Kultur 23.11.2001, 17:31 Uhr

Sex in der Klemme

Mit der Ausstellung „Sex. Vom Wissen und Wünschen“ sucht das Deutsche Hygienemuseum Dresden Antworten auf die Frage, ob die Reproduktionstechnologie unsere Sexualität verändert. Auf kaum einen Bereich des menschlichen Lebens richten sich so viele Hoffnungen, Erwartungen und Sehnsüchte wie auf die Sexualität.

Klaus Vogel, Leiter des Deutschen Hygienemuseums Dresden (DHMD) erinnerte bei der Ausstellungseröffnung vorsichtig daran, dass „das Thema Sex ja irgendwie doch auch etwas mit Liebe zu tun hat“. Ja stimmt, irgendwie schon. Doch das gerät leicht in Vergessenheit. Wie auch der ursprüngliche Sinn von Sex langsam abhanden kommt: die Fortpflanzung.

Der gute alte Sex steckt in der Klemme. Einerseits prägt der allgegenwärtige Erotikdiskurs ein kaum erreichbares Ideal ewig williger, topfiter und kerngesunder Körper. Er bringt scheinbar individuelle Schönheiten hervor, normiert aber tatsächlich die Selbst- und Fremdwahrnehmung aufs Schärfste: Andere als schlanke und vor allem junge Körper fallen durchs Raster. Parallel zum öffentlichen Plastiksex erleben Paare im Privaten eine sexuelle Gegenwelt. Doch auch hier gerät Sex unter Druck. Viele Paare bleiben ungewollt kinderlos. Seit ihnen mit In-vitro-Fertilisation geholfen werden kann, ist es so überflüssig wie noch nie, miteinander zu schlafen.

Die Dresdener Ausstellung stellt die künstliche Befruchtung in den Mittelpunkt der Betrachtung. Das fast ausschließlich weibliche Team aus Wissenschaftlerinnen und Künstlerinnen hat das Thema statt durch die Lupe per Weitwinkel anvisiert. Die ältesten Exponate, anatomisch exakte Wachsmodelle von Geschlechtsorganen, stammen aus dem 18. Jahrhundert – aus einer Zeit, als künstliche Befruchtung undenkbar war. Gerade der historische Rückgriff macht beeindruckend deutlich, dass sexuelle Wahrnehmung dem Wandel der Zeit unterliegt.

Klar wird das an indizierten Bildern aus den 50er und 60er Jahren. Damals zum Schutz der Jugend aus Kiosken verbannt, wirken sie heute harmlos und lachhaft. Dagegen legt eine 25 m lange Wand, auf der die Sexualgesetzgebung seit 1871 zu verfolgen ist, beklemmend offen, wie sehr sexuelle Minderheiten dem Zeitgeist ausgeliefert sind. Nur 5 m neben einem Eintrag von 1935 – die Nazis hatten mit der Verschärfung des § 175 jede Form der Sexualität zwischen Männern „und sei es ein Blick oder eine Umarmung“ unter Strafe gestellt – steht da der unfassbare Satz: „Der durch den Nationalsozialismus verschärfte § 175 wird bei Gründung der Bundesrepublik Deutschland übernommen.“ Heute stehen homosexuellen Paaren bekanntlich die Standesämter offen.

Auch der wissenschaftliche Zugang zu Sexualität hat sich verändert. Anfangs, vor 200 Jahren, war die systematische Sexualforschung bemüht, Anormales ab- und auszugrenzen. Beredtes Beispiel davon geben Gipsbüsten von Onanisten und Erotomanen, deren Schöpfer Carl Gustav Carus behauptete, aus Form und Gewicht eines Schädels das sexuelle Verhalten ablesen zu können. Gerade gegen Onanie wurde schweres Geschütz aufgefahren. Um Heranwachsende von der Lust am eigenen Körper abzubringen, waren benagelte Penisringe und andere eigens gefertigte Metallapparaturen im Einsatz.

Onanie ist ein Reizthema geblieben. Die Ausstellung macht um das heikle Thema dennoch keinen Bogen. In Piet Eekmanns Dokumentarfilm „Die Männer meiner Oma“ spricht eine 78-Jährige in kaum gekannter Offenheit über ihr Liebesleben: „Manchmal, wenn ich daran zurückdenke, überkommt mich das mit meinen 78 Jahren, ja und dann – masturbiere ich. Und das ist immer noch schön.“ Einen Augenblick später berichtet sie von ihrem Balkon, den Blumen und ihrem zufriedenen Leben.

Das Idyll dieser alten Dame macht schmerzlich bewusst, dass ihre Offenheit, Klarheit und Natürlichkeit im großen Sexdiskurs – etwa in Talkshows oder Illustrierten – keinen Platz hat. Nur ein paar Schritte weiter läuft ein Dokumentarfilm der Züricher Künstlerin Ursula Biemann. Im Büro einer ukrainischen Partnervermittlung lässt sich eine Frau per Maßband vermessen, weil ein westeuropäischer Mann bis auf den Zentimeter genaue Vorstellungen von seiner Traumfrau an die Agentur übermittelt hat. Die Frau lacht, denn der Mann äußert keine Wünsche über ihren Charakter, aber ihre Schenkel, Hüften und Brüste sollen perfekt sein. Eine so perfekte Oberfläche will eine andere Interviewte nicht mehr bieten. Deshalb unterhält sie E-Mail-Beziehungen zu Partnern, die sie niemals trifft. Nur so sei es ihr möglich die Fiktion des Perfekten aufrecht zu erhalten: „Ich schreibe einen Liebesroman und jenseits aller Körperlichkeit bin ich selbst die Protagonistin.“ Jenseits aller natürlichen Körperlichkeit nennt eine Sprecherin aus dem Off auch die offensichtlich von Magersucht ausgemergelten Körper von Prostituierten in Manila. Ihr Marktwert steigt mit jedem verlorenen Gramm.

Die Dresdener Ausstellung legt Strukturen offen. Sie macht sichtbar, wo der öffentliche Diskurs über Sex Raum greift, ohne aufzuklären. Aber sie stellt diese Erkenntnis nicht in den Vordergrund. Statt dessen macht sie bewusst, dass wir über unsere Wahrnehmung des Sexuellen nicht selbst bestimmen.

Und das rührt im Kern an der Praxis künstlicher Befruchtung. Denn wir müssen uns die Frage stellen, ob und wie sie unsere Sexualität verändern wird. Der Literaturwissenschaftler Walter Benjamin hat 1936 in seinem Essay „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ darüber nachgedacht, wie neue Produktionsmöglichkeiten, etwa die Fotografie, die Kunst verändern. Heute ist der Mensch technisch reproduzierbar.

In den USA steht die In-vitro-Fertilisation (IVF) an der Schwelle zur Automatisierung. Im DHMD ist ein Laborgerät zu sehen, das mehrere Arbeitsschritte der IVF-Behandlung zusammenfasst. Der Text zum Exponat spricht davon, dass die unbefruchtete Eizelle durch einen „Einfüllstutzen“ über Schläuche in einen „Microchannel-Chip“ mit Spermien überführt werde, wo sie zur Befruchtung mehrere Stunden verbleibe. Der sich entwickelnde Embryo werde dann in den nächsten Chip gesaugt und reife dort zwei bis drei Tage, bevor er in die Gebärmutter gesetzt werden kann. Die Befruchtungsrate bei Mäusen lag bei 94 % binnen 72 h.

Dem Laborvorgang geht ein „Geschlechtsakt“ voraus, der mit Liebe wirklich nichts mehr zu tun hat: „Um an die unbefruchtete Eizelle zu gelangen, wird eine etwa 40 cm lange Entnahmekanüle durch die Scheidenwand in die Follikel des Eierstocks gestochen, wo die Follikelflüssigkeit abgesaugt und unter dem Mikroskop nach dem Ei abgesucht wird.“ Der Mann onaniert derweil in einen kleinen Plastikbecher. Becher, Kanüle und Follikelpumpe können im DHMD bestaunt werden.

PETER TRECHOW

Die Ausstellung läuft bis zum 11. August 2002 und kostet 7 DM Eintritt

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