das Grazer Museum auch bemüht, aktuelles Material von all den Theaterbauten zwischen Hamburg und Odessa heranzuschaffen. Die Ausstellung (bis 30. 10. 99) bleibt dennoch überschaubar.
Ferdinand Fellner (1847-1916) hatte das Wiener Architektur-Büro seines früh verstorbenen Vaters übernommen. Sein Partner Herman Gottfried Helmer (1849-1919) stammte aus Hamburg-Harburg. Die Schaffensperiode des Duos zwischen 1870 und 1914 fiel in eine Zeit grundlegender Veränderungen: Politisch forderte das selbstbewußter werdende Bürgertum seine eigene kulturelle und gesellschaftliche Repräsentation, gegründet auf vertiefter Bildung. Das wachsende Nationalbewußtsein innerhalb der Vielvölker-Staaten, vor allem Österreich-Ungarns, nutzte das Theater für die Durchsetzung oder Behauptung eigener Kultur und Sprache.
Ausreichende Bauplätze in zentraler Lage waren knapp und teuer. Fellner & Helmer bauten platzsparend und preisgünstig, die kalkulierten Kosten wurden öfter unter- als überschritten. Die Bezeichnung „Konfektionär“ war nur für den funktionellen Teil ihrer Arbeiten gerechtfertigt. Sonst wußten sie genau, wo und für wen sie bauten. Die Zeit des Historismus erlaubte Anleihen aus dem Stil-Fundus von Jahrhunderten.
Das Grazer Stadttheater (heute Opernhaus), das als deutsches Bollwerk am Rande des südslawischen Sprachgebietes gedacht war, griff auf den hier geborenen großen Barock-Baumeister Johann Bernhard Fischer von Erlach zurück. Andererseits wurde das Kroatische Nationaltheater (Zagreb) als Manifestation südslawischer Kultur unter der ungarischen Stephanskrone konzipiert. Ungarische Nationaltheater entstanden dagegen in Budapest und in Preßburg. Im damals ungarischen Banat war das Theater von Temesvár von Anfang an für deutsche und ungarische Aufführungen gedacht. Die Vielvölkerstadt Czernowitz (damals österreichisch, heute ukrainisch) bekam 1905 ein zunächst für deutsche Aufführungen gedachtes Haus.
Die Reihe der Bauten könnte ein Blick in die Architekturgeschichte sein. Wer das niedliche Theaterchen im ungarischen Kecskemét sieht (das in seinem altmodischen Plüsch-Charme gern für Filmaufnahmen verwendet wird), denkt vielleicht an Rokoko. Das Klagenfurther Stadttheater ist schon reinster Jugendstil, ähnlich wie das Wiener Konzerthaus, der größte und letzte Bau, der knapp vor dem Ersten Weltkrieg fertig wurde und soeben kostspielig restauriert und modernisiert wird. Bis zu fünf Säle sind dort bespielbar, dazu das „Akademietheater“, das für die hier untergebrachte Akademie für Musik und darstellende Kunst bestimmt war und heute das Kleine Haus des Burgtheaters ist.
Technisch baute das Duo ganz modern: Je zwei „kreuzungsfreie“ Treppen für jeden Rang, Logen und Ränge weniger zum „Gesehenwerden“ als zum guten Sehen und Hören. Einen dramatischen Einschnitt in der Entwicklung brachte 1881 der Brand des soeben erst eröffneten Wiener „Ringtheaters“ (nicht von F. & H. erbaut), bei dem 384 Menschen verbrannten, erstickten oder in der Panik erdrückt wurden.
Dieses Unglück war kein Einzelfall. Eine Statistik zählte für 1797 bis 1897 in der ganzen Welt 1115 Theaterbände auf. Allein zwischen 1876 und 1889 starben dabei 2215 Menschen. Man dachte intensiv über die Ursachen nach: die moderne Gasbeleuchtung mit ihren für Beschädigungen anfälligen Schläuchen, unsachgemäß verwendete Heizungs-Öfen, dazu Kohlenpfannen in den Souffleurkästen, die ständig dem Wind beim Öffnen und Schließen des Vorhangs ausgesetzt waren.
Die Einführung von elektrischem Licht, Zentralheizungen und Feuerlöschern konnte manches bessern. In Österreich wurde ein strenges Brandschutz-Gesetz erlassen, das heute zu wilder Rebellion mancher Regisseure führt: Eiserner Vorhang, der vor jeder Vorstellung und in der Pause erprobt werden muß und nicht durch Dekorationen behindert sein darf. Ständig brennendes Notlicht, Höchstbreite der Sitzreihen mit Mittelgang.
Für den Theaterbau auffälliger wurde die strikte Trennung von Zuschauer- und Bühnenhaus. Dieses überragte nun das Zuschauerhaus deutlich. Die massiven Dekorationen konnten ja nicht mehr aufgerollt, sondern mußten in den Schnürboden gehoben oder in die Seitenbühnen geschoben werden.

Die meisten Häuser stehen noch heute

Parallel dazu entwickelten Fachleute an den Technischen Hochschulen genaue Berechnungen über Heizung und Belüftung. So wurde 1897 eine Luftmenge von 29,7 m3 pro Person und Stunde für notwendig gehalten (heute 36,2 m3).
Wenn man die „F. & H.“-Theater heute besucht, ob in Fürth oder Hamburg, in Karlsbad oder Reichenberg (Liberec), Prag oder Sofia: man staunt, wie sie zwei Weltkriegen und den vielen politischen Veränderungen, auch dem Wandel der Theaterkultur, standgehalten haben. Gewiß, die Komische Oper in Berlin sieht heute anders aus als das „Metropoltheater“ von 1898. Augsburgs Theater wurde nach Kriegszerstörung innen einem Kino ähnlich. Bratislava, in den zwanziger Jahren noch dreisprachig bezeichnet, wurde allen deutschen und ungarischen Erinnerungen entäußert und mit einem modernen Anbau für Büros und Werkstätten versehen. Das Budapester Lustspieltheater (Vig Szinház) verlor im Krieg seine Kuppel (die man dem ähnlich gebauten Wiener Volkstheater wieder aufsetzte). Im Zuschauerraum von Sofia wurde ein modernes Deckenfresko angebracht. Überall gibt es mehr Scheinwerfer, Einrichtungen zur Radio- und Fernseh-Übertragung und andere Technik, die nicht immer schmückt.
Aber die Häuser widerstanden der Zeit, sie waren funktionell perfekt und vorausschauend geplant. Dies wird klar, wenn man das moderne Janácek-Opernhaus in Brünn und dann, nur ein paar hundert Meter weiter, das von F.&H. erbaute Stadttheater von 1882 betrachtet, das jetzt Schauspiel und Konzert bietet. Jeder mag selbst urteilen, bei welchem der beiden Gebäude Inhalt mit Hülle besser übereinstimmt. Das Grazer Opernhaus trägt wie 1899 die Inschrift: „Der Menschheit Würde ist in Eure Hand gegeben, Bewahret sie! Sie sinkt mit Euch, mit Euch wird Sie sich heben.“ Ob das Schiller-Wort noch der Maßstab ist?
L. STRÄTER/wip
Das Grazer Opernhaus heute. Früher diente der F.&H.-Bau als Stadttheater. Es wurde zwar renoviert, doch kaum verändert.
Das Grazer Stadttheater 1899. Dem Balkon fehlt heute die säulengetragene Überdeckung und das Dach verlor die unzähligen Gauben, doch sonst ist der Bau nahezu unverändert.

Stellenangebote im Bereich Naturwissenschaften

TWE GmbH & Co. KG-Firmenlogo
TWE GmbH & Co. KG R&D Manager (m/f/d) verschiedene Standorte
FVLR GmbH-Firmenlogo
FVLR GmbH Referent/in (m/w/d) Detmold
Deutsches Elektronen-Synchrotron DESY-Firmenlogo
Deutsches Elektronen-Synchrotron DESY Physikerin / Elektrotechnikerin (w/m/d) für magnetische Messungen Hamburg
Berliner Glas GmbH-Firmenlogo
Berliner Glas GmbH Entwicklungsingenieur CNC-Programmierung (m/w/d) Berlin-Neukölln
Takeda GmbH-Firmenlogo
Takeda GmbH Leiter Capital Projektmanagement (all genders) Singen
Knauf Gips KG-Firmenlogo
Knauf Gips KG Regional Lead Maintenance / Process Owner (m/w/d) SAP PM Iphofen bei Würzburg
SKF GmbH-Firmenlogo
SKF GmbH Fertigungsingenieur (m/w/d) Betriebstechnik (OT) / Digitalisierung Schweinfurt
Kandelium GmbH-Firmenlogo
Kandelium GmbH Technischer Leiter (m/w/d) Bad Hönningen
TÜV NORD EnSys GmbH & Co. KG-Firmenlogo
TÜV NORD EnSys GmbH & Co. KG Sachverständiger*Sachverständige zur Qualifizierung leittechnischer Komponenten im Bereich Energieinfrastruktursysteme Hannover, Hamburg
Jotec GmbH-Firmenlogo
Jotec GmbH Entwicklungsingenieur (m/w/d) Hechingen bei Balingen

Alle Naturwissenschaften Jobs

Top 5 Rekorde

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.