Kultur 03.12.1999, 17:23 Uhr

Soziale Wiederbelebung

Nur ein individueller Gemeinschaftssinn hält eine Gesellschaft am Leben. Diese Ansicht vertritt der Harvard-Professor Robert D. Putnam.

Gegen Arbeitslosigkeit und Armut, Politikverdrossenheit und Marktwillkür gibt es momentan kaum tragfähige Strategien. Von Seiten der Wissenschaft kommt nur noch wenig Gesellschaftskritik, schon gar keine konstruktive. Auf dem DG-Bank-Symposium „zur Zukunft von Wirtschaft und Gesellschaft“ in Hannover bemühten internationale Wissenschaftler nun alte Werte für neue Konzepte. Im Vordergrund der Reden und Diskussionen standen dabei soziale Ansätze.
Harvard-Professor Robert D. Putnam, Direktor des Center for International Affairs und Präsidentenberater, forderte mehr „soziales Kapital“. Sein Kollege Amitai Etzioni pochte auf die „soziale Verantwortung“. Und Amartya Sen, der im vergangenen Jahr den Wirtschafts-Nobelpreis erhielt, plädierte für mehr „soziale Aufmerksamkeit“ an gesellschaftlichen Brennpunkten. Wolf Lepenies, Kultursoziologe und Rektor des Wissenschaftskollegs Berlin, mahnte sozial nachhaltiges Lernen an. Es sind Versuche, die auseinander driftenden Prozesse zwischen Individualisierung und Globalisierung zusammenzubringen, um die Zukunft gestaltbar zu machen und den drohenden Bedeutungsverlust der Individuen aufzufangen.
Robert Putnam erklärt das Individuum wieder zum politischen Subjekt: Nur individueller Gemeinschaftssinn halte die Gesellschaft am Laufen. Diese Einsicht ist das Ergebnis einer 25-jährigen Forschungsarbeit in Italien. Dabei entdeckte Putnam, dass Gemeinden mit einem regen gesellschaftlichen Leben sehr viel besser funktionieren als andere. Das politische Klima verändere sich mit der Intensität des Soziallebens dramatisch.
„Wenn dieses gesamte Modell auf die USA übertragen wird, sieht es dort gerade ziemlich düster aus“, erklärte Putnam. Denn dort bröckelt das gesellschaftliche Leben, der Gemeinschaftssinn schwindet. Die Folgen: Viele Juristen verteidigen das Recht des Einzelnen, trotzdem schwindet die Rechtssicherheit mehr und mehr. Der Anteil der täglichen virtuellen Kommunikation steigt, reale Begegnungen werden im Alltag immer seltener. Als Folge der Globalisierung entsteht nicht zwangsläufig auch globale Verantwortung. Das sind nach Putnam nur einige Blitzlichter auf den Niedergang des sozialen Kapitals, der die politische Kultur mit in den Abgrund ziehe. 1960 hätten in den USA noch zwei Drittel der Bürger ihrem Staat vertraut. Heute misstrauten ihm zwei Drittel.
Anhand der Dichte der sozialen Netze entwickelte Putnam eine Kurve des Soziallebens, die sich auch als Politkurve lesen lässt. Zwischen 1900 und 1945 – abgesehen von einem vorübergehenden Einbruch während der Rezessionsjahre – stieg die Kurve stetig an. In diesem halben Jahrhundert wuchs der Organisationsgrad der US-Bürger, ihre Mitgliedschaft in religiösen, caritativen, gewerkschaftlichen oder politischen Institutionen die Menschen trafen sich zunehmend zu Partys und Picknicks, zum Kartenspielen oder zum Essen – mit nahezu kriminologischem Instinkt spürte Putnam umfangreiches Datenmaterial auf.
Nach dem Krieg kumulierte das soziale Kapital sprunghaft bis in die 60er Jahre – danach siegte die Konkurrenz, vorneweg das Fernsehen. Seit den 70er Jahren ersetzen vorbeirauschende Bilder zunehmend Gespräche und Begegnungen. Gleichzeitig frisst das Häuschen im Grünen durch lange Fahrten zum Arbeitsplatz die Freizeit auf, und in der jüngeren Generation steigert der Selbstdarstellungskult die Atomisierung. Genauso dramatisch brach das Vertrauen in den Staat zusammen, erzählte Putnam in Hannover. Nun werde genuines durch künstliches Vertrauen kompensiert. Das Urvertrauen gegenüber den Mitmenschen und dem Staat wurde eingetauscht gegen einen juristischen Schutzwall. Indikator sei die Zahl der Rechtsanwälte: Zwischen 1900 und 1970 gab es konstant etwa 35 Anwälte für 10 000 Einwohner. Heute sind es mehr als doppelt so viele.
Doch das Abendland geht deshalb noch lange nicht unter, beruhigte Putnam. Vor genau 100 Jahren hätten die USA eine ähnliche Krise erlebt. Immigration, Industrialisierung und Landflucht kappten damals den Gemeinschaftssinn. Bald aber keimte neues soziales Kapital: Zu Anfang des 20. Jahrhunderts eröffneten die Boyscouts in kurzen Hosen und voll Patriotismus eine neue Ära des sozialen Engagements. Ein ähnlicher Aufschwung des sozialen Kapitals stünde auch heute bevor. „Vielleicht ist das Internet, das die heutigen Probleme teilweise verursacht, auch Teil der kommenden Sozialkultur.“
Die Informationstechnologie gilt als Metapher der neuen gesellschaftlichen Prozesse, in denen Individualisierung und Globalisierung harmonisieren. Nach Wolf Lepenies müssten diese Prozesse von einer umfassenden Lehr- und Lernkultur begleitet werden. „Im Vordergrund steht dabei weniger das Resultat, die eindeutige Lösung klar definierter Probleme, als vielmehr ein gemeinsamer Lernprozess“ der Individuen und der Kulturen miteinander.
Auch Amartya Sen vertraut auf eine neue Dynamik gesellschaftlicher Systeme. Auslöser könnten atmosphärische Störungen sein, denn: „Jedes gesellschaftliche Klima tendiert dazu, bestimmte Prioritäten zu setzen. In den USA würde keine Regierung eine zweistellige Arbeitslosenrate überleben, in Westeuropa keine Regierung die Unsicherheiten des amerikanischen Gesundheitssystems.“ Um in Europa die Arbeitslosenquote zu drücken, müsste dem Problem mehr soziale Aufmerksamkeit gewidmet werden. Was das heißt, illustrierte Sen am Siegeszug des Kapitalismus in Japan: „Japans ökonomische Erfolgsgeschichte schrieb vor allem das breit angelegte Bildungssystem.“ Bereits 1906 kannte Japan keine Analphabeten mehr. Der Einsatz zahlte sich aus: „Auf diesem Humus entwickelte sich die japanische Wirtschaft mit ungeheurem Ungestüm.“ Erst die Interaktion der miteinander verflochtenen Teilsysteme – zu denen auch das Individuum gehört – kann nach Sen Zukunft erfolgreich gestalten. Der Blick auf kurzfristige Lösungen dagegen, so das Fazit, verstellt die Chancen für eine soziale Dynamik. RUTH KUNTZ-BRUNNER
Wolf Lepenies, Kultursoziologe und Rektor des Wissenschaftskollegs Berlin, mahnte auf dem DG-Kongress in Hannover zur Zukunft von Wirtschaft und Gesellschaft nachhaltiges Lernen an.
Robert D. Putman, Harvard-Professor und US-Präsidentenberater, warnte mit Beispielen aus den USA vor den Folgen der Individualisierung.

Ein Beitrag von:

  • Ruth Kuntz-Brunner

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